Jahrgang 
27-52 (1867)
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Schweiz(1851) hervor.

Vierte

hatten. Es iſt mit einem ſolchen Lande, wie mit bedeutenden Menſchen und einer Beethoven'ſchen Symphonie: mit dem Verſtändniß nimmt die Bewunderung zu.

Als Ebel zum erſten Male am Bodenſee das Schweizer⸗ land betreten hatte, da winkten ihm die Appenzellerberge und er eilte zu ihnen, um den Zauber der Alpenwelt zu koſten. Er hatte das volle Feuer jugendlicher Begeiſterung und die erſten Eindrücke, welche er in dem originellen Innerrhoden empfing, ſind wohl der Grund, weshalb er ſpäter mit be⸗ ſonderer Vorliebe Appenzell zum Gegenſtand ſeiner umfaſ⸗ ſenden Schilderungen machte. In Zürich wurde Ebel ſehr zuvorkommend aufgenommen und bald mit den bedeutenderen Männern der Stadt bekannt. Er weilte hier zwei Jahre, von denen dann ein großer Theil des Sommers zum Wan⸗ dern benutzt wurde. Als erſte große Frucht ſeiner Wander⸗ ſtudien erſchien 1793 dieAnleitung, auf die nützlichſte und genußvollſte Art die Schweiz zu bereiſen, das epochemachende Buch, welches ſich in drei Auflagen zu vier Bänden(1809) erweiterte, mehrfach in's Franzöſiſche überſetzt und die Baſis eines neuen Literaturzweiges wurde. Nachdem es in Ver⸗ ſchmelzung mit Heidegger's Handbuch zu einem kürzeren handlichen Reiſehandbuch umgeſtaltet war, ging daraus auch G. von Eſcher'sNeueſtes Handbuch für Reiſende in der Als nämlich eine neunte Auflage von Ebel's Anleitung nöthig wurde, entſchloß ſich der umſichtige Bearbeiter der ſiebenten Auflage, die lexikaliſche Form Ebel's zu verlaſſen und die von Murray gewählte Form nach Reiſe⸗ routen vorzuziehen. Aber ſowohl G. von Eſcher als Mur⸗ ray haben die Grundlegung Ebel's dankbar anerkannt.

In Ebel vereinigte ſich der Naturforſcher, der Arzt, der Politiker, der prüfende Statiſtiker, der Geſchichtskenner, der philoſophiſche Menſchenbeobachter mit dem gefühlvollen, be⸗ geiſterten Freunde der Naturſchönheit. Darum eben waren ſeine Beobachtungen ſo tief und umfaſſend, ihre Reſultate ſo wichtig; darum wußte er aus Allem zu lernen und überall

Beziehungen zu erkennen, die nur von vielſeitiger Bildung

und überlegenem Talente ſich enthüllen. Was daher auch immer im Einzelnen von Andern nachgetragen oder berichtigt worden iſt, ſo hat ihn noch Keiner in geiſtreicher und viel⸗ ſeitiger Auffaſſung und Behandlung des reichen Stoffes er⸗ reicht. So äußert ſich ſehr richtig Ebel's Biograph, der Züricheriſche Hiſtoriker Heinrich Eſcher. Er hebt auch hervor, wie bei Ebel dem anziehenden Inhalt die Form völlig ent⸗ ſpreche. Wir finden bei ihm nicht die falſchen Bilder, nicht das Phraſengeklingel und den verzückten Bombaſt, wodurch eine moderneRothhaut Alles überboten hat, was bisher dageweſen iſt; Ebel's Darſtellung zeichnet ſich durch Ge⸗ ſchmack und Maßhalten aus.

Ebel war längere Zeit wieder abweſend von der Schweiz, aber ſie blieb ihm ein ſtarker Magnet, der ihn wieder erfaßte, um ihn nicht loszulaſſen. Die letzten 23 Jahre ſeines Le⸗ bens hatte er ſeinen feſten Wohnſitz in Zürich, und als ihm die Politik verleidet war, verfolgte er um ſo energiſcher den Weg, auf dem er ſchon großen Ruhm ſich erworben hatte. An die genannteAnleitung ſchloß ſich ſchon 1798 bis 1802 ſeineSchilderung der Gebirgsvölker der Schweiz. Der Plan war, alle Cantone der Schweiz in Monographieen zu beſchreiben, doch ſind in den zwei Bänden dieſes Werkes nur einige Länder(Appenzell, Glarus, Toggenburg ꝛc.) mit Meiſterſchaft geſchildert. Daß der Plan nicht weiter durch⸗ geführt wurde, iſt zu bedauern, aber ſehr hoch iſt auch anzu⸗ ſchlagen, daß Ebel fortan anregend und helfend wirkte, wo nur ein Talent ſich zeigte, die von ihm eingeſchlagene Rich⸗

