Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierle Solge. 7³³

bei weitem am häufigſten und beliebteſten waren Liebesge⸗ Leiſtungen, die den Pantomimen nachgerühmt werden, er⸗ ſchichten, und zwar nicht wenige vom bedenklichſten Inhalt, ſcheinen nur dann begreiflich, wenn man ſich erinnert, daß theils aus der Götterſage, wie die Liebesabenteuer und Ver⸗ die antike Kunſt(und namentlich die Kunſt der Bühne) die wandlungen Jupiters, Venus und Adonis, Venus und Mars im Phantaſie des Betrachters zur Ergänzung des Gebotenen in Netze Vulcan's, Apollo und Daphne u. ſ. w., theils aus der ungleich höherem Grade aufforderte und an ſolche Thätigkeit Heldenſage, wie Phädra und Hippolyt, Meleager und Atalante, gewöhnte, als die moderne. Uebrigens kannte man in Proteſilaos und Laodamia, Jaſon und Medea, Achill auf Scy- Auguſt's Zeit auch pantomimiſche Scenen, in welchen zwei ros, Achill und Briſeis, Ariadne auf Naxos, Paſiphar, Kinyras Darſteller auftraten und jeder von beiden ſeine Rolle ſelbſt⸗ und Myrrha u. ſ. w. Dieſe und ähnliche Gegenſtände wurden ſtändig durchführte; ob ſolche aber auch auf der Bühne ſtatt⸗ während der ganzen Kaiſerzeit von Pantomimen auf allen fanden, iſt unbekannt; keinenfalls ſcheinen ſie ſich darauf er Bühnen vorzugsweiſe dargeſtellt und feſſelten überall die halten zu haben, da ſie nie weiter erwähnt werden. Zuſchauer am meiſten. Je mehr Muſik und Geſang dem Der Pantomimentanz war kein Tanz im heutigen Tanz untergeordnet waren, deſto ausſchließlicher nahm dieſer Sinne, er beſtand hauptſächlich in ausdrucksvollen und das ganze Intereſſe der Zuſchauer in Anſpruch. Zwar ward rhythmiſchen Bewegungen des Kopfes und der Hände, ob⸗ das Verſtändniß des Tanzes durch den Chorgeſang unter⸗ wohl natürlich Bewegungen des ganzen Körpers, Biegungen ſtützt und vermittelt, doch die eigentliche Aufgabe, die ſich die und Wendungen aller Art und ſelbſt Sprünge dabei nicht neue dramatiſche Gattung ſtellte und löſte, war, das ſtumme fehlen konnten. Die Sprache der Hände, dieſe(wie Quin⸗ Spiel ſo viel möglich auch ohne ſolche Hülfe verſtändlich zu tilian ſagt) bei ſo großer Verſchiedenheit der Mundarten machen. Dieſe Aufgabe war um ſo ſchwieriger, da ein Pan⸗ allen Völkern gemeinſame Sprache, war offenbar im Alter⸗ tomime in demſelben Stück, wie geſagt, mehrere und zwar die thum noch reicher an bezeichnenden und allgemein verſtänd⸗ verſchiedenſten Rollen durchzuführen hatte. Er erſchien z. B. lichen Geſten, als die Geberdenſprache der heutigen Südländer; erſt als raſender Athamas, dann als furchterfüllte Ino; erſt jede veränderte Haltung der Hand und der einzelnen Finger als Atreus, dann als Thyeſt und wieder als Aegiſth oder drückte einen andern Sinn aus, und dieſeBeredtſamkeit des Aerope, oder hintereinander als Bacchus, Kadmos, Penteus Tanzes wurde ohne Zweifel durch die fortdauernde Uebung und Agaue. Sodann lag es dem Darſteller ob, durch der Kunſtmehr und mehr erweitert, ausgebildet und verfeinert. ſein Spiel die Phantaſie der Zuſchauer zur Ergänzung Griechiſche Enthuſiaſten meinten ſogar, daßphiloſophiſche der übrigen Perſonen des Stückes anzuregen und deren Tänzer in ihrem Schweigen, gleichſam neue Pythagoriker, Beziehungen zu der von ihm dargeſtellten Hauptperſon beredter ſeien, als Rhetoren in ihren Vorträgen. Denkende auszudrücken: er mußte bei der Darſtellung des Achill die Künſtler ſuchten nicht ſowohl die einzelnen Worte, als den Perſon des Paris, bei der des Prometheus den Vulcan, bei Sinn des Textes durch entſprechende Bewegungen auszu⸗ der des Ganymed den Jupiter mit andeuten u. ſ. w. Der drücken; ſie verſchmähten es z. B., Krankheit durch die Ge⸗ berühmte