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696 Literariſche Briefe von Otto Banck.
Eleazar. Von Friedrich⸗v. Uechtritz. Jena, bei Herrm. Coſtenoble. 1867.
Uechtritz iſt Ihnen unter den älteren Schrift⸗ ſtellern bereits bekannt und Sie ſehen in ihm eine der gediegenen Literatur angehörige Erſcheinung vor ſich. Seichtheit und Leichtfertigkeit ſtehen ihm fern und es iſt ſeiner tüchtigen Natur möglich, ſich voll und warm für eine Aufgabe zu begeiſtern.
Dieſe guten Seiten ziehen ebenſo an, als der gewählte Stoff ſelbſt, denn der Verfaſſer giebt hier eine mit Muße ausgeführte dreibändige Erzählung aus der Zeit des großen jüdiſchen Krieges im erſten Jahrhunderte nach Chriſto. Der Autor theilt mit, daß ſchon Kleiſt nach Roberts Ausſage die Abſicht ge⸗ habt, dieſes Süjet dramatiſch zu behandeln; Kleiſt's ſpecielle Intentionen wären verloren gegangen, es
ſei ihm(Uechtritz) aber na ugeren Studien endlich gelungen, den reen 9 Proſaerzähler anzufaſſen und ſeinem Gefühle zur poetiſchen Austragung zu bringen.
Der Roman wird begonnen mit einer Schilde⸗ rung des großen Paſſahfeſtes, welches alljährlich zu Jeruſalem gefeiert wurde. Ich glaube die getragene Stimmung, mit welcher die Erzählung geſchrieben iſt, nicht beſſer bezeichnen zu können, als wenn ich den Eingang zu jener Schilderung, der zugleich den Ein⸗ gang zum Ganzen bildet, hier folgen laſſe:
Welch ein wunderſames, weitläufiges, rieſen— haftes Prachtwerk der Baukunſt, auf dem mächtigen Viereck des ummauerten anſehnlichen Hügels in ter⸗ raſſenartiger Abſtufung übereinander geſchichtet, er⸗ hebt ſich aus der Zerſtörung, die ihm in der grauen⸗ vollſten aller Kataſtrophen der Geſchichte verhängt worden, vor den Augen unſeres Geiſtes, an Erhaben⸗ heit der Begnadigungen, wie an Furchtbarkeit der Geſchicke, die in und an ihm gewaltet, über jedes andere Werk von Menſchenhänden hinausragend! Es iſt der jeruſalemiſche Tempel in der Geſtalt ſeines prachtvollen Neubaues durch Herodes den Großen.
Die Tage, in denen die Füße Jeſu Chriſti hier auf
den moſaikartig gefügten Steinen gewandelt, ſind ſchon ſeit mehreren Jahrzehnten vorüber; doch der Schauer ſeines heiligen Andenkens weht für uns in dieſen Hallen und Vorhöfen und giebt der Luft, die wir darin athmen, eine zu demüthiger Andacht ſtimmende, in das Bewußtſein des höchſten, allein ewigen Ge⸗ winnes der Menſchheit erhebende Weihe.
Steigen wir die breiten Stufen, deren wohlbe⸗ hauene Quadern zu den verſchiedenen Abtheilungen des Wunderbaues emporführen, hinan. Schon auf
Novellen⸗Zeitung.
der unterſten Terraſſe ſtaunen wir über die Pracht der doppelten Säulengänge aus weißeſtem Marmor, mit ihrer Ueberdeckung von köſtlichem Cedernholz, mit den Blumenranken, den Rebengewinden, den Trauben aus feinſtem Golde, die von ihren Knäufen zherab⸗ ſchwellen. Wir ſteigen höher, zur zweiten Ferraſſe empor, den ſchimmernden Thoren entgegen, die bis auf Pfoſten und Schwellen mit Gold und Silber be⸗ kleidet, oder noch koſtbarer mit korinthiſchem Erze, ihre kunſtreich geſchmückten Flügel aufthun, die Gläu⸗ bigen zu empfangen. Wir betreten, ſie durchwandelnd, mit ſcheuem Fuße die heiligeren, den Heiden unzu⸗ gänglichen Bezirke des Tempels, ſtehen geblendet vor dem eigentlichen Gotteshauſe und höchſten Heilig⸗ thume in der Mitte des Tempelraumes, das, aus un⸗ geheueren Marmorblöcken gefügt, droben auf dem Gipfel des Hügels von dem Lichtwiederſcheine der güldenen Platten, die es ringsum bedecken, und da⸗ zwiſchen, wie Schneeglanz mit Sonnenblendung ver⸗ einigend, von der Weiße des Marmors leuchtet. Alles den Blick zum Staunen erregend, überaſchend, bewältigend; überall, wohin ſich das Auge wendet, koloſſale Structuren, bewundernswerthe Kunſtarbeit, funkelnder Glanz!
Wer hat nicht, wenn auch nur aus oberflächlicher Kunde, von den drei großen jährlichen Wallfahrts⸗ und allgemeinen Verſammlungsfeſten vernom †. welche das moſaiſche Geſetz den Anbetern Jeho 1 vorſchrieb. Dreimal im Jahre waren alle männ Bekenner des Geſetzes angewieſen, ſich zur Feie 8 Feſte in Jeruſalem einzufinden. Auch die wo Glieder des Hauſes ſchloſſen ſich nach Bedutf Gelegenheit an. Ein unermeßlicher uſa von Menſchen jeden Alters und Geſchlecht⸗ 50
waͤhrend dieſer feſtlichen Tage um den nn ce uu 5
und Prachtliebe des Herodes ugn errichteten, empel und erfüllte(beſonders an den Hanpreiettſgen des
jedesmaligen Feſtes) die bei aller Weoite den Zudrang
Volkes, der in ſeiner Fülle, ſeinem maſſenheften Ge⸗ 4 wühle auch von der Vorſtellung kaum zus faſſe
„— 1. 8 nur mit Hülfe des damit wechſelnden Abganges faſſenden Vorhöfe; der Zuſammenfluß Nines ganzen
iſt. Nach Angabe des jüdiſchen Geſchichtsſchreide 8 Joſephus wurden einmal unter der Iogierung
Nero's bei einem Oſterfeſte von Prieſtern zur Er⸗
mittelung der Volkszahl die als Paſſahopfer im Tempel
geſchlachteten Lämmer gezählt, da eine unmittelbare
Zählung des Volkes für unerlaubt galt. Die danach angeſtellte Berechnung ergab, wenn Dir dem Berichte glauben dürfen, die Zahl von nicht weniger Als 2,700,000 anweſenden Israeliten, auch wenn man
für jedes Lamm, nach niehigkter Schätzung, nur


