Jahrgang 
27-52 (1867)
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General v. Hogendorp einen Befehl erlaſſen, nach welchem alle Diejenigen, welche ſich für die nächſten ſechs Wochen nicht zu verproviantiren vermochten, nicht allein mit 25 bis 30 Stockhieben, ſondern auch mit gewaltſamer Ausweiſung bedroht wurden. Wäh⸗ rend Verzweiflung und Jammer herrſchten und Tau⸗ ſende von Unglücklichen von den Douanen, die nach den vorhandenen Vorräthen forſchten, auf den Knieen lagen und vergeblich um Nachſicht flehten, erhellten ſich die langen Fenſterreihen der Gemächer, welche der franzöſiſche Marſchall inne hatte: ein Lichtmeer ver⸗ breitete ſich in den prachtvoll decorirten Salons, die Schenktiſche beugten ſich unter der Laſt der Delicateſſen und die Hamburger Damen, welche auf Befehl ihres Peinigers zu dieſem Feſte hatten erſcheinen müſſen, waren gezwungen, ſich mit den franzöſiſchen Officieren zum Tanze zu begeben. Und eben, als vom Orcheſter aus die rauſchende Muſik begann, ereignete ſich in der Stadt Etwas, was die Haare emporſträuben und das Herz zu Eis erſtarren ließ.

Von Gensd'armen aus ihren Wohnungen ge⸗ trieben, von halbtrunkenen Soldaten mit dem Bajonnet bedroht, wurden Männer und Frauen, Kinder und Greiſe, Geſunde und Kranke aus dem Bette geriſſen und aus ihren Häuſern gejagt, um inmitten der ſtrengen Winternacht durch die Straßen getrieben und aus den geöffneten Thoren geſtoßen zu werden, um entweder in ſtundenlanger Entfernung bei mitleidigen Menſchen ein Unterkommen zu finden, oder, wenn ihre Kräfte nicht hinreichten, auf der verödeten Landſtraße unter Schutt und Schnee ihr jammervolles Daſein auszuhauchen. An 20,000 Menſchen wurden in dieſer grauſenvollen Nacht ausgetrieben und nahe an Tau⸗ ſend fanden auf freiem Felde, unter halbverbrannten Bäumen und eingeſtürztem Mauerwerke ihren Tod.

Es geht nicht mehr, Mutter, ſagte ein altes mageres Männchen, indem es ſich auf ſeine Frau ſtützte, welche ebenfalls eingefallen und hinfällig aus⸗ ſah,es geht wahrlich nicht mehr und am beſten iſt es, Du läßt mich hier liegen und ſuchſt Dich ſelbſt zu retten.

Faſſe nur Muth, entgegnete Frau Gertrud, die Ehehälfte des Meiſter Stich,und zeige jetzt, daß Du der Held biſt, für den Du Dich ſonſt ſo gern ausgabſt.

Gott verzeihe mir meine Sünde, jammerte unſer Bekannter,aber wer hätte geglaubt, daß jemals eine ſolche Prüfung über uns kommen könnte! Geh, Frau, geh und überlaß mich meinem Schickſale, denn ich fühle, es hat mit mir ein Ende!

Nein, entgegnete Frau Gertrud,dreißig Jahre

760 Novellen⸗

bin ich mit Dir durch's Leben gegangen, und dreißig

Jeitung.

Jahre hat mir die Pflicht obgelegen, für Dich zu ſorgen, und ſo will ich denn auch bis an mein Ende bei Dir aushalten. Kannſt Du durchaus nicht weiter nun gut, ſo mag Gottes Wille geſchehen, und ſo wollen wir zuſammen ſterben.

In dieſem Augenblicke ließ ſich das Rollen eines Wagens vernehmen und der Schein einer Laterne wurde erkennbar..

Hierher! Hülfe! Barmherzigkeit! ſchrie Frau Gertrud, indem ſie ihre letzte Kraft aufraffte.

Der Ruf war nicht überhört worden. Der Wagen rollte heran, hielt ſtill und bald leuchtete ein Mann dem alten Ehepaar in's Geſicht.

Auch zwei ſolcher Unglücklichen, ſagte er,und Gott ſei Dank, es iſt noch Platz, Euch aufzunehmen. Steigt ein!

Nie mehr will ich mich um Politik kümmern, murmelte der alte Schneider und kroch behaglich in das im Wagen aufgehäufte Stroh, wo er neben ſeiner Gattin bis über die Ohren einſank..

Während Beide dem Höchſten für ihre Rettung

dankten, kehrte der Eigenthümer des Fuhrwerks nach

Altona, woher er gekommen, zurück, nachdem er noch andere Opfer der Davouſt'ſchen Grauſamkeit vom Tode errettet hatte. Ueberhaupt zeigten ſich die Bewohner Altonas in jener Schreckenszeit als treue bewährte Nachbarn

Hamburgs und trugen viel zur erſten Linderung der f

Elends bei. Aber auch die übrige Umgegend, ſowie Lübeck und Bremen wetteiferten in Milde und Barm⸗ herzigkeit gegen die Vertriebenen.

(Schluß folgt.)

Gedicht Karl's XV., Königs von Schweden und Norwegen Deulſch von Dr. S. L. Bömers.

An Schweden. Du meerumbrauſter hoher Nord, O Vaterland, du treuer Hort, So ſtill du um dich blickeſt! Dem altbewährten Kämpen gleich Die Drohung ſtolz zurück du ſchickeſt, Erinn'rungsvoll und thatenreich!

Der Feinde Schaar umtobte dich, Doch ſtandſt du unerſchütterlich, Stark wie die Felſenhöhen;

Aus grünem Wald und Felſenthal, Wo ſtrohbedeckte Hütten ſtehen, Du weckteſt Helden ohne Zahl.