eyniſche Philoſoph Demetrius(unter Nero) ſoll ſich V berde des Pulsfühlens, Cytherſpiel durch die des Saiten⸗ einſt über die Pantomimen geringſchätzig ausgeſprochen haben, ſchlagens zu bezeichnen. Als Hylas(in einer Probe oder die, wie er meinte, ohne Chor und Muſikbegleitung nichts zu in der Tanzſchule) die Textworte:den großen Agamemnon leiſten vermöchten. Der damals bedeutendſte Pantomime dadurch ausdrückte, daß er ſich auf die Zehen ſtellte, tadelte Roms(wahrſcheinlich Paris) beſchloß ihn vom Gegentheile ihn ſein Lehrer Pylades, weil er ihn lang, aber nicht groß zu überzeugen, und tanzte vor ihm den Ehebruch des Mars mache; er ſelbſt nahm bei dieſen Worten die Stellung eines und der Venus. Er drückte die Anzeige des Sonnengottes Nachdenkenden an. an den betrogenen Gemahl, die Nachſtellung Vulcan's und Nach allen Schilderungen dürfen wir eine feine die unſichtbaren Feſſeln, die Scham der Venus, die Bitten Charakteriſtik bei den beſſeren Künſtlern vorausſetzen. Mit des Mars, die ſämmtlichen andern von Vulcan herbei⸗ einer Darſtellung des blinden Oedipus durch Hylas ſoll gerufenen Götter durch ſein ſtummes Spiel ſo verſtändlich Pylades unzufrieden geweſen ſein, weil ſeine Bewegungen aus, daß der Philoſoph bewundernd die Unrichtigkeit ſeines die eines Sehenden waren. In rührenden Scenen vermochten Urtheils eingeſtand. Im Achill auf Scyros ſtellte der Künſt⸗ die Pantomimen, die das Leid der von ihnen dargeſtellten ker die ſpinnenden und webenden Jungfrauen und Achill in Perſonen mitzuempfinden ſchienen, die Zuſchauer nicht ſelten Weibertr acht unter ihnen vor; ſein Spiel bewirkte, daß man zu Thränen hinzureißen. Weichliche Tänzer, ruft ein chriſt⸗ Odyſſeus an der Thür erſcheinen zu ſehen und Diomed in licher Schriftſteller, flößen die Leidenſchaft ein, die ſie heucheln; die Trompete ſtoßen zu hören glaubte; aber auch Achill vor ſie ſchänden eure Götter, indem ſie ſie unzüchtig, ſeufzend, Troja, in der Schlacht die Lanze ſchleudernd und mordend, haßerfüllt vorführen; durch erlogenen Schmerz erregen ſie mit Hector kämpfend und ſeine Leiche ſchleifend, der Fall mit eiteln Geberden und Winken eure Thränen. Troja's und der Tod des Priamus, die Kämpfe des Theſeus, Wenn aber die beſten Künſtler ihre Erfolge einer geiſt⸗ die Arbeiten des Hercules, ſelbſt der Kampf der Centauren vollen, durchdachten und künſtleriſch ſchönen Darſtellung zu vnd Lapithen wurde vorgeſtellt. Daß die Pantomimen verdanken bemüht waren, ſo beruht der Zauber, den dies Maske und Coſtüm für jede neue Rolle deſſelben Stückes in Schauſpiel auf den größten Theil der Zuſchauer und Zu⸗ der Regel wechſelten, iſt ſelbſtverſtändlich und ausdrücklich ſchauerinnen ausübte, doch in ſeinem ſinnlichen Reiz. bezeugt; doch gab es auch eine Darſtellungsart, wo dies nicht Prachtvolle bunte und faltenreiche Gewänder und eine Maske geſchah, vermuthlich eine Probe großer Virtuoſität, und es ohne die häßliche Schallöffnung der Tragödenmaske hoben die liegt in der Natur der Sache, daß eine ſolche nur ausnahms⸗ Wirkung einer tadelloſen jungen Geſtalt, die für den Panto⸗ weiſe vorkommen konnte. mimen unerläßlich war; in ihm ſollte man nach Lucian's Die pantomimiſche Kunſt, die ſolche Aufgaben zu löſen Meinung den Kanon Polyklet's verkörpert ſehen. Gegen vermochte, mußt e um ſo größer ſein, da neben dem einzigen Mängel der äußeren Erſcheinung waren die Zuſchauer am Tänzer auch nicht einmal Statiſten als Darſteller von wenigſten nachſichtig. In Antiochia wurde einem kleinen

Nebenperſonen aufgetreten zu ſein ſcheinen. Doch die! Tänzer, der als Hector auftrat, zugerufen: das iſt Aſtyanax

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