Dierte Jolge. 745
Geſchmacks ins Auge gefaßt hat, wer mit einem Worte lange Zeit, wie der Verfaſſer der obigen Schrift oder
wie der Schreiber dieſer literariſchen Briefe, drama⸗ turgiſcher Kritiker war und noch iſt, und einige tau⸗ ſend Theaterabende in Freud und Leid ſiegreich über⸗ wunden hat, ohne darüber ſeine literariſchen Gebeine
ſtellbar gegolten hat.
In Wahrheit, es iſt der Bühne nicht leicht ein originelleres, curioſeres Stück geboten worden, als in dieſem„Sommernachtstraum“, der den Brettern denn auch Jahrhunderte hindurch für völlig undar Erſt in unſerer Zeit trug ſich ein Dichter mit der Idee, ihn wieder auf der Scene
auf die Bleiche ſtrecken zu müſſen, dem ſteht es zu, möglich zu machen. Es war dies Ludwig Tieck, der große ein Wort mitzureden und ein wenig aus der Schule Bewunderer Shakeſpear'es, der ihn mit A. W. Schlegel,
zu plaudern.
auf die Leſſing'ſche Empfehlung hin, der deutſchen
Wehl hat ſich ſtets der Theaterfrage mit ebenſo Nation zum glorioſen Geſchenke machte und mit be⸗
vieler Wärme als Umſicht angenommen und
ſeine ſonderer Vorliebe an dieſem„Sommernachtstraume“
Feder dieſer Angelegenheit mit ruheloſem Fleiße ge⸗ hing, in den hinein die romantiſche Poeſie Tieck's ſo
widmet. Sein Buch, das eine Sammlung von Arbei⸗ ten über einzelne Fragen der Bühne enthält, möchten wir in ſofern nicht als eine Facherſcheinung betrachtet wiſſen, als es dem gebildeten, nach nationaler Ent⸗
wickelung des Bühnenlebens nothwendig begehrenden führung des„Sommernachtstraumes“. Publicum zukommt, ſich um das allgemeine Aeſthe⸗
tiſche dieſer Angelegenheit als Leſer und Verbreiter nützlicher Ideen zu bekümmern. Ich möchte dieſe Empfehlung einer willkommenen Erſcheinung, welche viel feine Züge, ſcharfſinnige Bemerkungen und eine ſehr gefällige Gewandtheit in der Darſtellung enthält,
V Wenn Tieck in Dresden ſeine glücklichſten Stun⸗
recht mit allen ihren reizenden Träumen, Phantaſte⸗ reien und Schrullen aufzugehen vermochte.
den hatte, ſo ſprach und ſchwärmte er von einer Auf⸗ Aber die Schauſpieler, die Regiſſeure, die Theaterkenner und Liebhaber ſchüttelten dazu mit dem Kopfe.„Die Sache iſt unmöglich!“ ſagten ſie weiſe.„Der Plan
iſ ein Hirngeſpinnſt, ein Traum der Königin Mab,
der ſich nie wird verwirklichen laſſen.“ Wenn Tieck das hörte, warf er ſich ärgerlich in ſeinen Stuhl
mit dem Beweiſe ſchließen, daß es dem Buche nicht zurück und ſchwieg.
an anregenden Betrachtungen fehlt.
Der Verfaſſer erzählt von der erſten Aufführung des Sommernachtstraumes:
So gingen Jahre hin.. Endlich wurde Tieck nach Berlin an den Hof Friedrich Wilhelm des Vierten berufen und unter
Die Geſchichte dieſes dramatiſchen Mährchens anderen Dichtungen, die er hier vor andächtig lauſchen⸗
iſt ſelbſt wie ein Sommernachtstraum. Man weiß, daß Shakeſpeare es ſchrieb, um damit das Ver⸗
mählungfeſt ſeines Gönners und Freundes Southamp⸗ V
ton zu verherrlichen, und es iſt ſolchergeſtalt ein reines Gelegenheitsſtück, wie etwa auch Gutzkow's „Königsleutnant“ eines iſt. Der Dichter webte es aus Mondſchein, aus griechiſchen Heldendamen und engliſchen Rüpelſpäßen, aus Blumenduft, Sommer⸗ ſchwüle und Elfentanz, aus inniger Herzensverehrung und heißeſten Segenswünſchen ſo wunderbar und köſtlich zuſammen, daß es Einem bei einer Vorführung gar ſeltſam und eigenthümlich zu Muthe wird. Es iſt Einem, als wäre man auf ſpätem Wege im Walde auf grünem Mooſe eingeſchlafen und als ſähe man nun im Schlafe das ſchöne helle Griechenthum im ſilbernen Mondlicht beim Schlagen der Nachtigall und unter dem Rauſchen der Bäume ſich mit den duftigen Erſcheinungen der romantiſchen Dichtung phantaſtiſch verſchmelzen: Theſeus und Oberon, Hypo⸗ lita und Titania und dazwiſchen in buntem Knäuel die leichtbeflügelten Weſen der reizendſten Fabelwelt mit den plumpen Getümmel der engliſchen Poſſen⸗ figuren: Ariel und Kaliban, die ſich ſingend und fluchend auf thauigem Graſe balgen.
den Ohren las, befand ſich auch Shakeſpeare's„Som⸗ mernachtstraum“. Als das Stück, das den erlauchten Zuhörerkreis in hohem Grade ergötzt hatte, zu Ende war, fragte der König:„Sollte das denn wirklich nicht mehr auf die Bühne zu bringen ſein?“ Tieck war wie vom Donner gerührt; er hat das ſelbſt oft ſehr lebhaft und komiſch erzählt. Das Herz ſchlug ihm bis in die Zungenſpitze und er konnte nicht gleich zu Worte kommen. Länger als zwanzig Jahre, faſt ein ganzes Menſchenleben hindurch, war er mit ſeiner Lieblingsidee auf kalten Widerſtand, auf nüchterne Anſchauungsweiſe und mitleidiges Achſelzucken ge— ſtoßen. Jetzt fragte ihn ein geiſtreicher, mächtiger Monarch: ob die Sache denn nicht darſtellbar? Tieck ſchwindelte; vor ſeinen Blicken öffnete ſich die Aus⸗ ſicht, einen ſeiner ſehnlichſten Wünſche am Abend ſeines Lebens in Erfüllung gehen zu ſehen.„Majeſtät!“ rief er endlich aus,„Majeſtät, wenn man mir die Erlaubniß und Mittel gäbe, es ſollte das entzückendſte Schauſpiel der Erde werden!“
„Nun gut, ſo macht Euch daran, Meiſter Ludo⸗ vico,“ ſcherzte Friedrich Wilhelm in ſeiner gewohnten Art.„Ich ertheile Euch Vollmacht und will befeblen, daß Küſtner(damaliger General⸗Intendant der könig⸗


