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mich, Ihnen einen kleinen Dienſt leiſten zu können.
Frage nicht eingehen wollte.
Vierte
„Aber wo finden wir Beides? Sprechen Sie, ich möchte Ihnen gern behülflich ſein.“
„Nicht hier,“ entgegnete Georg;„wenn Sie mich aber begleiten wollen— auf dem Wege nach der Stadt liegt ein kleines Wirthshaus, wo man mich kennt und wo man gern bereit ſein wird, mir Bei⸗ ſtand zu leiſten. Doch Ihr Weg führt Sie vielleicht nicht nach Hamburg?“
„Doch, doch, gerade dort will ich hin; und da ich in dieſer Gegend ſelbſt gänzlich fremd bin, ſo werden Sie mir vielleicht über Manches Auskunft geben können. Kommen Sie und wenn Sie ſich zu ſchwach fühlen, ſo nehmen Sie meinen Arm; ich freue
„Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme,“ ent⸗ gegnete Georg, indem er mit ſeinem neuen Gefährten rüſtig vorwärts ſchritt;„doch Sie ſehen wohl, die Schramme hat nicht viel zu bedeuten und morgen wird nichts mehr davon zu ſehen ſein. Uebri⸗ gens bin ich an ſolche Kleinigkeiten ſchon gewöhnt und wer den luſtigen Georg kennt, der weiß wohl, daß er ſich daraus nichts macht, wenn ihm einmal die Haut etwas geritzt wird.“
„Sie ſind wohl Seemann?“ fragte der Fremde, indem er einen muſternden Blick auf ſeinen Geſellſchafter warf.
„Eigentlich laſſ' ich mich nicht gern ausfragen,“ entgegnete dieſer mit einem leichten Stirnrunzeln, „doch da Sie ſich ſo theilnehmend gegen mich ge⸗ zeigt haben, ſo wäre es unhöflich, wenn ich auf Ihre Nein, mein Herr, ich bin kein Seemann, aber ich liebe dieſe Tracht, weil ſie bequem und zugleich wohlkleidend iſt.“.
Der Fremde ſchwieg. Man ſah es ihm an, eine neue Frage ſchwebte auf ſeinen Lippen, aber durch die vorhin empfangene Antwort belehrt, hielt er die⸗ ſelbe zurück und begnügte ſich nur, ſeinen Begleiter mit ſteigendem Intereſſe zu betrachten.
„Und was nun meine Stellung in der Welt an⸗ belaugt,“ fuhr Georg in einem Tone fort, welcher ſich in ein ſcherzhaftes Lachen hüllte, während daraus dochegleichzeitig eine bittere Gereiztheit hervorſchim⸗
ſo bin ich ein Geächteter.“
Folge. 707
erlegt iſt. Sie haben vielleicht hier und da ein freies Wort geſprochen und ſind dadurch vermuthlich dem Strafgericht unſerer gemeinſamen Feinde verfallen.“
„Darin mögen Sie recht haben,“ entgegnete der junge Mann,„daß ich die Erniedrigung Deutſchlands ſo tief wie irgend Einer empfinde— und wenn es zum Kampfe gegen unſere jetzigen Unterdrücker kommt, werde ich gewiß nicht der Letzte ſein, welcher ſich daran betheiligt; aber geächtet habe ich mich aus freier Ent⸗ ſchließung, denn die geſellſchaftliche Stellung, welche ich einnehme, verliert ſich in engen Gaſſen unter luſtigen Burſchen mit dicken ſchwieligen Händen, die meiſt am Abend verthun, was ſie am Tage verdienen; in Wohnungen, wo häufig das Elend zu Hauſe iſt und wo man ſtatt des weichen, mit Eiderdunen ge⸗ en Bettes, meiſt nur ein hartes, mit Stroh ge⸗
polſtertes Kopfkiſſen findet.“
„Es kommt mir natürlich nicht zu, nach Ihren V Verhältniſſen zu forſchen,“ bemerkte der Andere,„aber Ihr Benehmen und Ihre Sprache ſagt mir, daß Sie in den Verhältniſſen, welche Sie ſoeben geſchildert haben, nicht geboren ſind. In der jetzigen allgemeinen Zeit der Bedrängniſſe tritt übrigens der Stand in den Hintergrund, denn unter den gegenwärtigen Leiden V und Prüfungen ſollten ſich alle Deutſche nur als Brüder, als gemeinſame Schickſalsgenoſſen lieben und erkennen. V Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich auch nach Ham⸗ burg will, und wenn Sie wüßten, welcher Zweck mich dorthin führt—“ „Jeder hat ſeine Geheimniſſe.“ Der Andere ſchwieg einen Augenblick. Dann er fort: „Ich komme weit her.“ „Vielleicht aus Preußen?“ „Nein, aus Caſſel.“ „Vom Hofe des modernen Sardanapal, des weich⸗ lichen und ſchwelgeriſchen Jerôme?“
„Ja, mein Herr. Und wiſſen Sie, was mich nach Hamburg treibt?“
„Nun?“ fragte Georg, deſſen Intereſſe für den Unbekannten ſich allmälig ebenfalls geſteigert hatte.
„Die Liebe,“ entgegnete dieſer—„das Verlangen,
fuhr
Ader ſich unſeren Feinden mit Leib und Seele ergeben
merte,„was meine Stellung anbelangt, mein ge⸗ edles Mädchen aus der Gewalt eines Unwürdigen,
„Ein Geächteter?“ rief ſein neuer Bekannter er⸗ ſtaunt, fügte aber unmittelbar ergänzend hinzu:„O, ich begreife, was Sie damit ſagen wollen: Sie tragen ein deutſches Herz in Ihrer Bruſt, Sie konnten die Erniedrigung unſeres theuren Vaterlandes nicht ſchwei⸗ gend mit anſehen, es iſt Ihnen gegangen, wie ſo vielen anderen edlen Gemüthern, Sie vermochten nicht zu ſchweigen bei der Schmach, welche uns auf⸗
hat, zu befreien.“
Der Fremde erzählte nun, daß er aus Heſſen komme und Rudolph von Thalheim heiße; in Caſſel habe er am Hofe des üppigen Jeröme ein unverdor⸗ benes Mädchen kennen und⸗lieben gelernt, deſſen reine Blüthe aber unter der Tyrannei eines habgierigen, tückiſchen Oheims, der die Waiſe an Kindesſtatt an⸗ genommen hatte, zu verkümmern drohe. Benard, ſo