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tung zu verfolgen. Die Kartographie wie die Anfertigung von Panoramen wurden von ihm weſentlich gefördert. Hein⸗ rich Keller's berühmt gewordene Karte der Schweiz entſtand unter ſeiner Beihülfe, und von Ebel wurde dieſer Künſtler angeſpornt, Rundausſichten von den vortheilhafteſten Puncten aufzunehmen. So entſtand nicht nur das Panorama vom Rigi, ſondern auch das vom Weißenſtein, welches die ganze Alpenkette von der Weſtſeite zeigt, wozu das Panorama vom Mailänder Dom das Gegenſtück bildet, indem es die Alpen⸗ kette von der Südſeite darſtellt. Auch an anderen Werken der Art hat ſich Ebel betheiligt.

Ebel's thatkräftiges Streben für die genauere Kennt⸗ niß, man kann wohl ſagen Entdeckung der Schweiz ließe ſich vielleicht am beſten am Rigi veranſchaulichen. Auf dieſem zwar ſchon berühmten, namentlich von dem Luzerner J. L. Cyſat 1661 zugleich mit dem Vierwaldſtätterſee beſchriebenen Berge ſay es im Anfange dieſes Jahrhunderts anders aus, als jetzt. Rigi⸗Kaltbad ſtand ſchon lange bei den Landleuten der Gegend als Bad in Ruf, die Einrichtung war aber ſehr einfach. G. Sulzer, der 1742 eine Reiſe machte, erzählt: Das kalte Bad auf der Rigi iſt ein von drei Felswänden und einer Einſiedlerhütte eingeſchloſſener viereckiger Platz, in welchem ein hölzerner Badkaſten ſteht, der von einem zwiſchen zwei Felſen hervorfließenden Waſſer allezeit gefüllt bleibt. Ein eiſerner Löffel hängt an einer Kette, mit welchem man Waſſer ſchöpfen kann. Dieſes Waſſer iſt ſehr kalt, rein und ohne mineraliſchen Zuſatz. Es ſoll aber nach dem Vorgeben der Leute eine vortreffliche Kraft in Heilung der Rücken⸗, Haupt⸗ und Mutterwehen, wie auch in allerhand Fiebern be⸗ ſitzen. Die Leute, welche ſich dieſes Bades bedienen, ſitzen mit den Kleidern darin. Ebel fand dort ſchon ein Wirthshaus, das aber ſehr einfach geweſen ſein mag, denn er ſagt:In dem Wirthshauſe läßt ſich's allenfalls die Nacht zubringen. Und jetzt ſteht dort eins der ſchönſten Hötels, welches die Schweiz aufzuweiſen hat, in welchem der Champagner dem Waſſer Concurrenz macht und wo es ſich für 20 bis 30 Francs täglich recht idylliſch leben läßt. In Rigi⸗Klöſterli exiſtiren ſchon länger ſogar mehrere Wirthshäuſer, denn es war dort bereits 1689 die Capelle der heiligen Maria zum Schnee geſtiftet worden und zahlreiche Wallfahrer mußten ein Unter⸗ kommen finden. Rigi⸗Culm wurde zwar erſtiegen, war aber unbewohnt. Ein alter Freund erzählte mir, wie er mit ſeiner Geſellſchaft hinaufgekommen. Ein Führer mußte mit einer Kienfackel voranſchreiten, als ſie eine Stunde nach Mitter⸗ nacht vom Klöſterli ſich aufmachten. Vor Tagesanbruch kamen ſie auf dem Culm an und die erſte Sorge war, den mitgebrachten Holzvorrath zu einem Feuer zu verwenden, denn das Morgengrauen war kalt. Kein ſtationirter Alp⸗ hornbläſer hatte Schläfer zu ſtören, ſondern der Führer ließ einen kräftigen Jodel erſchallen, um die Sonne zu wecken; aber in Andacht gebannt, ſchauten die Genoſſen nach Oſten, als die goldſtrahlende Königin des Tages erſchien. Erſt 1815 wurde auf dem Rigi⸗Culm eine Hütte gebaut, 1816 ein leines Wirthshaus. Hierfür und hierbei entwickelte Ebel ſeine volle Thätigkeit. Er wußte freiwillige Beiträge anzu⸗ regen, um die zur Erbauung des Wirthshauſes mit 12 Bet⸗ ten nöthigen Geldmittel aufzubringen; er fand in Rigi⸗ Klöſterli einen Wirth, der geneigt und geeignet war, das an⸗ fangs gar nicht lucrativ ausſehende Geſchäft in die Hand zu nehmen. Ebel erkannte die Zukunft von Rigi⸗Culm und hat der Familie Bürgi eine glänzende Zukunft bereitet. Sie ſollte dem deutſchen Manne, nachdem jetzt ein halbes Jahr⸗ hundert ſeit der Erbauung des erſten Wirthshauſes vergangen