Jahrgang 
27-52 (1867)
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73² Novellen und dies zeigt wie nichts Anderes, wie fern die antike Bühne von dem Streben, und die Zuſchauer nach dem Verlangen von Illuſion waren: die ganze Bühneneinrichtung ließ keinen Augenblick die Täuſchung aufkommen, man habe einen wirklichen Vorgang vor Augen, ſie entfernte ſich mit Abſicht weit von der Wirklichkeit, die Darſtellung ſollte und konnte eben nur als eine Production der Kunſt verſtanden und gewürdigt werden, die nicht nur keine Realität hatte, ſondern jeden Gedanken an Realität ausſchloß. So war man auch auf der römiſchen Bühne von jeher gewohnt geweſen, den Schauſpieler ſeine Scene in ſtummem pantomimiſchen Tanze ausdrücken zu ſehen, während ein Sänger, ruhig daneben ſtehend, die Worte vortrug, die Jener häüätte ſprechen ſollen. Dieſe für uns höchſt ſeltſame Trennung von Vortrag und Action erſchien ſo natürlich, daß in Plinius' Zeit Dichter einem geladenen Publicum ihre Gedichte von Andern vortragen ließen, die ein gefälligeres Organ hatten, und den Vortrag mitGemurmel, Mienenſpiel und Geſti⸗ culation begleiteten. Durch dieſe Trennung von Geſang und Tanz auf der Bühne war die Auflöſung der Tragödie in ihre Elemente ſchon vorbereitet. Der Verfall des dramatiſchen Intereſſes, die Steigerung des Intereſſes für Geſang und Tanz voll⸗ endete ſie, und ſchon in der letzten Zeit der Republik wurden die Leiſtungen des Sängers, Tänzers und des begleitenden Flötenſpielers als ſelbſtſtändige geboten und aufgenommen. Hier ſollen zunächſt nur diejenigen Darſtellungen in Betracht gezogen werden, die den dramatiſchen Charakter wenigſtens theilweiſe beibehielten, die Pantomimen und die Vorträge der Tragöden. Zuſammenhängende und zum Ganzen abgeſchloſ⸗ ſene Aufführungen waren, ſoviel wir wiſſen, nur die erſtern, während die letztern immer mehr rhapſodiſch geblieben zu ſein ſcheinen. Da ſie nie auch nur annähernd zu der Gel⸗ tung der Pantomimen auf der Bühne wie im Publicum ge langten, ſind wir über ſie nur ſehr unvollkommen unterrichtet. Die Tragöden traten in Maske und vollem Coſtüm auf, wie im eigentlichen Drama. Ihre Production beſchränkte ſich aber im Weſentlichen auf Geſang; zwar begleiteten ſie ſich natürlich auch mit Geſticulation, doch dieſe konnte für ſie nur ein untergeordnetes Darſtellungsmittel bleiben und in der angemeſſenen Vollſtändigkeit nur durch einen zweiten Schau⸗ ſpieler ausgeführt werden. Ob dieſer, der zuweilen erwähnt wird, gewöhnlich neben dem Sänger auftrat, ob die Einzel⸗ vorträge öfters mit einem Chor verbunden waren, ob derſelbe Tragöde mehrere Rollen eines Stückes nacheinander vortrug und ob und wie der Zuſammenhang zwiſchen dieſes Solo's vermittelt wurde, ob ſtumme Nebenperſonen die Aufführung vervollſtändigten, ob ſich an die Einzelgeſänge geſprochene Dialoge anſchloſſen über all' dieſe Fragen ſind wir in völliger Ungewißheit. Nur ſoviel iſt klar, daß die Einzelge⸗ ſänge der Tragöden den Kern dieſer Darſtellungen bildeten und daß ſie ſo gut wie ausſchließlich das Intereſſe des Publicums in Anſpruch nahmen. Es war dies die drama⸗ tiſche Gattung, in der Nero aufzutreten liebte, weil er vor⸗ zugsweiſe durch ſeine Stimme und Geſangskunſt glänzen zu können meinte. Er ſang, ſagt Sueton, Tragödenſcenen in der Maske, wobei die Maske der Götter und Helden ſeinem, die der Göttinnen und Heroinnen dem Geſichte der Frauen ähnlich gemacht wurden, die er gerade liebte. Unter andern ſang er die kreiſende Canace, Oreſt als Muttermörder, den geblendeten Oedipus, den raſenden Herkules. Man erzählte, daß ein junger Soldat, der am Eingange Wache ſtand, als

Zeitung.

herbeieilte, um ihn zu befreien. Man bemerkte, daß in dem letzten Stücke, in deſſen Scenen er öffentlich auftrat, einer damals ſehr berühmten Bearbeitung des verbannten Oedipus, ſein Geſang mit den Worten ſchloß:Zum Tode treiben Gattin, Vater, Mutter mich.

