Jahrgang 
27-52 (1867)
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Novellen

ſelbſt in die Stadt fahren. Herr Hinkle iſt nicht zu Hauſe, die Knaben eben ſo wenig und Niemand kann die Zügel führen und

Nun? fragte der Hageſtolz Brown.

Und nun iſt die arme Miß Dove mit ihrem Koffer an der Station, ſagte Miſtriß Hinkle mit einem tiefen Athemzuge.

Ach! ſagte Hageſtolz Brown,das iſt wirklich traurig.

Miſtriß Hinkle fühlte, daß ſie näher mit der Sprache herausrücken müſſe. Der Hageſtolz Brown konnte nicht ver⸗

ſtehen, um was es ſich für ſie handelte.

Es iſt eine Gunſt, eine ſehr große Gunſt, um die ich Dich bitte, ich weiß es, ſagte ſie,aber könnteſt Du es nicht ein Mal thun?.

Thun, was ſoll ich thun, Marie? fragte Brown.

Nach ihr gehen, ſagte Miſtriß Hinkle.

Nach Miß Dove?

Ja.

O nein, liebe Couſine, das nicht,fantwortete Richard.

Aber begann Miſtriß Hinkle.

Marie, ſagte der alte Hageſtolz,junge Damen, Deine beiden Mädchen ausgenommen, ſind mir ein Greuel. Sie ſind eine affectirte, betrügeriſche, abgeſchmackte Claſſe von Geſchöpfen. Ich hatte nie etwas mit ihnen zu thun und will nie etwas mit ihnen zu ſchaffen haben. Es unterliegt keinem Zweifel, ſie wird ſchon im Stande ſein, ihren Weg hierher zu finden. Ich werde nicht nach ihr gehen.

Miſtriß Hinkle zog ſich zurück, indem ſie ſchluchzend ſagte:Was wird ſie von uns denken?

Weine nicht, ſagte der Hageſtolz Brown.Ich werde ſehen, ob auf dem Marktplatze Jemand iſt, der nach dem Bahnhofe fahren kann.

Und er ging ſofort aus, aber auf dem Marktplatze war Niemand zu finden, denn alle Arbeiter waren mit dem Heu⸗ einbringen beſchäftigt, das wegen eines drohenden Regen⸗ ſchauers beſchleunigt werden mußte. Richard kehrte ganz erfolglos zurück.

Nun droht noch Regen, ſagte Roſe.Die arme liebe Amanda! Ich will verſuchen, was ich bei dem Couſin aus⸗ richten kann.

Und ſie ging in ſein Studirzimmer, wo ſie eine Stunde lang ſich abquälte, um den Hageſtolz zu erweichen, aber Alles blieb umſonſt.

Mag ſie verloren gehen, ſagke Hageſtolz Brown. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ihr das ganz recht ſein würde. Und was ihren Koffer betrifft, können Mädchen nicht eben ſo gut mit einem Mantelſack reiſen, wie wir es zu thun pflegen?

Und Roſe ging ſchmollend fort. Sie fand Adelaide in einer außerordentlich fröhlichen Stimmung.

Lache nicht, ſagte ſie zu ihr;denke an die arme Amanda.

Ich denke an ſie, antwortete Adelaide,und der Couſin Dick ſoll gehen. Ich werde ihm eine Nothlüge erzählen.

Schäme Dich! entgegnete ihr Roſe.

Für eine Freundin muß man ſchon ein Opfer bringen, erwiderte Adelaide.Ich werde ihm ſagen, Amanda ſei noch ein Kind; er hatte immer eine große Liebe für Kinder.

Das wird nichts helfen, ſagte Miſtriß Hinkle.Er wird es Dir nie vergeben.

Aber Adelaide eilte hinauf in das Studirzimmer ihres

Zeitung.

Was für ein Irrthum! ſagte ſie,und wie dumm Alle geweſen ſind. Sie glauben, Amanda ſei eine erwachſene junge Dame, nicht wahr?

