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Vierte
mich ſelbſt gebildet hatte. Eine Individualität, ein Charakter, welche die Achtung, die Liebe und das Vertrauen der Köni⸗ gin und der Nation gewinnen ſollen, müſſen die Grundlage meiner Stellung ſein. Dieſe Individualität giebt Sicherheit für die Geſinnung, welche zu Handlungen treibt, und ſollten ſelbſt Irrthümer vorkommen, ſo werden ſie wegen jenes per⸗ ſönlichen Charakters leichter vergeben werden; während es ſelbſt den edelſten und ſchönſten Unternehmungen nicht gelingt, einem Manne Unterſtützung zu verſchaffen, welcher nicht fähig iſt, Vertrauen einzuflößen. Wenn ich mich daher in dem wahren Sinne des Worts als ein edler» Prigz bewähre, was zu ſein Sie mich auffordern, ſo wird ein weiſes und kluges Betragen mir leichter und deſſen Erfolge reicher in Segnungen werden. An Muth dazu will ich es nicht fehlen laſſen. Mit dem feſten Entſchluſſe und wahren Eifer
voon meiner Seite kann ich nicht verfehlen, fortwährend edel,
männlich und fürſtlich⸗ in allen Dingen zu ſein. Bei Allem, was ich auch thun mag, iſt guter Rath das erſte nothwendige Erforderniß, und den können Sie mir beſſer als irgend Jemand geben, wenn Sie ſich nur dazu entſchließen wollen, mir für das erſte Jahr meiner hieſigen Exiſtenz Ihre Zeit zum Opfer zu bringen. Ich habe Ihnen noch viel zu ſagen, muß aber ſchließen, da der Courier nicht länger warten kann. Ich hoffe indeſſen, in Wiesbaden den Gegenſtand mit Ihnen mündlich ausführlicher zu beſprechen. Hoffend, Sie dort recht wohl und munter zu finden, bleibe ich Ihr ergebener Albert.“ Von ihren früheſten Jahren an hoffte die verwittwete Herzogin von Coburg, ihre gemeinſchaftliche Großmutter, daß dereinſt eine Vermählung zwiſchen dieſen beiden ihrer Enkelkinder ſtattfinden werde. Aus dieſer Idee kann ſie auch gar kein Geheimniß gemacht haben, denn der Prinz erzählte der Königin in ſpätern Jahren, ſeine Kinderfrau habe öfters
ihm gegenüber von dieſem Geſchick geplaudert, und als die
Zeit in ſeinem Leben gekommen ſei, wo er ſich mit den Ge⸗ danken an eine Vermählung beſchäftigt, habe er immer an ſie gedacht. Dem König von Belgien ſcheint aber mehr als irgend einer andern Perſon daran gelegen geweſen zu ſein, dieſe Vermählung zu Stande zu bringen. Er entdeckte in dem Prinzen zuerſt die Eigenſchaften, die ihn für eine ſolche Stellung eigneten, und im Jahre 1836 ſchrieb der Baron Stockmar, der treueſte Freund des Prinzen in ſpätern Jahren, an den König einen Brief, worin er eine ähnliche Meinung ausdrückte. Uebrigens ſtieß der Plan doch auf große Oppo⸗
— ſuion. Der König Wilhelm IV. war ein entſchiedener
Gegner deſſelben und er ſoll Alles verſucht haben, um ihm vorzubeugen. Für die junge Prinzeſſin wurden nicht weniger als fünf verſchiedene Partieen in Erwägung gezogen, und der König Wilhelm wünſchte ganz beſonders, daß ſie den Prinzen Alexander der Niederlande, den Bruder des jetzigen Königs von Holland, zu ihrem Gemahl wählen möge. In den erſten Monaten des Jahres 1838 ſcheint der König von Belgien den Gegenſtand der Königin gegenüber erwähnt zu haben. Wenigſtens ſprach er im März dieſes Jahres offen mit dem Prinzen Albert darüber und natürlich mit Wiſſen der Königin. Prinz Albert und deſſen Vater wollten, wie bereits erwähnt, von einem mehrjährigen Aufſchub nichts wiſſen. Seine Be⸗ ſorgniß war indeſſen nicht nothwendig. Er erreichte Windſor am 10. October und bereits am 15. war er mit der Königin verſprochen. Die Königin beſchreibt ihre Gefühle in dem folgenden Briefe an ihren Oheim Leopold: „Windſor Caſtle, 15. October 1839. Mein theuerſter Oheim! Dieſer Brief wird Ihnen, deſſen bin ich ſicher, Ver⸗
