Jahrgang 
27-52 (1867)
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campagne nannte. Dieſe Beſitzung war 1824 von ihr ge⸗ kauft und bezogen worden. Der Prinz, ſchon ſeit ſeinem ſiebenten Jahre mit der Mutter im Exil und auf der Wande⸗ rung, hatte in Augsburg die höhere Schulbildung erlangt. In der Schweiz widmete er ſich befonders militäriſchen Stu⸗ dien, machte die Militärſchule in Thun durch und genoß den Unterricht des Oberſten(nachherigen Generals) Dufour von Genf, welcher Oberſtlieutenant vom Genie im franzöſiſchen Kaiſerreiche geweſen war. Daß den Prinzen vor Allem die Artillerie anzog, zeigt ſein 1836 erſchienenes Manuel d'ar- tillerie à l'usage des officiers dela république Helvétique. Er war damals ſchon, nicht eben in Uebereinſtimmung mit der ſonſtigen ſchweizeriſchen Dienſtordnung, zum Hauptmann der Artillerie im Berner Contingent avancirt(1834), nach⸗ dem er vorher Schweizerbürger und ſpeciell Bürger der thur⸗ gauiſchen Gemeinde Salenſtein geworden war(1832), zu welcher Gemeinde das Schloß Arenenberg gehört. In ſeinem Dankſchreiben, als ihm die Ernennung zum Artillerie⸗ hauptmann mitgetheilt war, ſagte er:Ich bin ſtolz, zu den Vertheidigern eines Staates zu gehören, in welchem Souve⸗ ränität des Volkes als Grundlage der Verfaſſung anerkannt wird und wo jeder Bürger bereit iſt, ſich für die Freiheit und Unabhängigkeit ſeines Vaterlandes aufzuopfern. Gro⸗ ſees Intereſſe zeigte der Prinz auch für das Schulweſen; eine Freiſchule für Salenſtein und Mamenbach verdankt ihm ihr Gedeihen, auch andere Schulen der Gegend unterſtützte er durch bedeutende Geldſpenden, und man ſah den ſchweize⸗ riſchen Artilleriehauptmann als Schulvorſteher in einer ſchweizeriſchen Dorfgemeinde Stunden lang dem Unterrichte beiwohnen. Gegenüber dieſer ernſten Lebensrichtung war er für die heitere Seite des Lebens nicht unempfänglich, er hatte ſeine Schäferſtunden in dem arkadiſchen Thurgau und huldigte der koſenden Minne. Mit ſeinen militäriſchen Nei⸗ gungen ſtand in naher Verbindung ſein Intereſſe für das in der Schweiz ſo ſehr gepflegte Schützenweſen. Der Prinz fehlte bei keinem Schützenfeſte des Thurgaus, und wie ver⸗ ſchieden er auch von denen war, welche hier den Ruhm des Tages ſuchten, gerade bei dieſen Feſten erwarb er ſich die größte Popularität und er wurde auch Präſident des damals neuen thurgauiſchen Schützenvereins. In dieſer letzteren Eigenſchaft trug und ſchwang er am eidgenöſſiſchen Schützen⸗ feſt zu St. Gallen die von ſeiner Mutter eigenhändig ge⸗ ſtickte Fahne der thurgauer Schützen und hielt dort in deut ſcher Sprache eine treffliche Schützenrede.

In gymnaſtiſchen und ritterlichen Künſten war der Prinz ſehr geübt. Er galt allgemein als der beſte und kühnſte Reiter der Gegend, und nicht ſelten ſprengte er ganz polizei⸗ widrig mit einem ſeiner Cumpane in Carriäre in Conſtanz oder Steckborn und Frauenfeld ein. Als Voltigeur leiſtete er Großes und ohne den Steigbügel zu berühren ſprang er in den Sattel. Als Schwimmer war er ebenfalls ſtark und mehr als einmal iſt er von Mamenbach am thurgauer Ufer über den Unterſee zur Reichenau und von dort zurück ge⸗ ſchwommen. Da der Unterſee faſt in jedem Winter gefriert, ſo war Gelegenheit zum Schlittſchuhlaufen vorharden und auch darin wat der Prinz Meiſter. Ein Thurgauer, der ſeine Knabenjahre dort verlebte, ſchrieb darüber vor einiger Zeit:Wenn der Prinz auf dem Eiſe erſchien, umſchwärmte ſofort eine zahlreiche Knabenſchaar den gewandten Schlitt⸗ ſchuhläufer. Vorwärts und rückwärts ging es bei ihm gleich gut, Evolutionen wurden nach rechts und links ausgeführt, dabei ſo graziös die Balance innegehalten und ſo ſchön ge⸗ formte Schlangenlinien und Figuren in das Eis eingeſchnitten,

Novellen⸗

Zeitung.

