Jahrgang 
27-52 (1867)
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Volkslied von dem jener Gegenden. Ja ſogar Nord⸗ und Süddeutſchland weichen, wie in ſo manchem An⸗ deren, ſo auch in dieſer Beziehung weſentlich von⸗ einander ab. Und gehen wir noch weiter nach dem Norden, ſo finden wir für die angegebene Behauptung immer neue und immer entſchiedenere Beſtätigung. Stets düſterer, ernſter und ſtrenger, oder beſſer geſagt, herber wird das Volkslied im Allgemeinen, je mehr wir uns dem Pole nähern. Ich denke hierbei an Schottland, Dänemark, Norwegen und Schweden. Drunten im Süden war die üppige Vegetation ein Bild der Volkspoeſie. Wie das emporrankte, duftete, glühete und blühete in den bunteſten Farben und im luftigſten Sonnenſchein! Droben im Norden läßt der kurze Sommer auch Blumen emporſprießen an den Berghalden und in den Thälern, wo am Gießbach der Fels Schutz gewährt; allein, wir vermiſſen das Blendende, das Beſtechende der Flora. Ernſt wie das Leben, ſtreng wie das Klima iſt auch die Poeſie dort. Je weiter wir gen Norden ziehen, deſto ein⸗ förmiger und ſeltener wird das Lied der Vögel, den Finnen muß der Kuckuck die Nachtigall erſetzen. Wie wir im Geſange der Nachtigall alle Süßigkeit und Seligkeit der Liebe mit ihrer Sehnſucht und ihrem Entzücken ausgedrückt finden, der Perſer eben⸗ falls ſich am Geſange des Bülbül berauſcht und der Inder dem ſchmelzenden Liede des Kokila lauſcht, ſo der Finne dem Kuckuck, den er mit allen mög⸗ lichen und unmöglichen Schmeichelnamen nennt. Aber weiter nach Norden zu hört der Vogelgeſang immer mehr auf. Da ſpricht nur die Woge des Meeres, das Heulen des Sturmes, der, den Schnee vor ſich

Novellen⸗

Zeitung.

hertreibend, über die baumloſen Tundren oder durch die Schluchten der felſigen Jökuln ungehemmt dahin⸗ brauſt. In ähnlichen Accorden ſingt dort auch der Menſch, wenn er ſingt. Aber meiſt iſt er ernſt, ſinnend und in ſich gekehrt. Je näher wir dem Pole kommen, deſto mehr verliert ſich die Lyrik, bis vom Volksgeſange nur die urſprünglichere Gattung, die Ballade, das Epos bleibt. So iſt es an den Pforten des Eismeeres, auf dem in den Polarkreis hineinragenden Island. Schon in Schottland, Däne⸗ mark, Norwegen und Schweden herrſcht das epiſche Element im Volksgeſange vor. Der Isländer dagegen kennt faſt nur die Volksballaden und das Epos, und zwar mit geringen Ausnahmen ſo weit ſich das aus der Ferne beurtheilen läßt nur das, was ihm aus früheren Jahrhunderten von dieſen übrig geblie⸗ ben iſt.

In der That nun ſind die hier gegebenen Ueber⸗ tragungen, welche mit poetiſchem Verſtändniß und ſprachlicher Feinfühligkeit gearbeitet wurden, außer⸗ ordentlich geeignet, um die Freunde dieſer Poeſie mit einem urfriſchen Quell derſelben bekannt zu machen, und ſowohl ſtofflich durch Gang und Schilderung der Handlung in der Ballade, als in Bezug auf tiefes lyriſches Gefühl durch die Ausſtrömungen des geſunden ethiſch geſtimmten Volksſegens das Intereſſe des Leſers zu feſſeln. Möchten doch alle Diejenigen, welche be⸗ reits Grimm's nordiſche Volkslieder und die Ueber⸗ ſetzungsſchätze der Roſa Warrens und Talvi's beſitzen, auch dieſes Werk ihrer Bibliothek zueignen, da es aus dem Schatze der Urzeit und Simplicität viele

der reinſten Perlen ohne verkünſtelten Schliff enthält.

Jeuilleton.

Des Junggeſellen Brown Liebesbewerbung. Nach dem Engliſchen von Fried Coßmann. (Schluß.)

In der Zwiſchenzeit fuhr der Hageſtolz nach dem Bahn⸗ hofe. Es war eine lange Fahrt auf einem ſehr ſchlechten Wege, aber er fuhr heiter fort. Er hatte eine ſehr große Liebe für Kinder..

Als er den Bahnhof erreicht hatte und dort kein Zeichen von ihrer Gegenwart ſah, wurde er unruhig. Wenn ſie durch ſeine Nachläſſigkeit ſich verirrt hatte, ſo konnte er es ſich nie vergeben. Er ſtrich mit ſeinen Fingern durch ſein lockiges Haar und warf einen Blick in das Wartezimmer für Damen. Dort ſaß nur eine erwachſene, ſchöne junge Dame und er zog ſich zurück. Die Frau, welche in dieſem Zimmer die Bedienung zu beſorgen hatte, trat auf ſeinen Wink heraus, und er fragte ſie:

Haben Sie nicht ein kleines Mädchen geſehen, welche auf Jemand wartete?

Nein, mein Herr, antwortete ſie.Es ſind zwei kleine Mädchen mit dem Zuge gekommen, aber ſie ſind gleich fortgegangen.

O Gott, o Gott! ſagte der alte Hageſtolz Brown.

Ich hoffe, daß kein Irrthum vorgefallen ſein mag. Es iſt

eine kleine Miß Dove, und wenn das liebe kleine Kind ſich verirrt hat, ſo bin ich ſehr zu tadeln. Erkundigen Sie ſich doch nach ihr dort iſt eine gute Dame. Als er dieſe Worte ſprach, ſah man, daß die erwachſene junge Dame in dem Warteſaal ſehr erröthete und ſich erhob. Ich bin Amanda Dove, ſagte ſie,und erwarte

Jemand hier von der Familie des Herrn Hinkle.

Der Hageſtolz Brown ſtand gang verblüfft da. Er

hatte von dieſer Dame als einemtheuren kleinen Mädchen