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betrachten. Das iſt in manchen Puncten wahr, weil ſeine Stellung eine ſchwierige ſein wird; aber Viel, ich darf ſagen Alles wird von Ihrer Liebe für ihn abhängen. Wenn Sie ihn lieben und gütig gegen ihn ſind, ſo wird er die Unan⸗ nehmlichkeiten ſeiner Stellung leicht ertragen, und in ſeinem Charakter iſt eine Standhaftigkeit und ein Frohſinn, welche ihm das erleichtern werden. Ich halte Ihre Pläne für vor⸗ trefflich. Wäre das Parlament zu einer ungewöhnlichen Zeit einberufen worden, ſo würde es ſich unbehaglich gefühlt haben, und deshalb wird es am beſten ſein, wenn daſſelbe dieſe Nachricht an dem Tage ſeiner Eröffnung empfängt. Die Vermählung mag dann, wie Sie ſagen, ſo kurz nachher wie möglich folgen. Leopold, R.“
Prinz Alberts Bruder, Ernſt, der jetzige regierende Herzog von Sachſen⸗Coburg⸗Gotha, dachte mit Schmerz an die Trennung und ein Brief von ihm an die Königin iſt nicht nur mit den beſten Wünſchen für ſeine Couſine ange⸗ füllt, ſondern ſpricht auch in den enthuſiaſtiſcheſten Ausdrücken von ſeinem Bruder. Und in dieſer Sprache handelt es ſich keineswegs um alltägliche Lobſprüche. Sie ſtimmt in einer merkwürdigen Weiſe mit dem überein, was wir von dem Charakter des Prinzen ſpäter erfahren. Er ſagt von ihm, er beſitze nicht blos einen ſchnellen, ſcharfen Ueberblick, ſondern ſeine Antriebe ſeien auch ſo edel und ſo rein,„daß er niemals gewußt habe, was es heiße, unſchlüſſig zu ſein.“ In dem folgenden Leben des Prinzen iſt es ſicher ſehr bemerkbar, wie ſchnell und mit welchem feinen Inſtinct, von dem man oft glaubt, er ſei nur den Frauen eigenthümlich, er ſofort den rechten Weg, der einzuſchlagen war, wählte. Der Prinz ſelbſt ſchien zu dieſer Zeit von ſich widerſtreitenden Gefühlen beſeelt zu ſein. Er war nicht weniger glücklich, als die Köni⸗ gin, in der Liebe ſeiner zukünftigen Gemahlin, aber ſeine Freude iſt doch mit einiger Aengſtlichkeit vermiſcht. In einem Briefe an ſeine Mutter ſchreibt er,„ſeine Beziehungen zu der Königin ausgenommen, werde ſeine künftige Stellung doch auch ihre dunkle Seite haben; er tröſtet ſich aber mit derſelben Erwägung, die er in ſeinem Glückwünſchungs⸗ Schreiben an die Königin nach deren Thronbeſteigung aus⸗ geſprochen hatte. Er ſagt:„Das Leben hat ſeine Dornen in jeder Stellung und das Bewußtſein, meine Kräfte und Anſtrengungen für einen ſo großen Gegenſtand wie der, das Gute ſo Vieler zu befördern, benutzt zu haben, wird ſicher hinreichend ſein, mich zu unterſtützen.“ Er iſt es ſich bewußt, daß er ſeine ganze Energie ſeinem Adoptiv⸗Vaterland wid⸗ men und ſich in einem hohen Grade von ſeinem Geburts⸗ Vaterlande trennen muß; aber er ertheilt einem ſeiner Correſpondenten die Verſicherung, er werde ſeine alte Heimath nicht vergeſſen und es ſei ſeine Abſicht,„ein wahrer Deutſcher, ein wahrer Coburg⸗Gotha⸗Mann zu ſein.“ Vielleicht giebt uns ein aufrichtiger Brief an ſeinen Freund, den Fürſten von Löwenſtein, die beſte Darſtellung ſeiner vermiſchten Ge⸗ fühle. Derſelbe lautet:
„Coburg, 6. December 1839. Lieber Löwenſtein!