Iſt ſie denn das nicht? fragte der Hageſtolz.

So wie ein neun Jahre altes Kind es ſein kann, ſagte Adelaide.Das arme kleine Ding!

In der That ein armes kleines Ding! ſagte der alte Hageſtolz, der eilig nach ſeinem Rock und Hute griff.Um des Himmels willen, weshalb erwähntet Ihr das nicht? Das arme kleine Mädchen!

Und in wenig Augenblicken fuhr er in dem leichten Wagen die Straße hinab und die Hinkles ſahen hinter ihm drein.Ich bin erſchrocken, ſagte Roſe.

Ich ebenfalls, ſagte Adelaide,aber es iſt gethan, und es läßt ſich jetzt nicht mehr ändern. Ich werde ihm zu ſchmei⸗ cheln ſuchen, mir zu vergeben; wir konnten aber doch eine Freundin nicht in einer ſolchen Lage laſſen und ich ſagte nicht, daß ſie ein Kind ſei.(Schluß folgt.)

Ueber den eigentlichen Entdecker der Schweiz.

Die Schönheiten der Schweiz und ihre Kenntniß ſind längſt Gemeingut aller Gebildeten in Europa geworden; doch man darf nicht glauben, daß dieſe Popularität des berühmten vielbereiſten Landes ſchon alt ſei. Sie iſt von geſtern im Verhältniß zu ihrer Größe und beweiſt, wie nahe das Schöne liegen kann, ohne erkannt zu werden.

Hören wir etwas über das erſte Bekanntwerden Helve⸗ tiens.

Der eigentliche Entdecker der Schweiz mit ihren großen Reiſezielen für die neuere deutſche Generation, ſagt Oſen⸗ brüggen, iſt ein deutſcher Arzt und Naturforſcher J. Gott⸗ fried Ebel aus Züllichau in der Neumark(1764 bis 1830). Er kam zuerſt in die Schweiz im Jahre 1790. In einer ſeiner ſpäteren Schriften hat er ſich darüber ausgeſprochen, wie ſchon früh, bevor er noch an eine ſolche Reiſe denken konnte, die Sehnſucht nach dem Alpenlande in ihm mächtig geworden war.Alles, was ich von jeher über die Natur der Gebirgsſchweiz und die freien Hirtenvölker, welche ſie bewohnen, las und hörte, zog mich mit dem lebendigſten Intereſſe an. Je weniger ich in der Natur, die mich umgab, und in der bürgerlichen Geſellſchaft, in der ich lebte, etwas kannte, welches mir nur die fernſte Aehnlichkeit von dem gezeigt hätte, was ich in den Beſchreibungen dieſes außer⸗ ordentlichen Landes fand, und je mehr das, was ich darin las, außer dem Kreiſe meiner Gewohnheitsideen und Vor⸗ ſtellungen lag, deſto wunderbarer erſchien mir Alles. Meine Einbildungskraft war daher voll von ſonderbaren Bildern und verwirrten Begriffen ſowohl über die Natur als über die freien Völker der Schweiz, und der Wunſch, dieſes Land ſelbſt zu beſuchen und durch eigne Anſchauung kennen zu lernen, lag tief in meiner Seele. Ebel drückt hier in ſchlichten Worten aus, wie die Schweiz uns Nordländern zum Lande der Sehnſucht wird. Können wir dann die Sehn⸗ ſucht befriedigen, ſo finden wir Vieles anders, als wir es uns gedacht haben, fühlen uns in man Dingen enttäuſcht; wir finden nicht blos poetiſches eenee ſondern auch grauen proſaiſchen Nebel, nicht idylliſche Sennhütten mit hübſchen Sennerinnen, ſondern Käſereien mit bukoliſchem Schmutz; aber am Ende, wenn wir viel gewandert ſind und die erſte oberflächliche Beſchauung der Erkenntniß gewichen iſt,

ouſins und brach in ein theatraliſches Lachen aus.

finden wir das Ganze weit ſchöner, als wir es uns gedacht

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