Probe zu ſtellen! Ja, ein Patriot bin ich,“ rief der eifrige Nadelheld, indem er ſich mit der Hand vor die Bruſt ſchlug,“ und wenn nur Fünfhundert hier in Hamburg wären, die mir gleich kämen——“
„So würden ſie noch keine Maus aus dem Loche jagen,“ fügte eine ſchadenfrohe Stimme hinzu.
Meiſter Stich ſchnitt ein grimmigeh Geſicht, fand aber für gut, ſeinen Zorn mit einem tüchtigen Schluck Bier hinunter zu ſpülen. Während jetzt eine kleine Pauſe eintrat, hatte ſich Georg in ein Nebenzimmer zurückgezogen, und war jetzt damit beſchäftigt, einige Zeilen auf ein Blatt Papier niederzuſchreiben.
„Wenn ich es mir recht überlege,“ ſprach der junge Mann zu ſich ſelbſt,„ſo kann ich Herrn von Thalheim eben ſo gut bei der⸗Tante⸗, wie im«tapferen Dragoner⸗ in Altona verbergen. Das Verſteck iſt nicht weniger ſicher und ich habe den Vortheil, daß ich ihm nicht erſt auf großen Umwegen Nachrichten zu geben brauche, wenn Etwas von Wichtigkeit vor⸗ fällt. Es iſt gut, daß ich mit ihm ſchon im Voraus für gewiſſe Vorkommniſſe eine Art Geheimſchrift ver⸗ abredete. Es wird ihm daher nicht ſchwer fallen, meinen Brief zu verſtehen und der tapfere Meiſter Stich ſoll ihn überbringen. Einweihen darf ich dieſen freilich nicht in das Geheimniß, denn ſeine ſchwatz⸗ hafte Zuuge würde es bald aller Welt klar machen; aber ich denke, der alte Narr eignet ſich am beſten zum Boten, um angefochten nach Altona zu gelangen, obgleich die Franzoſen auf die Beſtellung von Briefen dorthin freilich die Todesſtrafe geſetzt haben.”**)
Dieſe letztere Betrachtung machte Georg aller⸗ dings noch für einige Augenblicke in ſeinem Entſchluſſe wankend, allein da er ſelbſt an ein wildes, gefahr⸗ volles Leben gewöhnt war, ſo nahm er es auch dabei leichter. Er ſetzte ſich daher nieder und ſchrieb:
„Wenn der Wolf ſich nach Sonnenuntergang von ſeinem Lager erhebt, werden die J Jäger, welche ſeine Spur verfolgen, ihn nicht finden und er kann in ſein ſicheres Verſteck in das Land, welches die ⸗wilden Männers bewohnen, zurückkehren, um dort den Augen⸗ blick zu erwarten, wo es Zeit ſein wird, das Lamm den Klauen des Geiers zu entreißen. Inzwiſchen Vorſicht, denn die Feinde ſind wachſam!“
So!“ ſagte der junge Mann, indem er den Brief zuſammenfalteie und verſiegelte,„jetzt kommt es nur darauf an, ein Mittel ausfindig zu machen, welches am beſten dazu geeignet iſt, Meiſter Stich zur An⸗ nahme dieſer Botſchaft zu bewegen. Doch darüber nachzuſinnen bleibt mir noch Zeit und ich denke, ich werde meinen Zweck am beſten erreichen, wenn ich den⸗
5) Hiſtoriſch.
Novellen⸗
wiſſen.
den Brief zu beſorgen?“ 1
Zeitung.
ſelben auf dem Heimwege eine Strecke begleite und dann ſeine politiſchen Faſeleien benutze, um zu meinem Ziele zu gelangen.“
Georg kehrte unter dieſen Betrachtungen in das Gaſtzimmer zurück und indem er neben dem alten Meiſter Platz nahm, hörte er deſſen hochtrabende Schwatzereien mit an, indem er nicht unterließ, ſchweigend zur Aufrechthaltung von deſſen guter Laune hier und da eine zuſtimmende Bemerkung einzuflechten. Endlich erhob man ſich und auch der politiſche Kannegießer griff nach Hut und Stock.
Wollt Ihr allein nach Hauſe zurückkehren, Meiſter?“ fragte Georg, der ebenfalls Anſtalt zum Aufbruch machte.
„Und warum denn nicht?“ rief der Kleiderkünſtler in prahlendem Tone, indem er herausfordernd um ſich blickte; des jungen Mannes und flüſterte:
„Glaubt Ihr, daß mir irgend eine Gefahr be⸗ vorſteht?“
„Nun, man kann nicht wiſſen. Ich meine, ich hätte vorhin ein Geſicht erblickt, welches mir verdächtig vorkam.“
Meiſter Stich hing ſich ſogleich an den Arm Georgs.„Kommt,“ ſagte er,„ich fürchte mich zwar vor Tod und Teufel nicht, aber man kann nicht beſſer iſt beſſer, und Ihr ſeid ein junger, käftiger Geſell.,“
Beide traten auf die Straße. Georg bemerkte, daß ſein Begleiter mißtrauiſch um ſich blickte und daß deſſen Körper leiſe erbebte.
„Ich glaube wirklich, Ihr fürchtet Euch?“ ſagte er in einem abſichtlich ſpöttiſchen Tone.
Dieſe Bemerkung verletzte die Eigenliebe des
alten Schneiders.
„Ich mich fürchten!“ rief er.„Wo denkt Ihr hin? Setzt mich auf die Probe und Ihr werdet ſehen, daß Ihr einen Mann vor Euch habt, der jeden Augenblick bereit iſt, für die deutſche Sache zum Martyrer zu werden.“ 4
„Gut, ich nehme Euch beim Worte,“ ſagte ſein Begleiter.„Hier iſt ein Brief nach Altona zu be⸗ ſtellen, von deſſen gewiſſen hafter Beſorgung die Sicher⸗ heit eines jungen Mannes abhängt, der mit einer wichtigen politiſchen Sendung von unſeren Freunden aus Berlin hierher geſchickt wurde.“)“
„Mit einer wichtigen politiſchen Sendung?“ rief Meiſter Stich, deſſen Neugierde dadurch auf's Höchſte erregt wurde; dann ſetzte er aber ſogleich kleinlaut hinzu: d
„Wäre es nicht beſſer, Ihr unternähmetes ſelbſt,
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gleichzeitig neigte er ſich aber auch zum Ohr
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