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ſie nicht zum Nachdenken kommen, und ich muß ge⸗ ſtehen, ich liebe es auch an Frauen, wenn ſie ihre eigenen Gedanken haben.“
„Ich ebenfalls, lieber Selten,“ ließ ſich Herr Sternberg vernehmen,„und ich bekenne gern, daß meine gute Frau mir manchen verſtändigen Rath er⸗ theilt hat. Was aber meine Emilie eben ſagte, iſt nicht zu beſtreiten: Thereſe muß anfangen, Sprachen zu lernen, und da wir unſer Kind nicht von uns geben wollen, ſo wäre es wohl das Klügſte, eine tüchtige Gouvernante in das Haus zu nehmen.“
„Nur keine Pedantin, welche der luſtigen Lerche das Leben ſchwer macht, und keine munſikaliſche!“ entſchied der Doctor, vom Rechte des Hansfreundes Gebrauch machend.
„Sie ſprechen, als ob Sie die Muſik nicht liebten, lieber Selten,“ ſagte lächelnd die Hausfrau.
„Sie kennen mich beſſer, liebe Freundin, aber ich mag die Art von Damen nicht, welche ſich für außerordentlich muſikaliſch halten, weil ſie das Clavier mit einiger Fertigkeit bearbeiten, und über Alles reden, was in das Gebiet der Tonkunſt einſchlägt. Sie nennen das Langweilige claſſiſch, und das Ver⸗ worrene romantiſch; was wahrhaft ſchön in der Muſik iſt, wiſſen ſie eben ſo wenig, als ſie die Klar⸗ heit und den poetiſchen Werth einer Dichtung ſchätzen können. Nein, nein, was die Muſik betrifft, da muß Thereſe Ihre Schülerin bleiben.“
Frau Sternberg lachte; ihr Gatte bemerkte:„Der Doctor hat Recht. Uebrigens ſtimme ich ebenfalls für eine jüngere Gouvernante, welche lieb und freund⸗ lich iſt.“
„Nur nicht zu ſchön und liebenswürdig darf ſie ſein.“
„Biſt Du eiferſüchtig, Emilie?“ neckte Sternberg.
„Auf Dich nicht, lieber Ernſt,“ erwiderte ſie und reichte ihm mit einem ſchönen Blick die Hand, „wir ſind uns unſerer Treue gegenſeitig bewußt, aber ich möchte nicht, daß unſer Eduard Feuer finge, wenn er täglich in Geſellſchaft eines jungen reizenden Mädchens ſein müßte.“
Der Doctor lachte; Sternberg entgegnete:„Liebes Kind, in wenig Wochen geht Eduard nach Berlin, wo ebenfalls an reizenden Mädchen kein Mangel iſt. Er könnte ſich leicht in eine Dame verlieben, welche ſchlimmer ſein dürfte, als die Gouvernante, welche ſchon aus Rückſicht für uns und ihre Stellung im Hauſe nicht mit ihm kokettiren wird. Alſo, Emilie,
weder eine alte, noch eine häßliche Gouvernante.“ „Zugeſtanden, aber gut empfohlen muß ſie ſein,
ſolide Sprachkenntniſſe beſitzen und vor Allem guten
Ruf,
Anſtand, feine Manieren.“
Novellen⸗ZJeitung.
In dieſem Augenblicke brachte der Diener die neueſten Zeitungen, Jedes der Anweſenden ergriff ein Blatt und vertiefte ſich in den Inhalt deſſelben.
Jetzt rief Doctor Selten:„Sieh da, eine An⸗ zeige, die uns Alle intereſſirt: Für eine junge, gänz⸗ lich verwaiſte Dame aus guter Familie ſucht Pfarrer Auenmüller in E. eine Stelle als Gouvernante in einem angeſehenen Hauſe. Das Fräulein beſitzt gründliche Kenntniſſe in der engliſchen und franzö⸗ ſiſchen Sprache, überhaupt gediegene Bildung und iſt Meiſterin in feinen weiblichen Handarbeiten.“ Der Hausherr nahm das Blatt ſelbſt zur Hand, der Doctor erhob ſich, um ſeine Runde bei den Kranken zu machen.
Vier Wochen ſpäter, aber nicht beim Frühſtück, ſondern beim Abendthee finden wir das Ehepaar und den Hausfreund wieder im Salon. Die Glasthüren waren geöffnet, der Regen hatte nachgelaſſen und der Duft von Reſeda und ſpaniſcher Wicke durchzog d Gemach. Arm in Arm traten Thereſe und Eduard ein und nahmen am Theetiſche Platz; der Jüngl hatte ſeine Prüfung glänzend beſtanden und ſollte in einigen Wochen nach Berlin gehen. Zuletzt kam mit unhörbaren Schritten Cornelia Harder, die kürzlich angekommene Gouvernante. Sie verbeugte ſich leicht und mit Anmuth und ſetzte ſich hinter den Samovar, um den Thee zu machen. Auf den erſten Blick m Cornelia Jedem als ein junges, leidlich hübſches, ſorgfältig gekleidetes Mächden von guten Manieren erſcheinen, aber je länger das Auge auf ihrem blaſſen Geſichte, deſto anziehender erſchien dieſes. Zuweilen konnte man Cornelia für ein Mädchen von acht⸗ oder neunundzwanzig Jahren halten, dann wieder, wenn ſie erröthete und ihr Haar auf eine gewiſſe Art trug, für kaum zwanzig. Ihre Stimme klang lieblich und ſanft; wenn ſie lachte, was ſelten der Fall war, blitzten zwei Reihen Perlenzähne zwiſchen den feinen Lippen hervor. Ihre Züge, fein und klein, waren
zu bleich, ihre Augen, von unbeſtimmter Farbe, hatten—
etwas Unſtätes. Sie beklagte ſich zuweilen über ihre Kurzſichtigkeit. Ihr Benehmen war tadellos und höchſt einnehmend; Jeder mußte glauben, daß Cor⸗ nelia, in tiefen Schmerz über den Verluſt ihrer Eltern verſunken, nur zu einer Perſon Vertrauen und Zu⸗ neigung habe. Jeder im Sternberg'ſchen Hauſe, der Hausherr und die Hausfrau, der Doctor und die alte Amme der Frau Sternberg wähnten ſich beſonders von ihr geliebt und verehrt. Sie zeigte dieſe Zuneigung nicht in Worten, ſondern in Bewegungen, im Tone ihrer Stimme, in kleinen Geheimniſſen aus ihrer Vergangenheit, welche ſie
Eduard und Thereſe,
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