670 Novellen
iſt, dort auf der Höhe ein Denkmal errichten, das den vielen Tauſenden der Wanderer, die vielleicht Ebel's Namen nie gehört haben, verkünde, daß er es war, der einſt ſagte: Hier iſt gut ſein, hier laßt uns eine Hütte bauen!
Als die neue Epoche der Rigifahrten begann, kam auch der Winterthurer Ulrich Hegner wieder auf dieſe Höhe, die er ſchon vor vierzig Jahren im erſten Jünglingsalter und 10 Jahre ſpäter erſtiegen hatte und er beſchrieb die Fahrt unter dem Titel„Berg⸗, Land⸗ und Seereiſe“(1817). Der hoch⸗ tönende Titel für einen Ausflug von fünf Tagen mag ma⸗ nierirt erſcheinen, und man könnte glauben, es lohne ſich nicht zu leſen, was vor 50 Jahren über einen weltbekannten Gegenſtand geſchrieben iſt; aber ſo langweilig es ſein kann, ſich von einem gewöhnlichen Reiſenden erzählen zu laſſen, wie er auf den Rigi gekommen ſei, und was er dort geſchaut und erlebt habe, fühlt man bald, wenn man Hegner's kleine Reiſe⸗ ſkizze anſieht, daß man es mit einem bedeutenden Manne zu thun hat. Hegner war ein wiſſenſchaftlich und künſtleriſch gebildeter Mann, welcher die deutſche Proſa ſo zu behandeln verſtand, daß man die Schule der claſſiſchen deutſchen Heroen ſeit Leſſing erkennt. Als Reiſender iſt er ſchon einigermaßen charakteriſirt durch den häufigen Gebrauch des Ausdrucks „Land und Leute“, den die neueſte Zeit ſo wenig erſt erfun⸗ den hat, als den Begriff der damit bezeichneten Beobachtung. Seit Hegner als Jüngling den Rigi beſtiegen hatte, waren ſchwere Zeiten über die Welt gezogen und auch die Schweiz war von der Kriegsfurie nicht verſchont geblieben. Unwill⸗ kürlich ſtellte ſich ihm die Frage, wie dieſe, die europäiſche Menſchheit umgeſtaltenden Zeiten auf die Bergbewohner am Rigi eingewirkt hätten, und er giebt darauf die Antwort: „Ich bemerkte ſeit den 30 Jahren, da ich nicht in dieſer Gegend geweſen, weniger Veränderungen in Sprache, Sitten und Kleidung, als ich nach den gewaltigen kriegeriſchen und politiſchen Ereigniſſen, die ſich während dieſer Zeit zugetragen und von dem Beſuche ſo vieler Fremden erwartet hatte. Das iſt aber der Vortheil einer lange erhaltenen, dem Geiſte des Volkes angemeſſenen und von ihm eifrig bewachten Ver⸗ faſſung, daß eine nationale Eigenheit Wurzel faſſen kann, der vorüberſtreichende Winde, ſelbſt Stürme und Ungewitter nicht ſo leicht etwas anhaben, wohingegen unter immer⸗ währenden Neuerungen und Ländertäuſchen die Volksthüm⸗ lichkeit zu einem Wechſelbalg und die Menge zum gehaltloſen Pöbel wird, deſſen Unbeſtändigkeit dem Herrſcher ſelbſt zuerſt zur Laſt wird.“ Seinen feinen Naturſinn zeigt Hegner unter Anderem in den Bemerkungen, zu denen ihn das Anſchauen des bekannten Riginebels veranlaßt.„Endlich kamen wir aus der bisher umſchloſſenen Gegend oben auf den Rand des Staffels, wo ſich auf einmal eine Welt nach Norden öffnet, und da vergaßen wir auch auf einmal Hitze und Müdigkeit, ja das ganze Leben, das hinter uns war. Ueber und um uns leuchtete die Sonne aus wolkenloſem Himmel und unter uns erblickten wir— nicht die Allſicht des Landes, ſondern ein unabſehbares weißes Nebelmeer, das ſtill auf dem Gelände lag und bis an die halbe Höhe des Berges reichte. Aus dieſem Meere ragten die Felſen des nahen Pilatus wie eine Seeküſte hervor; und Alles war ſo ruhig, wie wenn ein zweiter Himmel unter uns wäre. Ausſichten von der Höhe in die Tiefe des Landes hatten wir ſchon oft geſehen, aber noch nie ſo ein Wolkenmeer unter uns. So muß Noah von dem Berge herab, wo ſeine Arche ruhte, die Erde geſchaut haben, als noch das Gewäſſer auf der Tiefe lag.— Und unter dieſer ſtillen Decke, ſagten wir einander und hatten Mühe es zu begreifen, waltet jetzt das regſame menſchliche
„Zeitung.
