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Pierle
alte, volk⸗ und ſittenſchildernde Lieder der isländiſchen und faringiſchen Poeſie zum erſten Male. Er ver⸗ gleicht das frühere, mehr ſingende Volk mit dem jetzigen halb verſtummten und geht bei dieſer Betrachtung ſehr ſinnvoll auf das Weſen des Volksliedes ein.
Im Drange der Zeitläufte können wohl Verhält⸗ niſſe eintreten, wo einem Volke das Singen verleidet wird, allein der Schatz ruht in der Tiefe der Herzen, verloren geht er nicht; ſobald die Bruſt wieder frei aufathmen kann, klingt's auf’'s Neue von den Lippen — kein Völkerfrühling, ohne daß es von allen Zweigen tönte.
Aus den Volksliedern ſelbſt erfahren wir über ihren Urheber ſelten etwas. In der Regel kennt man den Verfaſſer ſo wenig, wie man im klingenden Walde, im Laubgedränge der Buchenhalle ſagen kann:„Dieſer Finke, jene Droſſel war's, die eben flötete.“ Am Schreibepult des Gelehrten, in der tapetengeſchmückten Bücherei des modernen Poeten entſteht aber freilich das ſchlichte, einfache Volkslied nicht, er müßte denn ein Gottbegnadeter ſein, müßte die tiefſten Geheim⸗
niſſe der Natur und des Menſchenherzens erlauſcht
haben. Das Product des Kunſtdichters verräth ſich gar zu leicht durch geſuchte Wendungen und Pointen, durch geleckte Formen und dergleichen, denn Correct⸗ heit der Form darf man im ächten Volksliede nicht erwarten, höchſtens eine leiſe Ahnung der einfachſten Kunſtregeln, wie ſie vom muſikaliſchen Tacte eingegeben werden, der als ein verborgener Genius nicht ſelten in der Seele des Naturmenſchen enthalten iſt und nur auf Gelegenheit wartet, um ſich geltend zu machen.
An den Reim z. B. macht das Volk faſt gar keine
Anſprüche und läßt ihn oft ganz fallen oder begnügt ſich wenigſtens mit der Aſſonanz. Im Volksliede der Nordländer ſucht man auch vergebens nach der bei den Dichtungen der Skalden einſt mit großer Vorliebe angewendeten Alliteration, denn wo man ſie noch zu
finden vermeinen könnte, iſt ſie nur ganz zufällig vor⸗ handen. 8
Wie man nun faſt nie Aufſchluß erhält über den Verfaſſer, ſo läßt ſich auch ſelten das Wann der Entſtehung eines beſtimmten Volksliedes nachweiſen, icht hiſtoriſche Beziehungen die Vermuthung e gewiſſen Zeitpunet hinlenken. Das Volks⸗ lied huldigt nicht einem beſondern vorübergehenden Geſchmack, einer augenblicklichen Strömung. Nur dem Scharfblicke des Sprachforſchers gelingt es, an beſon⸗ deren ſprachlichen, eigenthümlichen Kennzeichen zuweilen
einiges Licht zu erhalten über die Zeit der Entſtehung
ſolcher Dichtungen. Auf die Erörterung dieſer Frage kommt es beim eigentlichen Liede aber auch faſt gar nicht an; das Wo der Entſtehung zu erforſchen, iſt
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weit wichtiger und in den meiſten Fällen auch weit leichter. Im Volksliede ſpricht ſich nicht nur das Denken und Fühlen einer beſtimmten Nation, ihr Charakter auf eine ihr eigenthümliche Weiſe aus— die Natur ſelbſt, in der das Volk athmet, ſpiegelt ſich in ſeinem Liede ab, der Charakter des Landes, in dem es ſich entwickelt, die Farbe des Himmels, der auf ſein Wirken und Walten, ſein Leben, Lieben und Leiden herniederſchaut, die Beſchaffenheit des Klima's, das auf die menſchliche Natur überhaupt ſtets einen gewiſſen Einfluß ausübt, der oft genug zur Herrſchaft wird—: Alles dies drückte dem Volksliede einen eigenthümlichen Stempel auf. In den Bemerkungen, mit welchen Wilhelm Grimm ſeine altdäniſchen Helden⸗ lieder und Balladen begleitete, iſt dies bereits ange⸗ deutet worden. Es heißt dort:„Das Göttliche, der Geiſt der Poeſie iſt bei allen Völkern derſelbe und kennt nur Eine Quelle; darum zeigt ſich überall ein Gleiches, eine innerliche Uebereinſtimmung, eine ge⸗ heime Verwandtſchaft, deren Stammbaum verloren ge⸗ gangen, die aber auf ein gemeinſames Haupt hin⸗ deutet; endlich eine analoge Entwickelung; verſchieden aber ſind die äußeren Bedingungen und Einwirkungen. Darum finden wir neben jenem Einklange auch wieder eine Verſchiedenheit in der äußern Geſtaltung, ab⸗ hängig von dem Himmel, worunter die Pflanze ge⸗ ſtanden, und die in großen Maſſen nachzuweiſen iſt, wie im Einzelnen bis in's Unendliche. Wir können kein beſſeres Ebenbild geben als Gottes, den Menſchen, dem überall daſſelbe Herz in der Bruſt ſchlägt, deſſen Geſtalt, Farbe, Sprache und Lebensluſt aber der Natur unterthan iſt und gehorcht, wie ſie verſchieden in den Weltgegenden herrſcht; ſowie auch bei der Familien⸗ ähnlichkeit der Nationen in jedem Einzelnen die eigne Individualität hervortritt.“ gebung nachzuweiſen, iſt auch gar nicht ſchwer. Wie verrathen doch die heitern, ſchelmiſchen Volksliederchen der Italiener, unter welch' köſtlichem Himmel, in welch' üppigem, wolluſtathmendem Klima ſie entſtanden ſind! War es überhaupt möglich, daß die Riſpetti und vor allem die Ritornell dieſe Blumenliederchen, in einem andern, als in einem Blumenlande gedeihen konnten? Hört man nicht durch das Volkslied der Araber hiudurch die Oaſenquelle rieſeln und die Palme rauſchen? Oder trügen die andaluſiſchen Liebeslieder und die caſtilia⸗ niſchen Seguidilla's nicht den Charakter der pyrenäi⸗ ſchen Halbinſel, ja der Landſchaften ſpeciell, wo ſie zu Hauſe ſind? Lebt nicht im Liede der Provenge ein Gluthhauch, der vom mittelländiſchen Meere her⸗ zuwehen ſcheint? So verſchieden Himmel, Klima, Vegetation und Anderes jener Südlande von Deutſch⸗ lands Natur ſind, ſo verſchieden iſt auch das deutſche
Dieſen Einfluß der Um——


