Vierte
ſtämme entſtanden ſei; erſt in Granada bekam ich hierüber Aufſchluß. In dieſer herrlichen Stadt, die ich im Laufe mei⸗ ner Reiſe beſichtigte, iſt ein großer weiter Platz rings von Häuſern umgeben. Ein Palaſt mit Säulen geſchmückt, jetzt eine Art Räthhaus, zeichnet ſich unter ihnen aus. In dieſem Gebäude wohnten die Mauren⸗Könige den Anfängen dieſes Feſtes bei; wilde Stiere wurden auf dem weiten Raume los⸗ gelaſſen, und die kräftigen Mauren tummelten ſich mit den⸗ ſelben herum, und zwar ohne Waffen; es war mehr als ein gefährliches Spiel, es war ein Kampf; die jetzige Geſtaltung erhielt es erſt pon den chriſtlichen Siegern. Durch den Lauf der Jahrhunderte prägte es ſich immer mehr den Sitten des Volkes ein, und ſelbſt der verderbliche Einfluß der Aufklärer, dieſer reißenden Wölfe im Schafpelze, dieſer von Menſchen⸗ liebe ſingenden Hyänen, konnte dieſes Feſt nicht ausrotten, wie es ihnen mit ſo vielem Altherkömmlichen gelang. Es hatte zu tiefe Wurzeln im Volke geſchlagen. Seitdem Iſabella in bewußter Regierungsweisheit mit Enthuſiasmus der Cor⸗ rida als erſte Spanierin beigewohnt, und ſie durch das Wehen ihres Schnupftuches leitet, blüht ſie von Neuem auf; es bildeten ſich unter den ſtolzen Söhnen der Halbinſel neue Matadores, und noch ſpricht Volk und Adel mit innigem Bedauern von dem Tode des größten Kämpfers, des berühm⸗ ten Montez, der vorigen Herbſt in Folge einer im Stierge⸗ fechte erhaltenen Wunde geſtorben, von 80000 Einwohnern von Madrid begleitet, zur Erde beſtattet wurde. Sein Tod machte Epoche in Spanien, denn nicht nur einzelne Bewun⸗ derer, ſondern die Nation trauert über das Hinſcheiden des Regenerators dieſer Sitte. Ueberall und in allen Orten prangt ſein Porträt. Ein ſpaniſcher General erzählte mir mit Enthuſiasmus, daß Montez die vollkommenſte Gewalt über ſeinen Gegner hatte, daß, wenn er durch die Arena ſchritt, der Stier ihm folgte, und wenn er ſtehen blieb, das Thier wie feſtgebannt vor ihm ſtand. Derſelbe Herr hat an der Spitze einer Geſellſchaft in einer kleinen Stadt, die wir beſuchten, ein weites Gebäude für die Corrida gegründet; er erzählte mir, als er meinen Enthuſiasmus für das Gefecht mit Freude bemerkte, daß ſich im December die Gelegenheit ergeben würde, ein herrliches Feſt dieſer Art zu ſehen, da der hohe Adel Spaniens die Niederkunft der Königin mit einem Stiergefechte feiern wollte, und die Söhne der Gran⸗ den ſelbſt in der Arena erſcheinen und zu Pferde mit dem Degen die Stiere erlegen werden. So feiert das ſtolze Volk
den kommenden Thronerben, ſo wird hier die Königin als Mutter begrüßt.
Das Volk liebt dieſes Feſt ſo ſehr, daß es ſich die Woche hindurch das tägliche Brod abgehen läßt, um am Sonn⸗ tage, nachdem es den Morgen im Gebete zugebracht hat, die Nachmittagsſtunden in bewegter Stimmung, vom Kampfe hingeriſſen, zu verleben, und ſich Geſprächsſtoff für die kom⸗
— mende Woche zu ſammeln. Bei uns vertrinkt und verißt die niedere Arbeitsclaſſe ihren Lohn, um den blauen Montag noch faullenzend im Rauſche zuzubringen; wo das Beſſere von beiden iſt, überlaſſe ich dem Urtheile meiner Leſer. Faſt in jeder Stadt Spaniens iſt eine Corrida, und Juli und Auguſt ſind die beſten Monate zum Kampfe, weil dann der Stier am wildeſten iſt. Möge mich das Glück in dieſer Zeit noch einmal nach Spanien führen, um dieſen Kampf und den Geiſt des Volkes, der ſich in demſelben kund giebt, näher ſtudiren zu können, und den berauſchenden, hinreißenden
das ich empfunden, noch einmal zu genießen; ſei es auch um
Folge 717
Rittern angehört, oder ob es erſt nach der Miſchung der Volks⸗ den Preis, von ſentimentalen Lippen ein blutiger Barbar,
un jeune homme dénaturé genannt zu werden. Ich be⸗ gnüge mich mit dem Jubelrauſche aus ſpaniſchen Lippen, mit dem Beifallsglühen andaluſiſcher Augen, und kann mich nicht enthalten, unter dein Wehen der Mantillen und dem Rauſchen der Fächer laut zu rufen:„Ich beneide euch Spa⸗ nier um dieſes alte Feſt!“
Aus der Jugendzeit Louis Napoleons.
