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eeine leichte, anmuthige Wendung, und der Mann iſt vor den
ſpitzen Hörnern in Sicherheit; doch der Stier wüthet über die Pfeile, welche rechts und links, je mehr er ſich wendet und wehrt, deſto ärger den Kopf umſchlagen. Nachdem ihn 6 bis 8 ſolche Pfeile verwundet haben, ertönen von Neuem die Trompeten, und Luca Blanco, der ſchöne, reich gekleidete Matador, tritt unter dem Jubel der Zuſchauer vor die Haupt⸗ loge, grüßt die Autoritäten, und richtet hierauf in kurzen Worten an dieſelben die Frage, ob er dem Stiere den Todes⸗ ſtoß geben könne. Schon umflattert das berühmte rothe Tuch ſeinen Arm, ſchon hält er die ſpitze Klinge in der Hand. Dreimal ſchwingt er zum Zeichen des zu vollführenden To⸗ desurtheils, in der Verſammlung herumblickend, ſeine Kopf⸗ bedeckung horizontal hin und her; hierauf tritt er mit ſtolzem, feſtem Schritte ſeinem Feinde entgegen. Die Quadiille reizt denſelben mit den Mänteln; Luca Blanco läßt ſein Schar⸗ lachtuch flattern; der Stier dringt auf daſſelbe mit Wuth ein; Luca Blanco weicht gewandt aus. Einige Male wird dieſes Spiel wiederholt und dadurch die Spannung erhöht. Plötzlich nimmt der Stier die dem Matador günſtige Rich⸗ tung, hält einige Schritte vor demſelben inne, ſcharrt Staub⸗ wolken mit dem Fuße auf, ſenkt das Haupt, und ſtürzt mit voller Kraft gegen das rothe Tuch. Der große Augenblick iſt da, und wie auf einen Zauberſchlag erhebt ſich das Volk, ohne Schauder, ohne Erſchrecken vor der Gefahr, um den Todesſtoß mit enthuſiaſtiſchem Auge zu erwarten. Dieſe allgemeine elektriſche Bewegung iſt einer der großartigſten Anblicke, die ein fremdes Auge treffen können, und die be⸗ weiſen, wie ſehr dieſes Schauſpiel in Fleiſch und Blut des Volkes übergegangen iſt. Luca ſteht ſtolz und unerſchrocken, wie feſtgebannt; plötzlich ſchwingt er die Klinge und ſtößt ſie tief und ſicher bis zum Heft in den Rücken des Thieres. Der Stier wankt und bricht in den Sand. Der Jubel der Menge kennt keine Grenzen, die Luft erzittert unter dem Beifalls⸗ rufe. Ein unbeſchreiblicher, wilder, hinreißender Rauſch hat auch mich ergriffen, ich fühle mich mit fortgezogen; ich ſchwärme für die blutige Scene, meine Hände zollen dem braven Eſpada den verdienten Lohn. Als ſtolzer Triumpha⸗ tor tritt er vor die Loge, grüßt die tauſend und tauſend Blicke, die ſich ihm begeiſternd zuwenden; er iſt der König des Augenblickes, er hat die Menge elektriſirt. Hüte werden ihm als Zeichen des Beifalls von mehreren Seiten zugewor⸗ fen, die er mit Anmuth auf die Galeerien zurückſchleudert.
(Schluß folgt.)
Eine Damen-Aniverſität in Amerika.
Es liegt uns das Programm einer Anſtalt vor, deren Entſtehung Zeugniß giebt von dem Aufſchwung, welche in den Vereinigten Staaten nicht nur das materielle, ſondern auch das geiſtige Leben nimmt. Bekanntlich genießen die Frauen in Amerika hohe Achtung und eine rückſichtsvolle Behandlung bis in die unteren Schichten; weniger bekannt iſt die Thatſache, daß in den höheren und wohlhabenden Kreiſen ihre Bildung ſehr häufig von einer Gründlichkeit iſt, wie ſie bei uns nur ganz ausnahmsweiſe gefunden wird. Na⸗ mentlich in den Neuengland⸗Staaten iſt es nichts Seltenes, Frauen zu begegnen, die treffliche Familienmütter ſind und mit einem liebenswürdigen feinen Benehmen und ächt religiö⸗ ſem Sinn die ſolideſten Kenntniſſe in claſſiſchen Sprachen, Literatur und Naturwiſſenſchaft verbinden. Unter dieſen
Novellen⸗Jeitung. 4
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Umſtänden kann es nicht befremden, daß ein reicher, wohlge⸗ ſinnter Geſchäftsmann ſich bewogen fand, eine Anſtalt zu gründen, welche die Beſtimmung hat, jungen Mädchen die⸗ ſelben Vortheile zu gewähren, welche en Männern
die Univerſität bietet, nämlich eine g iche, harmoniſche und vorurtheilsfreis Bildung, wie ſiétſhren Bedürfniſſen und ihrem Beruf angemeſſen iſt.
