Jahrgang 
27-52 (1867)
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nicht um.

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Dankbarſt angenommen, Excellenz. Aber, ich erſchöpft, und Sie wollen mich bis zur Heimkehr aus Ihrer Nähe verbannen? Hundert gegen Eins! Friſch und munter bin ich, wie ein Springinsfeld!

Geben Sie Acht. Von hier bis zum Apoll und den neun Muſen in einer Secunde! Haſchen Sie den Schmetterling!

Und rechts und links die Kleider an den Körper drückend, ſpringt ſie aus der Thür, über den Raſen durch die Farrenkräuter.

Mit zürnenden Worten eilt Goethe ihr nach. Chriſtel! Kind! Welche Thorheit! Deine Schuhe

der Raſen iſt feucht!

Am Springbrunnen hält ſie inne. Der Waſſer⸗ ſtaub netzt ihr Antlitz, ihren Nacken. Und ſie klatſcht in die Hände:Gewonnen! Nicht, ich bin ein pracht⸗ voller Schmetterling, der ſich ſchwer haſchen läßt? Verſuchen Sie's! Ich flattere zu den Cypreſſen hin⸗ über!

Und auf's Neue ſpringt ſie davon, und er, dem die Sorge um ſie das Wort raubt, eilt hinterdrein.

Da fällt die Roſe aus ihrem Haar. Der Wind fängt ſie auf und entblättert ſie.

Nichts merkt der Schmetterling, er ſchaut ſich Sein ſilberhelles Lachen dringt durch alle Lüfte. Jetzt ſteht er vor den Cypreſſen. Ein Griff rechts und links die grüne Wand iſt durchbrochen, der Flüchtling huſcht hinein und iſt verſchwunden.

Eine namenloſe Angſt befällt den Verfolger.

Das Lachen verſtummt.

Klingt's nicht wie ein Schrei?

Goethe dringt vor und ruft zugleich, das Geſicht rückwärts nach dem Hauſe wendend, um Hülfe. Was muß er ſehen! Auf der Erde der Schmetterling, die Augen geſchloſſen, die Arme ſchlaff am Koͤrper, auf dem Bruſttuche Blut.

Geknickte Flügel. Trauerbäumen.

Chriſtel wie todt unter den

Verhülle das Haupt!

Langſam, ganz langſam bewegte ſich die Carroſſe der Herzogin⸗Mutter von Lauchſtedt gen Weimar. Auf dem Vorderſitz lag Chriſtel und ihr Antlitz war weiß wie Marmor und ihr Auge hatte jenen unheim⸗ lichen Glanz, der jeder Hoffnung die Thür weiſt. Ihr gegenüber ſaßen Heinrich, auf deſſen Schooß Cornelia ruhte, und der Medicus Amalia's.

Waren die Voͤgel dem Wagen vorausgeeilt? Hatten ſie die Kranke bereits in Weimar gemeldet? Genug, als der Thorwächter aus ſeinem Häuschen

und an den Schlag trat, um nach Namen, Stand und⸗

Zweck der Fahrt zu fragen, da antworteten ſtatt

Rovellen⸗Zeitung.

Heinrich's Männer, Frauen und Kinder, die ſich um den Wagen drängten und die Beckerin zu ſehen ver⸗ langten.

Man trug ſie die Treppe hinauf und auf das Lager. Sie befand ſich in einem wunderlichen Zu⸗ ſtande: ihre großen glänzenden Augen waren faſt be⸗ ſtändig geöffnet, und dennoch ſchien es, als ob der Schlummer ſie Tag und Nacht umfange, denn wo ſie weilte und wer neben dem Lager ſtand, das wußte ſie nicht. Es war rührend, wie Alt und Jung ſeine Dienſte anbot, wie ſich Jeder beſtrebte, Heinrich Troſt zu ſpenden, wie man ihn wahrhaft drängte, Andern wenigſtens die Nachtwachen zu überlaſſen. Dazu war er indeß nicht zu bewegen. Ein alter Sorgenſtuhl ward an das Krankenbett und des Kindes Bettchen an die andere Seite geſchoben; und zwiſchen der welkenden Blume und der zarten Knospe ſaß nun Tag und Nacht der arme Mann..

Wer malt die Beſtürzung der Geſellſchaft, als ſie auf Goethe's Hülferuf nach den Cypreſſen eilte und den Schmetterling mit geknickten Flügeln fand! Zehn Hände hoben ihn auf, zehn Arme trugen ihn in's Haus, und ſofort jagte der ſchnellſte Reiter nach Apolda zum Arzte. Der Baron flehte förmlich, Beckers möchten bei ihm bleiben, allein Heinrich war der feſten Anſicht, daß Chriſtel, ungeachtet aller Sorgfalt, die man hier ihr angedeihen laſſe, des Daheims dringend bedürfe; und der unterdeß erſchienene Arzt ſtimmte dem Manne bei.

Schwere, trübe Wochen. Welch' ein Gedanke: die liebe ſüße Frau am Grabesrand! Glichen nicht die

Lauchſtedter einer großen Familie, die um ihren Lieb⸗

ling bangt? Und wieder wie damals, als der Klapper⸗ ſtorch das kleine Fräulein gebracht, ſtand des Schlafes grauſiger Bruder vor der Thür und ſchärfte die Senſe, und abermals nahte Chriſtel's guter Engel und gab dem boͤſen Feinde die beſten Worte und wiederum zog der von dannen. Aber dennoch verhüllte der Engel das Haupt und weinte.

Mehr und mehr entfernte ſich unſer herziges Frauchen vom Rande des Grabes, und wieder leichter athmeten Heinrich, der Baron, der nach der Abreiſe ſeiner Kinder ſofort in Lauchſtedt erſchienen war, Corona Schröter, Goethe, die Herrſchaften, ja Alle. Ueber Lauchſtedt ging wieder die Sonne auf. Und da, wie Chriſtel erſt wieder das Bett verlaſſen durfte, war jede Ermahnung zur Ruhe abermals vergebens. Von Neuem ſchlug ſie mit der gewohnten Rede, daß ſie ſich nicht krank fühle und die Schwäche in der Bruſt bezwingen wolle, jede Vorſtellung in den Wind. Nach den Bretern ſehnte ſie ſich, wie der Blinde nach dem Lichte. Und was der Arzt dazu ſagte?

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