daß es eine Freude war und wir uns nielfach verſucht fühlten, ſolche Künſte nachzuahmen, ſie aber meiſtens mit Purzel⸗ bäumen zu büßen hatten. Bisweilen wurde auch auf dem Eiſe eine Erfriſchung ſervirt, dann plötzlich raſch aufgebrochen, der Prinz voraus, die Dienerſchaft in angewieſener Ent⸗ fernung und zur Seite eine Bubenſchaar, die essdem leicht dahinſchwebenden Schlittſchuhläufer an Schnelligkeit gleich zu thun verſuchte, bis ſie, außer Athem, nach kurzer Zeit den Rückzug antrat. Der noblen Paſſion der Jagd wurde na⸗ türlich auch vom Prinzen gehuldigt, und da der Wildſtand auf ſchweizeriſchem Gebiete, wo auf den verſchiedenen Herr⸗ ſchaftsſitzen in der Nähe des Arenenbergs ſich piele Jagdlieb⸗ haber fanden, nicht genügte, ſo war von dent Prinzen und anderen Herren am badiſchen Ufer ein Jagdrund gepachtet. Auf einem ſolchen Jagdzuge ging es dann wild her.

Wenn einerſeits der ſchärfere Beobachter in dem Prin⸗ zen den früh gereiften Mann erkannte, ſo gaudirte ſich die Menge mehr an den Zügen jugendlichen Uebermuthes, die man ſelbſt tolle Streiche nennen durfte, oder zu nennen be⸗ ljebte. Man könnte glauben, jetzt, wo man die ſpätere That⸗ kraft des Mannes kennt, mit welcher er auf ſein Ziel losge⸗ gangen iſt, daß die ſogenannten tollen Streiche nur eine gut⸗ gewählte Maske waren, um Niemanden in ſeinen Lebens⸗ plan ſchauen zu laſſen. Er wußte zu gut, daß die Menſchen nach dem Schein urtheilen. Unzählige Schweizer, die damals den Jüngling Louis Napoleon geſehen haben, begreifen es jetzt noch nicht, daß aus ihm ein ſolcher Mann werden konnte. Bei ſonſtiger großer Verſchiedenheit hatte der Prinz Louis Napoleon Aehnlichkeit mit Louis Philipp, da dieſer als Her⸗ zog von Orleans am Hofe Carl's X. weilte. Von Louis Philipp ſagt ein neuerer Geſchichtsforſcher, Adolf Schmidt, in ſeinen zeitgenöſſiſchen Geſchichten:Es war in ihm etwas von der Natur eines Brutus. Am Hofe galt er eine Null, weil er ſich abſichtlich ſelbſt verdunkelte, ſich ſo klein wie möglich machte und ſeine ungewöhnlichen Fähigkeiten für die Staatsgeſchäfte unter der Miene der Gleichgültigkeit und Gutmüthigkeit verbarg. Daß hinter der fröhlichen Wild⸗ heit des Prinzen Louis Napoleon's tiefer Ernſt verſteckt war, zeigen ſeinepolitiſchen und militäriſchen Betrachtungen über die Schweiz, welche 1833 erſchienen. Sein älterer Bruder war in Italien geſtorben, der Herzog von Reichſtadt, Napo⸗ leon II., endete am 22. Juli 1832 im Schloſſe zu Schön⸗ brunn, da erkannte Louis Napoleon ſich als Napoleon den Dritten! Das iſt zwar in jenenBetrachtungen noch nicht ausgeſprochen, denn der Prinz huldigte ſchon damals dem SatzeReden iſt Silber, Schweigen iſt Gold, aber es iſt in der Schrift viel napoleoniſche Staatsweisheit enthalten. Wir erfahren, daß der Onkel die Welt nur erobern wollte, um ihr die wahre Freiheit zu geben. Er ſetzte auf ſeine republikaniſchen Lorbeeren das kaiſerliche Diadem, um die gänzliche Wiedergeburt Europa's herbeizuführen, nicht aus Ehrgeiz. Was als Dictatur und Willkürherrſchaft erſchien, war nur ein Proviſorium, das ſeine Grenze finden ſollte mit der Niederlage der Ruſſen und mit der Erniedrigung der eng liſchen Ariſtokratie. hätte das Herzogthum Warſchau in einen polniſchen Naſß nalſtaat umgewandelt, aus Weſtphalen wäre wieder. deutſcher Nationalſtaat und aus dem Vicekönigreich ein lieniſcher Nationalſtaat hervorgegangen; in Frankreich n die Dictatorgewalt durch eine freiſinnige Regierung er worden, allenthalben wäre Feſtigkeit, Freiheit, Unabhäng keit an die Stelle der nur theilweiſen, unvollkommenen Na naleinrichtungen getreten. Aber die Schweiz erkannt⸗

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Wäre Napoleon Sieger geblieben,

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