Jahrgang 
27-52 (1867)
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766 Novellen Mehrheit angehörte. Auch unter der Republik gehörte er der conſervativen Partei in der Aſſemblée nationale an. Unter der Präſidentſchaft Louis Napoleons, zu welchem er bereits vor dem Jahre 1848 in finanziellen Beziehungen geſtanden hatte, führte er viermal das Miniſterium der Finanzen, welches er auch am 2. December 1851 und ſpäter unter dem Kaiſerreich im Jahre 1861 wieder übernahm, um es in vorigem Jahre an Rouher abzugeben. Dazwiſchen ſtand er längere Zeit an der Spitze des Staatsminiſteriums und des Miniſteriums des kaiſerlichen Hauſes, und leitete in dieſer Eigenſchaft die Arbeiten für die Weltausſtellung von 1855 und den Ausbau des neuen Louvre. Er gehörte zu den Staatsmännern des Kaiſerreichs, welche nach Innen eine vorſichtig liberale und nach Außen eine vorſichtig fried⸗ liche Politik vertraten. Der Tod ereilte ihn am 5. October zu Tarbes in einem Alter von noch nicht ganz ſieben und ſechszig Jahren.

Dr. Louis Véron(geſt. nach längerer Krankheit am 27. September zu Paris) war eine der bekannteſten und charakteriſtiſchſten Figuren des modernen Frankreich, die durch ihre vorübergehenden Verbindungen mit den höchſten Kreiſen der Pariſer Geſellſchaft ſogar eine europäiſche Be⸗ rühmtheit erlangt hat. Im Jahre 1798 als Sohn eines Papierhändlers zu Paris geboren, ſtudirte er Medicin, und wurde 1821 Hülfsarzt in den Pariſer Spitälern. Nachdem er promovirt worden war, ließ er ſich in den katholiſch⸗ apoſtoliſchen Verein der guten Literatut aufnehmen, ſchrieb Artikel für die legitimiſtiſcheQuotidienne, und erhielt auf Verwendung ſeiner royaliſtiſchen Gönner den etwas ſeltſamen Poſten eines Oberarztes bei den königlichen Muſeen. In dieſer Zeit befaßte er ſich mit der Erfindung und Zubereitung eines Bruſtmittels, der ſogenannten Päte Regnault, das reißenden Abſatz fand und den Grund zu ſeinem großen Vermögen legte. Um 1829 ſtiftete er dieRevue de Paris, gab die Zeitſchrift aber bald wieder auf, um, wie er ſelbſt ſagte,der Nachfolger Lüllys, nämlich Director der großen Oper, zu werden. In dieſer Eigenſchaft inſcenirte er die Meyerbeer'ſche OperRobert der Teufel, die ihn zum Millionär machte. Nachdem er etwa fünf Jahre mit dem größten äußern Erfolg über das Sänger⸗ und Tänzerchor der erſten lyriſchen Bühne Frankreichs geherrſcht, legte er ſein Verwaltungsſcepter nieder, und meldete ſich bei ven Wählern in Breſt als Candidat der dynaſtiſchen Oppo⸗ ſition, fiel aber durch. Nun übernahm er die Leitung des damals ſehr heruntergekommenenConſtitutionnel und brachte das Journal durch die Mittheilung desEwigen Juden im Feuilleton, welchen er E. Sue um 100,000 Fr. abgekauft, wieder in die Höhe. Bei der Prüſidentſchafts⸗ frage 1848 erklärte ſich derConſtitutionnel nach einigem Beſinnen für Louis Napoleon, und nach der Präſidenten⸗ wahl wurde dieſes Blatt nebſt ſeinem Director völlig zum Bonapartismus bekehrt. Als Abgeordneter des Seinede⸗ partements trat Véron von nun an als Mimi Véron eine typiſche Figur desCharivari in den geſetzgebenden Körper. In ſeinem bekannten Glaubensbekenntniß ſagt er von ſich ſelbſt: er kenne aus eigener Lebenserfahrung die Couliſſen der Wiſſenſchaft, Kunſt, Politik und ſogar die Couliſſen der großen Oper. Seine für die Charakteriſtik des modernen Frankreich nicht unintereſſantenMémoires d'un bourgois de Paris begann er im Jahre 1854 zu veröffentlichen. Eine mit zahlreichen Indiscretionen geſpickte und höchſten Orts ſehr übel vermerkte Fortſetzung derſelben erſchien im vorigen Jahre im Feuilleton desConſtitutionnel.

