Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge.

bleiben; das war, um die Firma zu nennen,le Bal du Grand-Ture, mit andern Worten der neben einigen andern ähnlichen Localen mit beſonderer Vorliebe von den deuſchen Arbeitern in Paris aufgeſuchte BallſallZum Sultan!

Nun weiter!Kutſcher, zu Mabille! Und über die äußern Boulevards geht's nach den Champs⸗Elyſées. Da iſt Glanz und Schimmer! Da iſt Comfort und äußere Pracht! Mesdames les femmes entretenues ſtolziren hier im rauſchenden Seidenkleide, mit gepuderten Schultern und geſchminkten Wangen, am Arm eleganter Nabobs aus aller Herren Länder. Ueppige Loretten ſitzen in Nebenräumen und ſchlürfen ihren Mokka beim Durſt einer friſch ange⸗ brannten Cigarrette oder durchſchießen im Fluge die Colonnen der ſich abſpinnenden Quadrille. Müßige Löwen und fau⸗ niſche Wüſtlinge ſpeculiren durch das Lorgnon auf den Fang für die kommenden Stunden. Scherz und Ernſt, Lächeln und Lachen, Wahrheit und Täuſchung, Ueberfluß und Elend gehen hier Hand in Hand, ohne ſich gegenſeitig zu kennen. Kellner, ein Glas Eis!Cocher, au Salon de Mars!

Oben in Grenelle, am linken Seineufer, nicht ſehr weit von der Militärſchule, erhebt ſich ein großes Haus mit dieſer bezeichnenden Aufſchrift. Im Erdgeſchoß herrſcht der Glanz eines Café's mit allem nur denkbaren Comfert. Im erſten Stock aber ſchmettern Trombonen und Hörner zu ſtürmiſchem Tanze und das Geraſſel der Säbel miſccht ſich mit dem Klirren der Sporen und dem Schall unſanft den Fußboden berührender Soldatenſohlen zu einem Petpeurri von Tönen, das uns wider Willen die Widerſtandskraft des Hauſes in Zweifel ſtellen läßt. Das iſt der Tanzſalon des rein militäriſchen Elements. Dort ſehen wir den derb con⸗ ſtituirten, gleichwohl leichtfüßigen Zuaven, den ungeſchlachten Dragoner, den geſchmeidigen Chaſſeur; dort verſucht ſich im Walzen der Pioupiou aus der Provinz, donnert ſeinen Schottiſch der Cüraſſier, ſchiebt ſeine Redowa der Gensd'arm. Indeß, ſagen wir es nur gleich, alle die tanzenden Söhne des Mars bewegen ſich innerhalb der Schranken eines An⸗ ſtands, der bei Mabille und an vielen andern Orten in's

MAlich der Sage gehört. Mit der Eleganz der örtlichen Aus⸗

ſtaltung vontraſtirt, es iſt wahr, eine oder die andere von den tanzenden Schönen, aber im Regiſter des Verſchöne⸗ rungskrams weiblicher Koketterie fehlt doch die Schminke und der mehlige Flaum, wenn auch mehr als eine erröthend mit Fräulein Thereſa, der hochberühmten Volksnachtigall im Café Alcazar, ausrufen kann:Rien, n'est sacre pour un sapeur!Zur Cloſerie des Lilas, Kutſcher!

Am öſtlichen Ende des Louxembourggartens betreten wir eine andere Sphäre die der luſtigen Studenten. Hier ſind Loretten wie Griſetten an der Tagesordnung. Das promenirt, das zecht, raucht, kost, ſcherzt, lacht, ſchwatzt. Doch da wird zur Quadrille geblaſen. Huſch! wie das luſtige Völklein ſich ſtellt, ſich ſchaart und ordnet zu dem vor⸗

geſchriebenen Reigen! Und nun der Tanz! Das fliegt und

ſchwenkt, das geht und marſchirt, vorwärts, rückwärts, rechts herum, links herum, im Kreiſe, zu Paaren! Doch ſeht dort den ernſten Municipalgardiſten! Kalt und düſter blickt er auf die tanzende Schaar, ſeine Stirn runzelt ſich, er tritt vor was mag er wollen? Er wittert Etwas. Seht dort den großen Studenten mit der verwegenen Miene; be⸗ merkt ihr ſein häßliches Schlenkern mit Händen und Füßen? Seht jetzt ſeine Partnerin, das kleine Ding mit dem blonden gekräuſelten Haupthaar und den zarten Zügen bemerkt ihr der Kleinen ſoldatiſches Benehmen?Gewehr auf die