Zu einer weit andern Bedeutung, als dieſe Tragöden⸗ geſänge gelangten, wie geſagt, auf der Bühne die pantomi⸗ miſchen Aufführungen. Daß die pantomimiſche Action von jeher für ein wichtigeres Darſtellungsmittel galt, als Decla⸗ mation und Geſang, geht ſchon daraus hervor, daß im eigentlichen Drama der Schauſpieler, der auf eins von beiden verzichten mußte, wie geſagt, gerade das letztere dem außerhalb der Handlung ſtehenden Sänger überließ und den Inhalt der Dichterworte ſelbſt durch das erſtere ausdrückte. Die Action mußte das Mienenſpiel erſetzen helfen, das der Gebrauch der Masken ausſchloß; und wie viel reicher, feiner, ausgebildeter und lebendiger die Geberdenſprache der dama⸗ ligen Pantomimen war, als die der heutigen, das können wir uns aus zahlreichen Andeutungen und aus der Geberden⸗ ſprache der heutigen Südländer wenigſtens annähernd vor⸗ ſtellen. Die allgemeine Verſtändlichkeit dieſer Darſtellungen auch für die des Lateiniſchen und Griechiſchen Unkundigen trug vielleicht gerade in Rom mit ſeiner aus allen Ländern zuſammengefloſſenen Bevölkerung nicht am wenigſten bei, dieſer Gattung auf der Bühne Eingang und bald die Herr⸗ ſchaft zu verſchaffen.

Die Ausbildung des darſtellenden Tanzes zu einer ſelbſtſtändigen Kunſtgattung erfolgte unter Auguſt(22 v. Chr.) durch Pylades und Bathyllus. Sie beſchränkte ſich von An⸗ fang an auf Tragödie und Satyrſpiel, und auch die letzte Gattung ſcheint bald in Abnahme gekommen zu ſein, ſo daß man den Pantomimus geradezu als einen Erſatz für die ab⸗ ſterbende Tragödie anſehen kann. Die Bearbeitung geſchah in der Art, daß die bedeutendſten und wirkſamſten Momente der Handlung in eine Reihe von lyriſchen Solo's zuſammen⸗ gefaßt wurden, die ein einziger Pantomime darſtellte, der alſo immer mehrere Rollen und zwar ſowohl männliche als weihliche hintereinander geben mußte, während der jedem Solo entſprechende Text nicht wie im eigentlichen Drama von einem einzelnen Sänger, ſondern von einem ganzen Chore geſungen wurde. Die Gegenſtände waren, wie es die Entlehnung aus der Tragödie mit ſich bringt, faſt durch⸗ weg mythologiſch, und nur ausnahmsweiſe hiſtoriſch. Zwar erklärt Lucian alle Gegenſtände vom Anfange der Welt bis zum Tode der Kleopatra als geeignet für den Pantomimus (daß die Dichter der Kaiſerzeit die letztere Grenze nicht über⸗ ſchreiten durften, iſt begreiflich); doch die tragiſche Geſchichte des Polykrates und ſeiner Tochter und die Leidenſchaft des Seleucus für die Geliebte ſeines Vaters Stratonike, ſind die einzigen hiſtoriſchen Gegenſtände, die er anführt; auch ſonſt werden ſolche nirgends erwähnt, während die Zahl der uns bekannten mythologiſchen ſehr groß iſt. Ausnahmsweiſe waren ſie der römiſchen Sage entnommen(ſo wird ein nach dem Vergil bearbeiteter Turnus erwähnt, in dem Nero auf⸗ treten wollte, eine Pantomime Dido, ebenfalls nach Vergil, war noch in der Zeit des Macrobius auf der Bühne beliebt); auch der ägyptiſchen(die Geſchichte des Oſiris, die Verwand⸗ lungen der Götter); aber der ganz überwiegenden Mehrzahl nach der griechiſchen, und vermuthlich wurden auch von dieſen manche als Pantomimen zum erſten Male auf die Bühne gebracht. Darunter waren allerdings hochtragiſche Gegenſtände nicht ſelten, wie Atreus und Thyeſt, der raſende

er ihn für ſeine Rolle ankleiden und mit Ketten belaſten ſah,

Ajax, der raſende Hercules, Niobe, Hector und ähnliche. Doch

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