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Vierte Folge.
Alle Lieben waren in der Nebenſtube.
Heinrich's Lippe bebte:„Wie iſt Dir, theures Herz?“ 1 „So leicht!— So leicht!“ Und ſie hob die Arme, als wollte ſie Schwingen prüfen.
„Das Kind ſchläft,“ ſagte er, nur um etwas ſagen.
„Komm her, Heinrich. Lege Deinen Kopf meine Bruſt.— Nein, erſt reich' mir unſer Kind; ich will Corona das Märchen von der rothen Hexe er⸗ zählen, ſie liebt es ſo ſehr.— Iſt Jemand in der andern Stube? Mir däucht, ich höre ſprechen. Schließe die Thür, lieber Heinrich.“
Er drückte die Thür in's Schloß, nahm das Kind aus dem Bettchen, reichte es der Mutter und legte ſein Haupt an ihre Bruſt. Darüber wachte Corona auf und weinte ob der Störung, doch als ſie vernahm, die Mutter wolle das Märchen von der rothen Hexe erzählen, da rieb ſie ſich ſchnell die Augen klar und bat:„Ach, Mama, die rothe Hexe!“
„Es war einmal eine Frau und die hatte ein kleines Kind,“ begann Chriſtel in einem Tone, der wie Elfen⸗ geflüſter klang,„und Beide gingen durch einen großen, großen Wald. Die Bäume in dieſem Walde waren feuerroth und alles Gras und alle Vögel auch, und das kam daher, weil die rothe Hexe Wald und Gras und Vögel verzaubert hatte. Die Mutter und das Kind gingen immer weiter und ſie wurden ſehr hungrig. Da kamen ſie an eine Hütte, die von lauter Honig⸗ ſcheiben und Roſinen und Mandelkernen aufgebaut
zu
an
und obenauf ſaßen drei Vögel, die waren ganz ℳ don ſgem Zucker. Die Mutter erſchrak und ſchlug
drei Kreuze, als ſie die Hütte ſah, aber das Kind, welches vorangeſprungen war, aß ſchon von dem Honig und den Roſinen und den Mandelkernen. Da ging die Thuͤr auf, eine wunderſchöne Frau kam heraus und ſprach: Liebe Frau und liebes Kind, kommt doch herein zu der Fee Roſenroth. Ihr ſeid hungzig und ich will Euch viel Schönes zu eſſen bringen.⸗ Flugs ſprang das Kind hinein und die Fee und die Mutter gingen nach, denn dieſe hatte nun gar keine Angſt
mehr. Aber da——“ 1„LA s, mein theures Herz,“ flehte Heinrich, ſein w aupt emporhebend,„Du biſt müde,
Corona auch; laß das bis— morgen.“
„Müde, ich?— Weißt Du, Heinich, wie mir iſt? Als hätte ich Flügel und ſchwebte weiter und weiter und käme nach Stäfa. Sieh da, auf dem Balcon ſteht Goerhe. Er denkt an ſein Kind, ſeine Chriſtel. Da trete ich aus einer dunkeln Felſen⸗
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„Bitte, liebe Mama, weiter die rothe Hexe!“ Du ſüßes Leben. Wo
. „Ja,
ich— 2“
„Aber da ward aus der Fee Roſenroth—“
„Richtig, die abſcheuliche rothe Hexe. Und die Mutter und das Kind fürchteten ſich ſehr und ſanken in die Kniee und weinten heiße Thränen. Aber die Hexe riß ihre funkelnden Augen weit auf, daß ſie groß wie Teller wurden, und kreiſchte: Da habe ich Euch! Um Euch iſt es geſchehen! Feuerroth ſollt Ihr werden wie Bäume und Gras und Vögel und von Zucker dazu, wie die drei Vögel auf dem Dache! Wo hab' ich meinen Zauberſtab?⸗ Und Mutter und Kind weinten und baten immer mehr, doch die ab⸗ ſcheuliche Hexe rannte in alle Ecken und ſuchte ihren Zauberſtab, aber ſie fand ihn nicht und darüber ward ſie ſehr zornig. Mit einem Male hörte das Kind mit Weinen und Bitten auf und lachte die Mutter an. Das konnte die Mutter natürlich gar nicht be⸗ greifen, aber da flüſterte das Kind: Haſt Du den Wind nicht gefühlt? Der kam vom lieben Gott und der liebe Gott ſchickte mir durch den Wind den Zau— berſtab, damit ich die Hexe todtmachen ſoll. Sieh, hier iſt er.- ⸗Ja, da iſt er,⸗ ſchrie die Hexe,«her da⸗ mit unde——— Auf dem Balcon ſteht Goethe. Er blickt mich an, er iſt traurig—— Heinrich, wenn ich wieder geſund bin, möchte ich den Herzog Arthur ſpielen———“
„Mama, bitte, weiter.“
„Aber das Kind hielt den Zauberſtab mit beiden Händchen und es hielt ihn ſo, daß ſich die Spitze nach dem ſchwarzen Herzen der Hexe neigte. Und da zuckte ein feuriger Strahl aus dem Stabe und der bohrte ſich ins Herz der Hexe und da war ſie —— Heinrich, blau und golden wird's vor meinem Auge— ich habe Flügel, ich ſchwebe höher, höher — ach der Glanz, der Geſang, die Muſik— Harfen— klang, rothe und weiße Roſen——“
Mit gellendem Schrei ſprang Becker empor— Die Fürſtin Thür auf— „Mama, es gehk noch weiter. Schweig' nicht
ſtill, liebe, gute Mama.— Da war die Hexe—“ „Todt! Todt!“ ſchrie Heinrich und ſtürzte zu Boden. Corona lachte.„Nein, Papa, das erzählt Mama viel hübſcher. Maustodt⸗, ſagt Mama. Hör' zu, liebe, gute Mama, ich weiß das Märchen
mein war
weiter.
Die Bäume und Gras und Pipvögelchen wurden
wieder grün und die Mutter und das Kind kriegten goldene Kronen, weil ſie Königinnen wurden——“
ſchlucht, nein, aus dem See ſchwebe ich empor und Lauter lachte Corona und ſtreichelte der Mutter eiſige
der Vater ſieht mich—“
Wangen.