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gnügen gewähren, denn Sie haben an Allem, was mich betrifft, immer ein ſo warmes Intereſſe gezeigt und genommen. Ich bin zu einem feſten Entſchluſſe gelangt und habe es Albert dieſen Morgen geſagt. Die warme Liebe, die er mir zeigte, als er das erfuhr, gewährte mir großes Vergnügen. Er ſcheint die Vollkommenheit zu ſein und ich glaube die Ausſicht eines großen Glückes vor mir zu haben. Ich liebe ihn mehr, als ich ſagen kann, und werde Alles thun, was in meiner Macht ſteht, um dieſes Opfer(denn in meiner Mei⸗ nung iſt es ein ſolches) ſo klein zu machen, wie ich es nur vermag. Er ſcheint einen großen Tact zu beſitzen, in ſeiner Stellung ein ſehr nothwendiges Erforderniß. Dieſe wenigen letzten Tage ſind mir wie ein Traum vorübergegangen und ich bin ſo aufgeregt, daß ich kaum weiß, wie ich ſchreiben ſoll, aber ich fühle mich ſehr glücklich. Es iſt durchaus noth⸗ wendig, daß dieſer mein Entſchluß Niemandem bekannt wird, als Ihnen und dem Oheim Ernſt, bis nach dem Zuſammen⸗ tritt des Parlaments, da es ſonſt als eine Vernachläſſigung von meiner Seite betrachtet werden würde, das Parlament nicht ſofort einberufen zu haben, um daſſelbe davon in Kenntniß zu ſetzen. Lord Melbourne, den ich natürlich über die ganze Angelegenheit zu Rathe gezogen habe, billigt meine Wahl und drückt über dieſes Ereigniß, das er in jeder Hinſicht für ſehr wünſchenswerth hält, ſeine große Freude aus. Lord Melbourne hat in dieſer Angelegenheit, wie er es immer gegen mich gethan hat, mit der größten Güte und Zuneigung gehandelt. Wir halten es auch für beſſer und Albert billigt es vollkommen, daß unſere Vermählung kurz nach der Eröffnung des Parlaments, gegen Anfang des Februars, ſtattfindet. Ich bitte Sie, theurer Oheim, die beiliegenden zwei Briefe an den Oheim Ernſt zu beſorgen, und ihm ſtrenges Geheimniß zu empfehlen und dieſe Einzeln⸗ heiten zu erklären, was zu thun ich keine Zeit habe, und ebenſo dem treuen Stockmar. Ich denke, Sie möchten es auch Louiſen erzählen, aber Niemandem von deren Familie. Ich wünſche den theuern jungen Gentleman bis Ende des nächſten Monats hier zu behalten. Ernſt's aufrichtiges Ver⸗ gnügen macht mir große Freude. Er verehrt den theuern Albert ſo. Immer, theuerſter Oheim, Ihre ergebene Nichte, V. R.“ Der König Leopold antwortete darauf: „24. October 1839. Meine theuerſte Victoria! Nichts hätte mir ein größeres Vergnügen gewähren können, als Ihr lieber Brief. Als ich Ihren Entſchluß erfuhr, hatte ich beinahe das Gefühl des alten Simeon:„Nun läſſeſt Du Deinen Diener in Frieden fahren.“ Ihre Wahl war in den letzten Jahren meine Ueberzeugung, ſie möchte und würde für Ihr Glück die beſte ſein, und gerade weil ich davon überzeugt war und wußte, wie ſeltſam das Schickſal oft das verändert, was man nach dem beſten Plane, den man zu er⸗ ſinnen wußte, zu Stande zu bringen verſucht,— das Maxi⸗ mum einer guten Anordnung—, ſo beſorgte ich, es würde ſich nicht ereignen. In Ihrer Stellung, die von dem politi⸗ ſchen Geſichtspuncte aus vielleicht in der Zukunft noch ſchwie⸗ riger werden mag und wird, konnten Sie nicht beſtehen, ohne ein glückliches und angenehmes„intérieur“ zu haben. Und ich betrüge mich ſehr(ich denke aber, das thue ich nicht) oder Sie werden in Albert gerade diejenigen Eigenſchaften und Gemüthsbeſchaffenheit finden, die für Ihr Glück unent⸗ behrlich ſind und die für Ihren eignen Charakter, Ihre Ge⸗ müthsart und Lebensweiſe paſſen. Sie ſagen höchſt liebens⸗ würdig, daß Sie es von Seiten Alberts als ein Opfer