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Schulter! Bei Gott, jetzt fallen ſie Beide der Länge nach hin! Im Nu ſind ſie wieder auf den Füßen, aber im Nu iſt auch der Municipalgardiſt neben ihnen, öffnet ſeine Fäuſte und faßt das Paar, meint ihr? Nein, zwanzig Studentenarme hindern ihn daran. Im Moment entſteht ein fürchterlicher Tumult. Vergebens ſuchen ihn die Poſau⸗ niſten auf ihren Inſtrumenten zu übertönen; er wächſt. Soldaten, Poliziſten finden ſich ein, beide Theile werden mit den Studenten handgemein; einige der Letzteren werden ver⸗ haftet; die Muſik muß ſchweigen; der Saal wird geräumt. Das ein Stück aus dem Pariſer Studentenleben, das ſich ziemlich häufig wiederholt.

Von ähnlichem Intereſſe, wie das Treiben in den Tanz⸗ localen, iſt das muſikaliſche Leben auf den Gaſſen.

Die Franzoſen ſind Freunde der Muſtk, beſonders einer heitern volksthümlichen Muſik, und ſo kann es nicht fehlen, daß öffentliche Spielleute und Sänger in Paris viel günſtiges Terrain finden.

Die Haupttummelplätze des Pariſer Gaſſen⸗Polypho⸗ nismus ſind, wie der Verfaſſer ſagt, Hof, Straße und Brücke. Die Vertreter deſſelben theilen wir überhaupt in verſchämte, nichtverſchämte und unverſchämte Strich⸗ und Zugvögel ein. Zu den Strichvögeln rechnen wir diejenigen Künſtler, welche ſich permanent in dem nämlichen Stadt⸗ theile produciren; zu den Zugvögeln alle die, welche auf ihren Kreuz⸗ und Querzügen durch Paris ſich nicht an ein beſtimmtes Quartier binden..

In den Höfen, wo der Gaſſen⸗Polyphonismus über⸗ haupt zur Geltung kommen darf, in manchen iſt ſein Auftreten ſtreng verpönt, tritt derſelbe denn auch in der mannigfaltigſten Geſtalt und in den bunteſten Farben und Nüancen auf. Ziemlich regelmäßig jedoch gehen auf dieſem Schauplatz in jeder Woche die nämlichen Bilder in Scene, Bilder, die, wenn ſie ſelten dem Ohr, dem Auge faſt nie etwas Angenehmes bieten, dafür eine Maſſe des lehrreichſten und unterhaltendſten Stoffes liefern könnten.

Es iſt an einem Dienſtagmorgen früh. In dem von vier ſiebenſtöckigen Mauern ziemlich eng umringten Hofe iſt, außer einigen luſtigen Kellerratten, keine lebendige Seele zu ſehen. Plötzlich dröhnen ſchwere Tritte in dem auf die Straße führenden Hausgange. Eine gebückte Geſtalt in Blouſe und Holzſchuhen tritt in den Hof. Vor dem Fenſter in der Portierloge bleibt ſie einen Augenblick wie fragend ſtehen, dann rückt ſie weiter in den Hof vor.Cerberus (der Portier) hat ihr den Eintritt gewährt. Was will der Mann? Er neſtelt einen Moment an ſeiner Blouſe, dann nimmt er ein Inſtrument darunter hervor, eine Geige, ſieht mit einem prüfenden Blick zu den vielen Fenſtern in der ſiebenſtöckigen Mauer hinauf und ſetzt ein. Im Anfange geht's ganz leidlich, trotz des Getrampels, womit der Menſch ſeine Hopſer und Vettermichelweiſen begleitet; als aber nach Verlauf von zwei Minuten kein fallendes Geldſtück ihn für ſeine Kratzerei belohnt, vielmehr knarrend drei, vier Fen⸗

ſter in's Schloß fallen, zeigt er ſich in ſeiner wahren Ge⸗

ſtalt, faßt krampfhaft den Fiedelbogen mit der vollen

Fauſt und raſſelt ein ſolches Chaos von falſchen Tönen her⸗ (unter, daß einem das Trommelfell davon klingt und aus drei, vier Fenſtern zugleich, wie Kugeln, dicke Zweiſousſtücke auf ihn herabregnen, deren Zweck kein andrer ſein kann, als den Unhold zum Weichen zu bringen, einen von der ſchlimm⸗ ſten Sorte, einen jener fürchterlichen Muſikanten, die, das Schrecken der Pariſer Hofanwohner, geht's nicht anders, durch den Zwang ihr Ziel zu erreichen ſtreben. Ein Gewächs

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