Ueber dieſe prüfungsvolle Periode eines Mannes, bei dem ſich ein hoffnungsloſer Anfang durch eine große Zukunft gekrönt hat und der wie Keiner zu den Umbildungsfactoren des modernen Europa gehört, fehlt es nicht gerade an Ein⸗ zelheiten, die oft romantiſch genug ausgeſchmückt ſind. Deſto mehr Werth erhält daneben das einfach Factiſche und von dieſem theilen wir hier nach Oſenbrüggen einige gewiß feſ⸗ ſelnde Charakterzüge mit. Sie gehören zu den Erinnerungen, die Arenenberg bietet.
Als Louis Philipp den Königsthron von Frankreich beſtiegen hatte, da erſchien eines Tages bei ihm Hortenſe, Ex⸗Königin von Holland, welche nach Paris gekommen war, um für ſich und ihren jüngeren Sohn, der nach dem Tode des älteren Sohnes in Italien ihr allein geblieben war, die Erlaubniß zum Aufenthalt in Frankreich zu erwirken. Der König empfing die hohe Frau ſehr freundlich und ſagte: „Ich kenne den ganzen Schmerz des Exils und es liegt nicht an mir, daß das Ihrige nicht ſchon aufgehört hat. Die Zeit iſt aber nicht fern, wo es keine Verbannte mehr geben wird.“ Der König ſprach dann auch noch von ſeinem eigenen Exil, von der traurigen Lage, in welcher er ſich befunden habe, da er genöthigt geweſen, Unterricht zu geben. Als ihm aber die Königin mittheilte, daß ihr Sohn mit ihr nach Paris ge⸗ kommen ſei, beunruhigte das den König, und er empfahl der Dame, die Ankunft ſtreng geheim zu halten, er werde die Sache ſelbſt ſeinem Miniſterium verheimlichen. Ohne Zweifel hat der König hierin Wort gehalten, aber die um ihren mittlerweile erkrankten Sohn geängſtigte Mutter mußte ſich doch beeilen, bevor noch vollſtändige Geneſung eingetre⸗ ten war, Frankreich zu verlaſſen, das den Napoleoniden noch lange verſchloſſen blieb. Nach einem kurzen Aufenthalte kamen Mutter und Sohn wieder durch Frankreich in die Schweiz, wo ſie ſchon vor mehreren Jahren ein ruhiges Aſyl gefunden hatten. Die Königin ſchreibt darüber in ihren Memoiren:„Die Schweiz blieb mir wenigſtens noch übrig. Die Schweiz war meine erſte Freiſtatt geweſen, in dem Augenblicke, wo der Schrecken der alliirten Mächte überall unſern Namen verfolgte; dort hatte ich einen Ruhepunct ge⸗ funden nach unſern großen Schickſalsſchlägen. Einer der
Enthuſiasmus, den ſtolzen Jubel, dieſes Mitleben im Kampfe,
Cantone, der Canton Thurgau, hatte den Muth gehabt, mich aufzunehmen und zu behalten, trotz den diplomatiſchen Schlichen, ungeachtet der Verfolgungen aller Art, denen ich von Seiten der Reſtauration ausgeſetzt geweſen war. Ich hatte einige ruhigere Augenblicke genoſſen, inmitten dieſer ſchönen Natur, dieſer einfachen Sitten, dieſer treuen Herzen. Ich kam, um nochmals von dieſem friedlichen Lande einen ſtillen Aufenthalt zu erbitten, der mir nicht wieder ſtreitig geworden iſt. Nach Unglücksfällen, welche weit ſchwerer waren als diejenigen, welche mich niederdrückten, als ich das eerſte Mal kam, ſah ich meine Berge wieder und ich konnte V endlich allein ſein mit meinem wunden Herzen.
Als Herzogin von St. Leu lebte die Ex⸗Königin nun wieder auf dem Schloſſe Arenenberg, daß ſie einfach ma
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