Zeitung.

Voron hinterläßt, nach derFr. Corr., ein Vermögen von

3 Millionen. Er hat teſtamentariſch ſeinem Mündel, einem

Enkel des Journaliſten Bohain, 15,000 Fr. Rente, ſeiner

in Paris ſtadtbekannten Köchin Sophie 30,000 Fr. und ſeinem Kammerdiener 20,000 Fr. hinterlaſſen. Seinen Mündel hat er außerdem brieflich der Gnade des Kaiſers empfohlen.

In den erwähntenDenkwürdigkeiten eines Pariſer Bürgers ſpricht Dr. Véron u. A. auch von Fould; er erzählt, wie ihm Fould den Hof gemacht habe, um durch ſeinen und desConſtitutionnel Einfluß ſich eine politiſche Laufbahn zu eröffnen. Durch Véron wurde auch Fould mit dem Prinzen Louis Napoleon bekannt. L.

Zur Statiſtik des Selbſtmordes. Eine der dunkelſten Verirrungen der Menſchenſeele

der verſchiedenen Staaten keine Abnahme; ſo ſuchen in dem wegen ſeinesSpleen altberüchtigten England mehr als 1300 Pkrſonen aus Verzweiflung oder Wahnſinn Ruhe vor ihrem Jammer im Tod. Während der letzten acht Jahre zeigt das Verhältniß 66, 64, 70, 68, 65, 66, 64, 67 Selbſtmorde auf je eine Million Einwohner.

Merkwürdiger faſt noch, als die im Durchſchnitte ſich ziemlich gleichbleibende Zahl der Selbſtmörder iſt die Regel⸗ mäßigkeit im Verhältniß der verſchiedenen Todesarten, die von dieſen Unglücklichen gewählt werden. Erhängen kommt

iſt der Selbſtmord, und leider zeigen die ſtatiſtiſchen Tabellen

am häufigſten vor: 28 aus den 67, die von einer Million 6

Menſchen Hand an ſich ſelbſt legen, thun es auf dieſe Weiſe. Eben ſo regelmäßig kehrt die Zahl von 11 oder 12 wieder, die ſich mit ſcharfen oder ſpitzen Werkzeugen umbringen und) eine gleiche Anzahl ſucht den Tod im Waſſer. Vergiftung figurirt mit 7 unter den 67. Feuerwaffen bilden nur in drei Fällen das Mittel. Bei dem Reſt wird die unmittelbare Urſache nicht angegeben.

Verglichen mit andern Nationen, nimmt England mit ſeinen Selbſtmördern die zweite Stelle ein. Frankreich zählt jährlich 110, England 64, Belgien 45, Italien 31 und Spanien 15 Selbſtmörder auf eine Million Einwohner.

§.

Ein Gaſthof für Europner

iſt nunmehr auch, wie die bekannte Touriſtien Lady Lucie Duff Gorden aus Cairo in der Times anzeigt, zu Luxor auf dem Boden des alten Theben in Ober⸗Aegypten eröffnet worden. Der Eigenthümer deſſelben iſt ein koptiſcher Chriſt Namens Schnudah. Koſt und Wohnung mit Einſchluß einer Pint ordinären Weines werden pro Tag mit 10 Schil⸗ ling 6 Gulden rh. berechnet. So wird auch bayeriſches Bier, faſt ſo gut, wie in der gegenwärtigen

Biercalamität zu München, ſchon ſeit mehreren Jahren am Eingange von Pompeji verzapft u. ſ. w. Kurz, die Civili⸗ ſation greift immer mehr und mehr unm ſich! L.

Ein Mißverſtändniß. 1

DerProgrès in Lyon erzählt die folgende Anekdote⸗

Ein reicher Kaufmann in Lyon, der jedes Jahr die ſeiner an den Ufern der Saône erbauten Villa ein großes Feſt giebt, wollte demſelben dieſes Jahr einen ganz unge⸗ wöhnlichen Glanz geben und ließ deshalb den Pianiſſin

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