Vierte
„Vermochten wir es zu verhindern?“ meinte achſelzuckend der Meier.
„Daran iſt Niemand anders ſchuld, als der wilde, lockere Geſell, den ich geſtern noch unter meinen Fingern hatte,“ ſagte Dirks, indem er drohend ſeine Fauſt ballte.„Von ihm iſt das Mädchen mir ab⸗ wendig gemacht worden, aber Gott ſoll mich ver⸗ dammen, wenn ich mich an dem Kerl nicht räche! Noch geſtern Abend ſaß ihm mein Meſſer nahe genug am Herzen und wenn nicht eben zur ungelegenen Zeit ein Dritter hinzugekommen wäre—“
„Du biſt mit ihm zuſammengetroffen?“ neugierig der Hofbeſitzer.
„Laßt es gut ſein, ich ſage Euch ja, ohne die plötzliche Dazwiſchenkunft des Fremden hätte ſich der Burſche nicht wieder erhoben. Und jetzt?... Ich kam hierher, um Suſanne nochmals zum Herzen zu ſprechen, bevor ich den Entſchluß ausführe, welchen ich gefaßt habe; ich hoffte noch immer, ſie werde ihr Unrecht endlich doch einſehen und einen ehrlichen Burſchen, welcher weiß, wo er zu Hauſe und welcher Eltern Kind er iſt, einem ſolchen leichtfertigen Thunichtgut vorziehen.“
„Ich hätte ſelbſt gewünſcht, Clas, daß es ſo ge⸗ kommen wäre,“ ſagte der Pächter mit heuchleriſcher Miene,„aber Ihr ſehet wohl, mit der Dirne iſt nichts anzufangen, und ſo mag ſie ihren eigenen Weg wan⸗ deln und zuſehen, daß ſie in ihrem Hochmuthe nicht
fragte
fällt.“
„Und wo iſt ſie denn hingegangen?“ fragte der junge Bauer.
„Ei, Ihr kennt doch ihren Pathen, den Schneider⸗ meiſter Stich?“
„Daß ſich Gott erbarme! Der alte Narr ſoll ein junges leichtſinniges Mädchen hüten und bedarf ſelbſt ſo ſehr der Aufſicht! Daß ihn die Franzoſen noch nicht eingeſteckt und vor ein Kriegsgericht geſtellt haben, iſt ein Wunder, denn ſtatt in der Werkſtatt zu ſitzen und die Geſellen zu beaufſichtigen, treibt er ſich den ganzen Tag in den Straßen und in den
Wirtshäuſern umher und politiſirt und führt auf⸗
rühreriſche Reden und ſchlägt Schlachten und ſchließt
Frieden, als wenn er dies Alles nur ſo aus ſeinem
Rockärmel ſchütteln könnte. Mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt, ich gehe ebenfalls nach Hamburg.“
Nach Hamburg?“ fragte der Pächter erſtaunt; „was beabſichtigt Ihr denn dort zu machen?“
„Da leſet,“ ſagte der verſchmähte Liebhaber, indem er ein Zeitungsblatt aus der Taſche zog. „Charlot, der Chef der Gensd'armerie, braucht Leute und er hat deshalb einen Aufruf veröffentlicht. Ich werde hingehen und mich anwerben laſſen.“
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„Ihr wollt Geusd'arm werden?“ fragte der Meier verwundert.„Erklärt mir doch den Grund für einen ſo ſonderbaren Entſchluß.“
„Nun, das iſt ganz einfach,“ entgegnete Clas: „weil ich dann die beſte Gelegenheit haben werde, dem Burſchen, welcher mir das Herz Suſannens ab⸗ wendig gemacht hat, auf die Galeeren oder an den Galgen zu bringen. Ja, das will ich, ſo wahr ich Dirks heiße, und verdammt mag ich ſein, wenn ich nicht Wort halte!“
Der junge Bauer drückte trotzig den Hut auf den Kopf und reichte Ortmann zum Abſchied die Hand.
„Auch auf die Suſanne,“ ſagte er,„werde ich ein wachſames Auge haben, und gebt Acht, eines Tages führe ich ſie zerknirſcht und reumüthig zu Euch zurück. Aber erſt muß der Burſche, welcher ihr jetzt den Kopf verwirrt, bei Seite geſchafft werden und das ſoll meine Anfgabe ſein! Und nun lebt wohl!“
„Nun, viel Glück auf den Weg!“ rief Ortmann dem Davoneilenden nach, indem er ihm bis an die Hausthüre das Geleit gab. Dann kehrte er in das Wohnzimmer zu ſeiner Frau zurück und ſagte:
„Iſt der Capitän ſchon aufgeſtanden?“
„Er kann jeden Augenblick herunterkommen,“ ſagte dieſe,„ich habe ihn ſchon vor einer halben Stunde am Fenſter geſehen.“
„Gut, ſo gieb ihm dieſen Brief, pobald er ſich zeigt, und ſage ihm, die Ordonnanz aus der Stadt habe denſelben dieſen Morgen gebracht. Und höre, Frau, benimm Dich klug und zeige ſtets ein freundliches Geſicht, denn das Maulhängen und das Trotzen hilft nichts und es iſt doch nun einmal nicht anders, die Franzoſen ſpielen jetzt die Herren hier zu Lande und wer klug iſt, dreht den Mantel nach dem Winde.“
(Fortſetzung folgt.)
Folge.
Aus den Liedern des Kaiſers Marimilian.
Erinnerung an Capri.
Was rauſcht auf Capri's Felſenwänden, Was rauſchet durch die Lüfte hin? Es iſt in ſchneidig raſchen Händen Das ſchnellbewegte Tambourin.
Stets wilder tönt des Schalles Welle, as mag das laute Treiben ſein?
Es iſt Neapels Tarantelle
Im glühendheißen Sonnenſchein.


