Jahrgang 
27-52 (1867)
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762 Novellen

Zeitung.

faſſer zur Selbſtbeantwortung von tauſend Fragen, beleuchtet ſein zu können, haben nichts an ſich Be⸗ die ihnen die Logik und Conſequenz vorlegen. Man deutendes, dämoniſch Intereſſe Erregendes; aber ſie

)

verwechsle dies nicht mit Realismus. Realismus ſind zum Theil ſo anziehend, wie die Wirklichkeit

und zwar im ſchlimmſten Sinne des Wortes iſt genug in unſern modernen Erzählungen, aber deſto weniger Wahrſcheinlichkeit, zwangloſe Motivirung und pſycho⸗ logiſche Folgerichtigkeit. Dieſe guten, nothwendigen Eigenſchaften von Novelle und Roman, welche ge⸗ wöhnlich noch die Tugend der Einfachheit mit ſich bringen, vertragen ſich aber ganz vortrefflich mit einem dem rohen Realismus entgegenſtehenden Cha⸗ rakter, mit dem der Idealität. Wo finden wir heut⸗ zutage dieſe, alle Kunſt, Wiſſenſchaft und Literatur verklärende Kraft? Sie iſt zu den Vätern verſammelt.

Im Hinblick auf ſolche Betrachtungen, welche ſich immer wieder der Kritik aufdrängen und ihre Hoff⸗ nungen auf Hebung der epiſchen Proſadichtung ängſtigen müſſen, ſcheint der Bienenfleiß genauen Erzählens ſchon ein erfreuliches Symptom zu ſein.

Solch Symptom ſpricht in Goethe's Roman,Die Kinder der Todten, eine Erzählung aus dem Leben der Verbannten in Sibirien, angenehm an.

Dieſer Roman gehört zu den längeren und leidet

an einer Ausführlichkeit, die oft weder für feinen Geſchmack, noch für künſtleriſche Oekonomie zeugt. Gedankenreichthum iſt nirgends bemerkbar und der Styl iſt zwar nicht incorrect, wie gegenwärtig ſo oft vorkommt, aber dabei auch keinesweges elegant oder ſcharaktervoll.

Dagegen thut jene Ausführlichkeit wohl, denn ſie giebt uns ein ganz treues, liebevoll und emſig ge⸗ maltes Bild von fremden Zuſtänden, Landesſitten, Perſonen und deren Charakterzügen. Wir ſehen Alles, was iſt und geſchieht, deutlich vor Augen. Der Ver⸗ faſſer kennt, was er ſchildert, ganz genau und wir find von der Treue, mit der es wiedergegeben wird, auf unerwartete Weiſe überraſcht. Die Perſönlichkeiten des Romans, nicht zu zahlreich, um jede genügend

ſelbſt, wenn man in ihrer lebendigen Schrift zu leſen

verſteht. Es ward dem Gemüthe wohl in dieſer Um⸗

gebung und ſelbſt die Spitzbüberei, ruſſiſche Heuchelei

und egoiſtiſche, ſeinen Nächſten mit Devotion und brüderlicher Vertraulichkeit überliſtende, auf deſſen V Ruin hinarbeitende Niedertracht trägt jenes verſöh⸗ nende Etwas an ſich, das ihr durch jene rein menſch⸗ liche Eigenſchaften beigemengt wird, welche die abge⸗ feimteſten Schurken mit guten Menſchen gemein zu haben pflegen. Es findet ſich dadurch der unumſtöß⸗ liche Satz vertreten, daß es keinen Boͤſewicht giebt, der durch und durch ſchwarz iſt.

Der Dialog iſt ächt ruſſiſch empfunden und ge⸗ dacht, und wenn er die Schlauköpfigkeit der Unlauteren trefflich zeichnet, ſo wirkt er für die edleren Geſtalten ſehr erwärmend und gewinnend. Vieles iſt höchſt einfach gedacht und macht einen durch das Unglück der ruſſiſchen Zuſtände unterſtützten, ſchwermüthig

rührenden Eindruck. Der Verfaſſer hat dieſe Er⸗ rungenſchaften dem großen Fleiße zuzuſchreiben, mit welchem er in die gewiſſenhafte Darſtellung der Ein⸗ zelheiten eingegangen iſt.

Da es leider noch heute in Rußland eine Ver⸗ bannung nach Sibirien giebt, bei der weſentlich die

brecher von der Schwere eines grauſamen Geſchickes gepeinigt werden, ſo hat dieſe Entrollung eines düſteren Gemäldes, wie es unter den letzten Regie⸗ rungsjahren der Kaiſerin Katharina II. und ihres Nachfolgers gedacht iſt, ein auch unſere Zeit eng be⸗ rührendes⸗Intereſſe. Es malt mit Farben der Wahr⸗ beit ſchreckliche Verhältniſſe und tragiſche Geſchicke, die leider noch immer nicht der Vergangenheit über⸗ wieſen ſind. Dieſe Reformen ſtehen Rußland erſt noch bevor.

Jeuilleton.

The Earlier Years of His Royal Highness the Prince Consort. (Fortſetzung.)

Der folgende, an den Baron Stockmar, einen der ver⸗ trauteſten Freunde des Prinzen, gerichtete Brief beſchreibt ſeine ernſtern Erwägungen über ſeine neue Stellung:

Theurer Baron Stockmar! Tauſend, tauſend Dank für Ihren theuern, freundlichen Brief. Ich dachte, Sie würden ſicher ein großes Intereſſe an einem Ereigniſſe nehmen, das für mich ſo wichtig iſt und das Sie ſelbſt vorbereitet haben. Ihre Prophezeihung iſt erfüllt. Das Ereigniß iſt als eine

Ueberraſchung über uns gekommen, früher, als wir es er⸗ warten konnten; und ich bedaure nun doppelt, daß ich, aus Nachgiebigkeit gegen die Wünſche von Verwandten und durch den Widerſpruch Derjenigen, welche auf die Anwendung meines Lebens Einfluß hatten, den letzten Sommer verloren habe, den ich zu manchen nützlichen Vorbereitungen hätte verwenden können. Ich habe Ihren freundſchaftlichen und gütigen Rath in Betreff der wahren Grundlage, auf welcher mein künftiges Glück beruhen muß, meinem Herzen einge⸗ graben, und derſelbe ſtimmt vollkommen mit den Grundſätzen der Handlungsweiſe überein, die ich bereits perſönlich für

politiſch Gravirten, die ſogenannten politiſchenVer⸗