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Noch in der letzten Stunde ſenkte Euphroſyne Frohſinn und Heiterkeit in ihres Kindes Bruſt. Zwölf ſchlug's auf den Thürmen.
Und Mitternacht in Stäfa. Ueber dem See ſchwamm der Mond. Ein leiſer Wind,geinem Früh⸗ lingslüftchen gleich, kräuſelte die Wellen und ſchlüpfte durch Gärten und Obſtanlagen und huſchte über Weinberge und Felder. Die Landſchaft noch ſo grün, als wäre eben der herrlichſte Lenz von den Bergen geſtiegen; nur die weißen Gipfel jenſeits des Ufers erzählten vom nahen Herbſte.
Am Fenſter eines kleinen,
Hauſes ſtand Goethe. Er lauſchte dem Geſang des Windes. Ihn floh der Schlummer. Er gedachte der fernen Lieben und eine wunderbare Sehnſucht nach dem Daheim befiel ihn, er hätte ſich dem Winde in die Arme werfen mögen. Sonderbare Regung in der Bruſt. War daheim nicht Alles heiter und glücklich? Hatte nicht erſt geſtern der fürſtliche Freund geſchrjeben: die„Leutchen“ be⸗ fänden ſich in Lauchſtedt wie die Fiſchlein im Waſſer und Chriſtel blühe, als ſei ſie eben Cranach's Jugendbronnen entſtiegen? Und doch, doch, Goethe war das Herz ſo ſchwer und ſeine Bruſt ſo beengt, als drückten ſie eiſerne Reife; er riß das Fenſter auf und ſog die Lüfte ein; dann trat er hinaus auf den Balcon und legte beide Hände um die Brüſtung und blickte hinunter in den See.
So ſtand er lange, lange. An ſeiner Wimper zitterte eine Thräne; wem floß ſie? Flüſterten die Wellen? Sprach der Wind?— Horch! eine Stimme. Chriſtel's Stimme?
„Habt ihr das Herz? Als euch der Kopf nur ſchmerzte, So band ich euch mein Schnupftuch um die Stirn, Mein beſtes, eine Fürſtin ſtickt' es mir,
Und niemals fordert' ich's euch wieder ab——“
„Ja, mein Kind, das war ein ſchöner Abend, als Du den Arthur darſtellteſt,“ ſo bebte Goethe's Lippe.
Und wieder flüſterten llen:
„Nun ſeht ihr aus wie! All' die Zeit
Wart ihr verkleidet.“
„O, ſüße Erinnerung!“ Die Hände wandte der Dichter ſich langſam— da— „Spaltet ſich drüben der Fels? Was leuchtet herüber? Strahlt die Sonne vielleicht durch heimliche Spalten und
Klüfte? Denn kein irdiſcher Glanz iſt es, der wandelnde, dort. Näher wälzt ſich die Wolke, ſie glüht.—— Wird der roſige Strahl nicht ein bewegtes Gebild?“ Und von drüben tönt es, leiſe, wie Harfenklang: „Kennſt Du mich, Guter, nicht mehr? Und käme dieſe Ge⸗ ſtalt Dir,
faſt vom See beſpülten
gefaltet,
Novellen⸗Zeitung.
Die Du doch ſonſt geliebt, ſchon als ein fremdes Gebild?
Zwar der Erde gehör' ich nicht mehr und trauernd ent⸗ ſchwang ſich
Schon der ſchaudernde Geiſt jugendlich frohem Genuß;
Aber ich hoffte mein Bild noch feſt in des Freundes Erinn⸗ rung
Eingeſchrieben, und noch ſchön durch die Liebe verklärt.
Ja, ſchon ſagt mir gerührt Dein Blick, mir ſagt es die Thräne:
Euphroſyne: ſie iſt noch von dem Freunde gekannt.
Sieh, die Scheidende zieht durch Wald und grauſes Gebirge,
Sucht den wandernden Mann, ach! in der Ferne noch auf;
Sucht den Lehrer, den Freund, den Vater, blicket noch einmal
Nach dem leichten Gerüſt irdiſcher Freuden zurück.“
Die Arme hebt da Goethe empor, ſeine Bruſt fliegt, ſeine Pulſe hämmern, aufſchreit er:„Euphro⸗ ſyne, bleibe bei mir! Euphroſyne!“
Im Hauſe wird es laut, Schritte auf der Stiege—
Und wieder tönt es durch die Nacht:
„Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn! Nur die Muſe gewährt einiges Leben dem Tod.“
Da ſchlaͤgt es Eins.
Da ſteckt Jemand den mit einer Zipfelmütze be⸗
deckten Kopf durch die Balconthür. Profeſſor Hein⸗ rich Meyer iſt's, den das„wunderliche Gerede“ aus dem Bette getrieben.„Freund,“ ruft er,„was machen Sie hier draußen? Zur Nachtzeit declamiren Sie auf dem Balcon! Ich bitte Sie, legen Sie ſich doch ins Bett, Sie werden ſich einen abſcheulichen Rheuma⸗ tismus zuziehen! Wunderliche Menſchen, Ihr Dichter!“
Goethe ſieht ihn nicht, hört ihn nicht. Erſt als der Profeſſor ihn bei der Hand ergreift und ihn ins Haus zieht, ſchlägt er den Blick empor, wie aus tiefſtem Traume erwachend.„Meyer,“ ruft er da, ſich mit überſtrömenden Augen an des Fran. Bruſt werfend,„mein Kind iſt von mir gegangen! Euphroſyne todt— todt!“
Der Profeſſor kann ſich das„beim beſten Willen nicht zuſammenreimen“. Goethe möge ſich doch be⸗ ruhigen, ſich vor allen Dingen auf jenen Stuhl ſetzen und nun recht langſam erzählen, was ihm denn eigenklich begegnet ſei. Allein der Dichter ſtürmt im Gemache auf und nieder und weint und redet— was Meyer gar nicht begreifen kann— von ſeiner Tochter Geiſt, der jenſeits des Ufers gleich einer roſigen
Wolke aus der Schlucht geſchwebt „Mein Gott!“ ruft da der.„ſich ſo zu alteriren! Wir haben etwas ſpäl zur Nacht ge⸗
geſſen. Fiſche an ſich ſind eine leichte Koſt, aber mit Citrone und Weinſauce, wie wir ſie genoſſen, beſchweren ſie doch den Magen.— Ihre Euphroſine todt— ein Geiſt? Beſter Freund, beſinnen Sie ſich gefälligſt, daß Sie erſt geſtern vom Herzog hörten: Chriſtel blühe, als ſei ſie eben Cranach's Jugend⸗ bronnen entſtiegen!— Meiner Seel'! ein Gnaden⸗
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