Leben in Leid und Freude; da unten ſind unſere Brüder und mühen ſich wie Ameiſen, graben wie die Maulwürfe und ſuchen mit unſtetem Auge die Sonne des Friedens, die hier oben uns umgiebt. Auch wir werden wieder in das Mühſal hinunter kommen und oft zagende Blicke in die Höhe werfen; laßt uns dann nicht vergeſſen, was wir hier anſchaulich fühlten, daß im geiſtigen ſo wie im phyſiſchen Leben der düſtere Schleier, welcher uns drückt, nur aus leichtem Nebel gewebt iſt, über dem in geringer Höhe das goldne Licht eines herrlichen Tages waltet.“ 9.
Die Verheirathung und Eheſcheidung unter den Chineſen.
Ein Correſpondent aus Shanghan ſpricht ſich in folgen⸗ den Worten über die in China üblichen Heiraths⸗Ceremonieen aus:
Die Heiraths⸗Ceremonie bei den Chineſen hat ebenſo wie bei uns den Charakter einer bürgerlichen und einer religiöſen Feierlichkeit; ſie wird ohne die Hülfe eines Prieſters vollzogen, wird aber nichts deſto weniger als der feierlichſte und bindendſte Act betrachtet. Die Verlobung findet allge⸗ mein ſtatt, während die dabei am meiſten Betheiligten noch bloße Kinder ſind; das geſchieht vermittelſt einer dritten Per⸗ ſon, die mit keiner der beiden Familien verwandt iſt. Wenn es ihr gelingt, ein Uebereinkommen zwiſchen den beiden Familien zu Stande zu bringen, ſo wird ſie gut dafür be⸗ zahlt. Wenn die Familien befriedigt ſind, ſo wird der Handel vollſtändig abgeſchloſſen, die jungen Leute, die ſich einander heirathen ſollen, haben gar nichts dabei zu ſagen. Einige ihrer Gebräuche zwiſchen der Verlobung und der Hochzeit ſind außerordentlich abergläubiſch und einige ſogar lächerlich; aber ſobald die Verheirathung ſtattgefunden hat, ſo werden alle Pflichten der Frauen von dem Hauſe ihres Va⸗ ters auf das ihres Gatten übertragen. Sie hört ſogar auf, ihre verſtorbenen Vorfahren zu verehren und verehrt an deren Statt die Bilder der Vorfahren ihres Mannes. Die Chine⸗ ſen haben ein Geſetz, welches die Ehe zwiſchen nahen Bluts⸗ verwandten verbietet; Geſchwiſterkinder von väterlicher Seite — d. h. die Kinder von Brüdern— dürfen ſich nicht ver⸗ heirathen, wohl aber die Kinder von Schweſtern. Ein andres Geſetz verbietet die Heirath zwiſchen Perſonen, welche den⸗ ſelben Namen führen. Es iſt ganz einerlei, ob ſie aus ganz verſchiedenen Theilen des chineſiſchen Reiches ſtammen und ob zwiſchen ihren reſpectiven Vorfahren ſeit einer langen Reihe von Jahren ſich keine Verwandtſchaft nachweiſen läßt, ſie können nicht Mann und Weib werden. Die Wittwen ſind in einer übeln Lage. Obſchon ſie zuweilen ſich ein zweites Mal verheirathen, ſo wird das doch von ihrer Seite und von der Seite des Mannes, welcher ihr die Hand reicht, als Schimpf betrachtet. Daher unterſtützen die Freunde des verſtorbenen Mannes die Wittwe lieber, als daß ſie ihre Einwilligung zur Wiederverheirathung derſelben geben, weil das ſie ſelbſt be⸗ ſchimpfen würde, und ohne ihre Einwilligung würde die zweite Ehe ungeſetzlich ſein. Die Hochzeits⸗Ceremonie findet mit einem großen Gepränge ſtatt; es wird viel Weihrauch verbrannt und es werden viele Geſchenke ausgewechſelt. So⸗ wohl der Bräutigam wie die Braut, die ſich einander vielleicht nie geſehen haben, bleiben in ihrem elterlichen Hauſe, bis der Hochzeitstag kommt, wo ſie dann, von ihren Freunden begleitet, in Sänften abgehen, um ſich einander zu begegnen. Wenn ſie ſich unterwegs treffen, ſetzt die Begleitung der Braut ihren
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