Vierte Solge.
* 1 gluͤck, daß ich kein Phantaſt bin! Ich müßte ſonſt eutſetzlich erſchrecken. Warten Sie, ich werde noch irgendwo ein Pülverchen haben, das Citrone und Weinſauce aus dem Magen bringt; gleich will ich es holen. Und dann ins Bett!“*....
Und die Sonne ging auf und nieder— Nacht blieb es vor Goethe's Augen. Da kam aus Weimar das Schreiben mit ſchwarzem Siegel....
Goethe trauerte wie— Goethe:„Liebende haben Thränen und Dichter Rhythmen zu Ehre der Todten.“
Die ganze Welt kennt„Euphroſyne“, jene herz⸗ erſchütternde Elegie, durch die der Unſterbliche den Kuß der Unſterblichkeit auf Chriſtel's Lippe gedrückt hat.
„Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn! Nur die Muſe gewährt einiges Leben dem Tod.“
Chriſtiane Neumann⸗Becker lebt zumeiſt in„Eu⸗ phroſyne“ fort. Zwar nennt die Geſchichte ihren Namen und in einem Garten oberhab Weimar's ſteht ein ihr geweihtes Denkmal von Stein; aber durch die urewige Elegie hat ihr der Lehrer, der Freund, der Vater ein Denkmal geſetzt, das nimmer, nimmer ver⸗ blaſſen, vergehen wird, denn es ruht im Herzen des deutſchen Volkes. Es kommen, es gehen Talente, einem großen folgt ein noch größeres, die Sonne verdrängt den Stern: ſo iſt's der Lauf der Welt. Mag da ein Name im Buche der Geſchichte verzeich— net ſein, mag ein Standbild von einem Todten er⸗ zählen— was ſoll's groß? Es lebe der kommende Tag! und für alle Zeiten lebt nur Der, deſſen das Volksherz in unwandelbarer Liebe gedenkt...
Im Monat November kehrte Goethe heim. Wei⸗ nar ohne Chriſtel! Und nun kamen Andere, die Lücke auszufüllen: viel Talent, Verſtändniß und Streben, aber keine— Chriſtel.„Es kann größere Talente geben,“ klagte der Dichter,„aber für mich kein an— muthigeres. Wenn ſich manchmal in mir die abge⸗ ſtorbene Luſt, für's Theater zu arbeiten, wieder regte, ſo hatte ich ſie gewiß vor Augen und meine Mädchen und Frauen bildeten ſich nach ihr und ihren Eigenſchfften.“
Geprieſen, tauſendfach geprieſen ſei der Freund, der unabläſſig beſtrebt war, Balſam in das wunde Herz zu träufeln. Schiller war der Erſte, der den Heimgekehrt ſeine Arme ſchloß, und Schiller's Bemüh die Welt Goethe's fernere Theil⸗ nabme am Theater zu danken. Denn dieſer, ge⸗ ſonnen, den Feldberrnſtab aus der Hand zu legen, ließ ſich nur durch des Freundes Bitten an ſeinem Vorhaben hindern; und nun legten die Dioskuren die Hände ineinander, nun ſchlugen ſie zum Heile des Theaters jenen Weg ein, auf den wir wie auf einen flammenden Streifen blicken. Was noch dar⸗
über ſagen! Es heißt von Caſtor und Pollux, daß
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ſich, als ſie am Argonautenzuge Theil nahmen, wäh⸗ rend eines Sturmes zwei Sterne auf ihren Köpfen zeigten— ſo erwachte auch der Sturm, da Schiller und Goethe das Steuer ergriffen, und auch über ihren Häuptern gingen zwei funkelnde Sterne auf; aber als dam der Weg zurückgelegt war, da pries ein Jeder den erſt gefürchteten Sturm, der ſo manchen Unrath in die Gräben geworfen, und heller und heller ſtrahlten die Sterne ob der Häupter der Dioskuren. Wir ſahen ja, daß ſchon Goethe, als er allein am Steuer ſaß, das Beſte wollte, allein nichts erklär— licher: als Beide das Fahrzeug lenkten, mußte es noch einmal ſo ſtolz durch die Wogen ſtreichen. Ja gewiß, erſt durch Schiller und Goethe iſt Weimar's Bühne zu einem Eckſtein geworden, den die Fluth des heutigen Virtuoſenthums nicht wegzuſpielen ver⸗ mag....
Und weiter? Goethe wird älter und kälter; es kamen Zeiten, wo eine eiſige Luft von dieſem Herzen ausſtrömte. Aber wenn er der geſchiedenen Lieben gedachte, dann zog es wie neuer Frühling durch ſeine Bruſt und über ihn kam eine unnennbare Sehnſucht nach vergangenen Tagen.„Chriſtel! Chriſtel!“ bebte dann ſeine Lippe. O hätte ſie ihn tröſten können, als Schiller von dannen gegangen! Wäre ſie bei ihm geweſen, als Karſtens Pudel ihn aus dem Muſen⸗ tempel trieb!
Und er wird immer älter und immer kälter und endlich kommt die Stunde, wo ſein Auge bricht. Mehr Licht!“ Da iſt er drüben. Welch' ein Glanz! Er ſteht wie geblendet. Und eine Hand faßt die ſeine und eine Stimme, zart und ſüß wie ein Lenz⸗ lüftchen, nennt ſeinen Namen und er jauchzt:„Eu⸗ phroſyne! Euphroſyne!“ Und ſie ſchweben dahin, Arm in Arm, weiter und immer weiter und ein Re⸗ genbogen prangt, Harfenſpiel erklingt und Milliarden Stimmen ſingen:
Euphroſyne.
Gedichte 1nEarl Twelckmeyer.
Gott in der Natur.
O, daß der Menſch ſie recht verſtände Die ſtumme Sprache der Natur,
Wie Nebel vor der Sonne ſchwände
Aus ſeiner Bruſt des Zweifels Spur!— Der Aar, der ſich im Aether wiegt,
Das Würmlein, das im Staube kriecht, Der Sonnenball, das Moos am Stein, Sie müſſen Gottes Zeugen ſein.
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