Dieſe Anſtalt wurde 1865 im Staat New⸗York zu Poughkeepe am Hudſon eröffnet und heißt nach ihrem
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Stifter„Vaſſar⸗Female⸗College“. Derſelbe hat dazu ſchon
keine halbe Million Dollars geſchickt und fährt fort, dem Werke ſeinen Beiſtand zu leihen, hat auch wieder zur Grün⸗ dung einer Bibliothek weitere 200,000 Dollars angewieſen.
Wieviel Anklang die Sache gefunden hat, beweiſt das Verzeichniß der Schülerinnen, das im erſten Jahre ſchon die Zahl 353 erreichte. Auf einem Grund und Boden von un⸗ gefähr 200 Morgen erhebt ſich das ſchöne Hauptgebäude, 500“ lang, 170 tief. Es enthält fünf abgeſonderte Woh⸗ nungen für ſtändige Lehrer, den nöthigen Raum für etwa 400 Schülerinnen, eine Reihe Zimmer für Vorleſungen, Muſik und Zeichnen, eine Capelle, einen Speiſeſaal, meh⸗ rere Empfangszimmer, Bibliothek, Kunſtgalerie, Laborato⸗ rien, Naturaliencabinet und alle anderen Lehrmittel. Es wird mit Dampf geheizt, mit Gas beleuchtet und durch eine Waſſerleitung überall mit kaltem und warmem Waſſer ver⸗ ſehen; zahlreiche Badecabinets ſind vorhanden und in Küche
und Waſchhaus ebenfalls die zweckmäßigſten Einrichtungen angewendet.
Die Zimmer der Zöglinge ſind derartig in Gruppen eingetheilt, daß immer etwa drei Schlafzimmer ſich in ein gemeinſames Studirzimmer öffnen, ſo daß ein geſelliges Zuſammenleben ſtattfindet und doch die Möglichkeit gelegent⸗ lichen Zurückziehens gegeben iſt. Die Schlafzimmer ſind theils für eine, theils für zwei Bewohnerinnen eingerichtet und werden je nach Wunſch und Bedürfniß zugetheilt. Fürt⸗ die Geſundheit iſt durch körperliche Uebungen und Spiele in Hof und Garten, denen jeden Tag eine beſtimmte Zeit ge⸗ widmet iſt, auf's Beſte geſorgt. Ein weiblicher geprüfter Arzt und gut eingerichtete Krankenzimmer gewähren alle Beruhigung für Krankheitsfälle.
In beſonderen Gebäuden befinden ſich noch das aſtro⸗
nomiſche Obſervatorium, die Reitſchule und die Turnhalle
Dem Ganzen ſteht ein Verwaltungsvath vor, der ſich alljähr⸗— lich verſammelt und in der Zwiſchenzeit die Geſchäfte durch
ein Comité verwalten läßt, das alle vierzehn Tage zuſammen⸗
tritt. Deſſen Geſchäftsführer iſt der Secretär, welcher dann
die verſchiedenen Beamten: Hausmeiſter, Haushälterin, Por⸗
tier, Dampf⸗ und Gasingenieur, Oekonomieverwalter und Gärtner nebſt ihren Gehülfen unter ſich hat, im Ganzen eine anſehnliche Schaar von etwa achtzig Perſonen. Die wiſſenſchaftliche Oberleitung haben der Präſident und die P. Vorſteherin der Anſtalt. Um aufgenommen zu werden, muß
eine Schülerin mindeſtens fünfzehn Jahre alt ſein und gute?e
Zeugniſſe beibringen. Jede hat ein Examen in der Mutter⸗ ſprache(dem Engliſchen), dem Rechnen, der Grammatik, Geographie und Geſchichte zu beſtehen, und diejenigen, welche in den regulären Curſus eintreten wollen, müſſen noch weiter beſtimmte Kenntniſſe im Lateiniſchen, Franzöſi⸗ ſche und in Algebra nachweiſen. Der regelmäßige Curſus iſt auf vier Jahre berechnet und es wird gewünſcht, daß wo mög⸗ lich jede Schülerin daran Theil nimmt; doch iſt es auch ge⸗ ſtattet, ſpecielle Studien in einzelnen Fächern zu treiben, wenn es die Verhältniſſe wünſchenswerth machen, was beſon⸗
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