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„Ja, wohin?“ entgegnete Georg nachdenkend, „das iſt eben die Frage. Für den Augenblick müſſen Sie ſo lange aus Hamburg fort, bis ich für Sie ein ſicheres Verſteck aufgefunden habe. Vorlaufig müſſen Sie nach Altona,“ fügte er nach einigem Nachdenken hinzu,„dort ſind Sie in Sicherheit. Die Altonaer ſind Deutſche wie wir und gleich uns haſſen ſie die Franzoſen. Wenn Sie in die Stadt kommen, ſo biegen Sie in die dritte Querſtraße, dann halten Sie ſich links und wenn Sie eine Strecke fortgegangen ſind, dann fragen Sie nach Peter Weſtrop, dem Wirth zum stapferen Dragoner⸗. Hier, nehmen Sie dieſen
Ring, zeigen Sie ihm denſelben und bringen Sie ihm einen Gruß von dem wilden Georg. Sie können alsdann ſicher ſein, daß ſich der alte Kauz eher die Zunge in tauſend Stücke ſchneiden läßt, ehe er Sie verräth.“
Während dieſes Geſprächs hatten die beiden jungen Leute ihren Weg fortgeſetzt und waren zuerſt beim botaniſchen Garten, dann beim St. Paul⸗Be⸗ gräbnißplatz und ſchließlich beim neuen Camp vor⸗ übergegangen.
„Jetzt können Sie nicht mehr fehlen,“ ſagte
Georg, ſtehen bleibend,„denn dort liegt die Stadt
vor Ihnen und Sie brauchen nur immer in gerader Richtung vorauszuſchreiten. Glück auf die Reiſe! Ich will nach Hamburg zurück, um für Sie weiter zu wirken. Iſt die Luft rein, ſo erhalten Sie morgen ſchriftliche Nachrichten, und da ich mir hierzu einen Boten auserſehen habe, der gewiß am allerwenigſten Verdacht erregen wird, ſo muß ich eilen, wenn ich denſelben noch an dem Orte treffen will, wo er ſich gewöhnlich aufzuhalten pflegt.“
„Auf ein frohes Wiederſehen alſo,“ ſagte Thal⸗ heim, indem er ſeinem Freunde die Hand ſchüttelte; „laſſen Sie mich nicht zu lange warten!“
„Morgen erhalten Sie ganz beſtimmt einen Brief,“ verſicherte Georg nochmals.
„Gut. Und dann theile ich Ihnen mit, welche Verabredungen ich mit Emma getroffen habe. Sie iſt zu jedem Schritte entſchloſſen und ich habe mir ſchon ſo einen Plan ausgedacht, bei welchem ich Ihre Hüulfe nicht werde entbehren können.“
„Ich bin zu jeder Stunde bereit,“ antwortete Georg.
„Gute Nacht denn!“
„Auf Wiederſehen!“
Dieſe Worte riefen ſich die beiden jungen Männer zu, nachdem ſie ſich bereits getrennt hatten. kehrte diesmal durch's Dammthor zurück, überſchritt den
Gänſemarkt, die hohen Bleichen und befand ſich bald„Was Ihr mich erſchreckt habt, Herr Georg!
Folge. 739
Zeitlang eine Anzahl Kreuz⸗ und Quergaſſen durch⸗ eilt hatte, blieb er endlich vor einem niedrigen Hauſe ſtehen, über deſſen Eingang ein Schild hing, welches durch eine große Laterne beleuchtet wurde.
Indem er einen Augenblick auf der Schwelle verweilte, rief er durch ein halblautes Zeichen einen Aufwärter, der eben aus der Schankſtube trat, zu ſich heran..
„Sie ſind es, Herr Georg 2“ fragte dieſer, ver⸗ traulich näher tretend.
„Ja, ich bin es, Wilhelm. Iſt drinnen Alles richtig?“
„Alles in Ordnung,“ flüſterte dieſer,„es hat ſich heute noch keine Spürnaſe blicken laſſen.“
„Iſt Meiſter Stich anweſend?“
„Sie wiſſen ja, daß er keinen Abend fehlt. Er iſt wieder im vollen Schwatzen.“
„Höre, bringe mir einen vollen Krug und dann, ſollte irgend Etwas vorfallen, was Deinen Verdacht erregt, ſo gieb mir bei Zeiten einen Wink.“
Mit dieſen Worten trat Georg in das Gaſtzimmer. Dort ſchallte ihm ſchon von ferne die Stimme des Meiſter Stich entgegen.
„Ich frage Euch, Nachbar,“ ſchrie er, ſich zu einem anderen Bürger wendend,„leben wir in einem Rechtsſtaat?— Thürſteuer, Perſonenſteuer, Fenſter⸗ ſteuer, Grundſteuer und dazu noch die Tabaksregie, ſo daß man nicht mehr mit Ruhe eine Priſe nehmen kann, und endlich die Douanen— nun, ich ſage Euch, es wird zuletzt noch ſo weit kommen, daß man uns den Biſſen Brod zuzählt, welchen wir in den Mund ſtecken!— Und ich ſage Euch, es kann es hören, wer da will, aber ich bleibe dabei, es muß anders werden,“ rief Meiſter Stich mit noch lauterer Stimme, indem er ſich herausfordernd umſah,„und es wird auch an⸗ ders werden,“ fuhr er fort,„ich weiß es aus ſicherer Quelle.“ 4
Hier fuhr Meiſter Stich, wie von einer elektri⸗ ſchen Kraft berührt, plötzlich von ſeinem Stuhle empor und wurde blaß wie der Tod, denn eine Hand hatte ihn auf die Schulter geklopft und eine Stimme ſagte:
Georg
„Nun, ſo ſprecht doch, damit wir einmal hören, was Ihr eigentlich ſagen wollt.“
Während die Anweſenden bei den ſichtbaren Zeichen der Furcht, welche Meiſter Stich, trotz ſeines ſoebeu gerühmten Muthes, blicken ließ, in ein helles Gelächter ausbrachen, ſchaute der ſchwatzhafte Schneider Dem⸗ jenigen, welcher ihn ſo unerwartet unterbrochen hatte, Zuerſt ganz verblüfft in's Geſicht, fügte aber gleich Erleichterung hinzu: — Bei
darauf mit einem Seufzer der
im Mittelpuncte der Stadt. Nachdem er noch eine Gott, es iſt nicht recht, einen Patrioten ſo auf die
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