Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

November 1839. Darf ich Sie bitten, die Nachricht bis Ende dieſes Monats geheim zu halten, weil ſie erſt dann hier bekannt gemacht werden wird?(Fortſetzung folgt.)

Die Frau, der Salon und die literariſche Entwickelung.

Die Franzoſen haben die ſeltene Kunſt inne, über ſcheinbar ſo ernſte Themen ohne Breite und Schwerfälligkeit intereſſant zu bleiben. Hierdurch zeichnet ſich beſonders Pelletan in ſeinem vorletzten Werke über das Weib in ſocia⸗ ler Beziehung aus. Einiges hier mitzutheilen.

Das ſociale Leben, ſagt er, ſoll die Frau nicht in der Außenwelt ſuchen, ſondern im erweiterten Kreiſe des häus⸗

lichen Herdes. Am Anfange des ſiebenzehnten Jahrhunderts

eröffnete Katharine de Vivonne, Marquiſe de Rambouillet, zuerſt einen Salon und gründete das Aſylrecht des Gedan⸗ glich mehr einem Gefängniß, als einer

kens. Es iſt ein Bedürfniß für den Menſchen, Converſation zu führen und irgendwo ein Stelldichein des Wortes zu fin⸗

den. Zur Befriedigung dieſes Bedürfniſſes dienten im ſer auf die Köpfe der Vorübergehenden goß. Im Innern eine

Alterthume die Bankete, bei denen aber nur Männer zugegen ſein durften. So eine cölibatäre Umgangsweiſe mußte aber

nothwendig entweder in Rohheit und Plumpheit, oder in Der Salon dagegen bringt die

Ausſchweifung ausarten. Frau mit in's Spiel und giebt ihr in der Converſation das Ruder in die Hand. Durch ihre Anmuth weiß ſie die Zuſammenkunft zu elektriſiren und durch ihre ſanfte Be⸗ theiligung an derſelben zu mildern.

den Mann und ſich ſelbſt durch die Achtung, die er der Frau erweiſt und durch den eigenthümlichen Zauber, den ſie auf

ſeinen Geiſt ausübt.

Gleich dem Banket fanden die Sitzungen des Salons Männer auf des Abends ſtatt, in jener magnetiſchen Stunde nach dem

Folge.

geiſtert und

Es iſt werth, über das obige Thema eine ſich fortwährend erneuernde Schönheit über der ſonſt

Der Mann reſpectirt ſchaft; ein auf

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belohnt zu gleicher Zeit. Nicht ſowohl um zu überzeugen, ſpricht man, ſondern um zu gefallen, und die Converſation gewinnt einen leichten, koketten Anſtrich. Daher die andeutungsreiche Sprache, die Jedem das Verdienſt über⸗ läßt, geſchickt zu errathen. Bei dem Umtauſch der Gefühle oder Ideen verfolgt man gern deren Spuren im Blick und Geſichtsausdruck der Frau und nimmt als Dank in Baar⸗ zahlung das anmuthige Lächeln in Empfang.

Dadurch erwirbt die Frau den Zauber der Phyſiognomie. Durch die Converſation dringt die Seele auf ihr Angeſicht; ſie hört und träumt, ſie billigt und ſtrahlt ihrerſeits Lebens⸗ geiſter aus, und die fortwährend erneute Regung ſchwebt als

unbeweglichen Schönheit ihres Geſichtes.

Katharine de Vivonne veranlaßte eine förmliche Revo⸗ lution in der Architektur. Während im Mittelalter der Adel auf dem Lande lebte, hatte ſie in Paris nur ein Hötel, Ab⸗ ſteigequartier, wie ſchon der Name andeutet. Dies Hötel lehnsherrlichen Reſidenz. Außen herum eine crenelirte Mauer, eine arg⸗ wöhniſche Fagade, ein enges Pförtchen, und über das Alles hinaus ragte der lange Hals einer Dachrinne, die das Regenwaſ⸗

ſteinerne Mauertreppe; dann eine Menge bunt durcheinander gehender Stuben, keine Zimmer auf gleichem Boden, alle durch runde Kirchenfenſterſcheiben trübe erleuchtet, mit matt⸗ oder mit verblichenen Vor⸗ * 4

farbigen Ledertapeten beklebt, hängen ausgeſtattet. 4

Das Schlafzimmer war der Sammelplatz der Geſell⸗ einer Eſtrade ſtehendes monumentales Bett nahm den Hintergrund des Zimmers ein. Auf dieſem Bette liegend, hielt die Herrin vom Hauſe ihre Sitzungen, während die Damen ringsum auf Sammetpolſtern lagen und die ihre Degen geſtützt ſtanden.