Obgleich ich von einem Wuſt von Geſchäften und Arbeiten aller Art überhäuft bin, ſo muß ich doch ein paar Minuten zu erübrigen ſuchen, um Dir, einem treuen Freund, perſönlich Kunde von meinem Glück zu geben. Ich bin alſo wirklich Bräutigam und ſoll ſchon gegen den 4. Februar mit Der, die ich liebe, mich verbunden ſehen. Du weißt, wie die Sachen ſtanden, als ich Dich zuletzt hier ſah. Seitdem ver⸗ finſterte der Himmel ſich immer mehr. Die Königin erklärte meinem Onkel von Belgien, ſie wünſche, daß die Verhand⸗
Novellen⸗
Zeitung.
lungen als abgebrochen betrachtet ſein möchten, und vor vier Jahren werde ſie an gar keine Verbindung denken. Ich ging ruhig und mit dem feſten Vorſatz hinüber, zu erklären, daß auch ich, des Hingehaltenwerdens müde, mich von der Sache ganz zurückziehen würde. Doch dies war nicht im Rathe der Götter beſchloſſen, denn ſchon am 2. Tage nach unſerer Ankunft gelangten die freundlichſten Demonſtrationen an mich, und 2 Tage darauf ward ich insgeheim zu einer Privataudienz beſchieden, in welcher mir die Königin Hand und Herz anbot. Nun bedurfte es des ſtrengſten Geheimniſſes, nur Ernſt wußte darum; erſt bei unſerer Abreiſe durfte die Verlobung der Mutter mitgetheilt werden.
Ich glaube ſehr glücklich zu werden, denn Victoria beſitzt alle die Eigenſchaften, die eine glückliche Häuslichkeit
verbürgen, und ſcheint mir mit ganzer Seele zugethan.
Mein künftiges Loos iſt hoch und glänzend, doch auch reich⸗ lich mit Dornen beſetzt. An Kämpfen wird es nicht fehlen, ſchon der Monat März ſcheint Stürme zu erwarten.
Der Abſchied von der Heimath, von dem lieben Coburg, von ſo vielen Freunden wird mir recht ſchwer. Wann werde ich Dich wiederſehen, lieber Löwenſtein?
Ich bitte, zeige dieſen Brief Niemandem, ich ſchrieb Dir einige Details, auf Deine Verſchwiegenheit rechnend, da ich Deine Freundſchaft kenne. Lebe nun wohl und denke zu⸗ weilen an Deinen Albert.“
Das Mormonentheater.
Der Mormonenprophet Brigham Young hält ſich ſelbſt und gilt auch ſeinen Anhängern als der Hoheprieſter einer angeblich neuen Religion; er weiß, daß das Schauſpiel reli⸗ giöſen Urſprungs iſt und das Theater eine Schule der Sitten
genannt wurde. Young will nun auf alle Uranfänge zurück⸗
gehen— im Familienleben auf Abraham, in Bezug auf ge⸗ ſellige Vergnügungen auf Thespis. Young will auf dem Theater moraliſche Lehren predigen und durch ſeine Schau⸗ ſpieler und Schauſpielerinnen Vorbilder von gutem Be⸗ tragen, richtiger Ausſprache und gutem Geſchmack in der Kleidung hinſtellen. Um dieſes Ziel zu erreichen, hat er ein Muſtertheater gebaut und bemüht ſich, eine Muſtergeſellſchaft zik bilden.
In einer Stadt, wo ſich keine höheren oder gelehrten Schulen befinden, ſoll das Theater deren Stelle vertreten.
Die Form des Theaters iſt nach einem plumpen doriſchen—†
Styl; innen iſt es hell und luftig, es hat weder Draperieen noch Bogen, ausgenommen den großen Vorhang und zwei durch Säulen voneinander getrennte Proſceniumslogen; Weiß und Gold bilden die Verzierung.
Das Parterre ſteigt ſteil vom Orcheſter empor und läßt Jedermann gut hören und ſehen. Die Bänke werden an Familien vermiethet; hier ſieht man die Biſchöfe und Aelteſten an jedem Abend, wo geſpielt wird, mit den Ihrigen ſitzen und ſich amüſiren. Ein Schaukelſtuhl in der Mitte des Parterre iſt Young's Platz inmitten ſeiner Heiligen. Sitzt er in ſeiner Privatloge, ſo ſchaukelt ſich eine ſeiner Frauen, ent⸗ weder Eliſe die Dichterin, die blaſſe Henriette oder die ſchöne Amalie in ſeinem Stuhle. Um dieſen Platz ihres Propheten drängen ſich die erſten Räthe, Apoſtel, Biſchöfe, Geſchichts⸗ ſchreiber der Kirche und ſonſtige Mormonenlichter.
Die andere Proſceniumsloge iſt zum Gebrauch der Damen, die an dem Abend ſpielen, aber nicht gleich auf⸗ treten; ſie können in ihren Coſtümen da hineingehen, ohne geſehen zu werden, und da ſich Jeder in dieſem Muſtertheater
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