Die Reform dieſes gothiſchen Empfangſyſtems unter⸗

Diner, wo die Kerzen ſtrahlen, die Blumen duften, wo die nahm die Marquiſe de Ramboulllet; ſie gab das Signal zum

Frau mit den anderen Frauen zum Wetteifer der Anmuth modernen Hôtel und machte beſonders geneigt iſt, wo eine ſo recht feſtliche Atmoſphäre in regelmäßige Facade,

ſelbſt die Vorſchriften dazu: gaſtliches Thor, freundliche und breite

der Seele das eigenthümliche Gefühl, die elaſtiſche Stimmun Treppe, auf der Mann und Frau bequem nebeneinander 9 pp 1

erzeugt, die man den Zuſtand der Anmuth der Converſation 1 Es ſcheint dann faſt, als habe ein Jeder einen Sinn mehr, zum Begreifen und zum Empfinden. Man iſt nicht mehr ein Mann von Genie, ein Staatsmann,

nennen konnte.

lange Reihe von Zimmern, in welche

gehen konnten; eine Fenſter fiel; kurz, überall Raum

das Licht durch hohe, breite und Licht. An die Stelle der Tapeten von Leder treten blauſeidene

ſondern ein Menſch, und zuweilen ſogar ein kindlich Vorhänge; Fenſtervorhänge von demſelben Stoffe mildern

geſtimmter Menſch; da giebt es kein profeſſionelles Treiben, keine Sucht zu herrſchen; man ſpricht, um zu ſprechen, und um miteinander in ſympathiſche Berührung zu kommen. Man ſpricht über die Dinge, wie es gerade kommt, auf gut Glück hin, daß die Inſpiration ſich einſtellen werde, und ſie kommt auch faſt immer, weil es an Zeit gebricht, ſchlechten Geſchmack zu entwickeln: man pflegt ja gewöhnlich am beſten zu ſprechen, wenn man nicht im Voraus weiß, was man ſagen will, und wenn die Gedanken in Fülle zuſtrömen. Da giebt es keine Tagesordnung, kein Commando; um welchen Ge⸗ danken es ſich auch immer handeln mag, man muß ihn ſporn⸗

ſtreichs in Angriff nehmen. Da herrſcht nicht der Monolog, ſondern der Dialog; der Salen geſtattet keine Nullen, keine

Alleinthätigkeit, während alle Andern ſich paſſiv verhalten; ſondern alle Welt ſpricht und alle Welt hört, Jedermann

nimmt Theil am Spiel, wirft und fängt den Federball.

Das iſt beſſer, als die bloße Rede, das iſt das eigent⸗ das iſt eine elektriſche Kette, der Anziehung machen.

liche, wahre Leben der Rede, eine gemeinſame Wallung.

Die Frau hört zu, urtheilt, be⸗

die Sonnenſtrahlen, daß ſie gleich ſanftem Mondſchein auf den Fußboden fallen. Von der Decke herab hängt der kryſtallene Kronleuchter, deſſen Licht auf den venetianiſchen Spiegel zurückſtrahlt, ſo daß man ſich in einen Feenpalaſt verſetzt glaubt. Die Uhr ſchlägt; es iſt die Stunde der Zuſammen⸗

Einer nach dem Andern treten die Eingeweihten ein, begrüßen ſich und behalten nach damaliger Mode den Hut auf dem Kopfe. Einem Jeden bietet die Gebieterin des Hauſes einen Stuhl oder Lehnſtuhl an, eine früher ganz unbekannte Sitte, und nun gewinnt die Unterhaltung, die man früher ſtehend oder liegend führte, ihren eigentlichen Charakter.

Zum Plaudern aber gehört Geiſt und im Allgemeinen findet man ihn nur bei dem Manne, der damit ein Gewerbe treibt. So wird alſo die Poeſie oder Literatur das Hand⸗ geld abgeben und den Salon der Marquiſe zum Mittelpunct

kunft.

Während nun die Marquiſe durch ihre Geiſtesrichtung