Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge.

nicht durch Specialſtudien zu erläutern vermocht hat,

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pſychologiſche Erſcheinung intereſſant, wenn auch zu⸗

der wird im vorſtehenden Roman dazu eine ganz an⸗ gleich ſchaudererregend, ein gekrönktes Ungeheuer, wie nehmbar lebendigmachende und in ſofern belehrende Heinrich war, in den Ausſchweifungen ſeiner Schreckens⸗

Illuſtration finden.

Ebenſo iſt es an ſich ſchon als tyrannei zu beobachten.

Feuilleton.

Des Junggeſellen Bromn Liebesbewerbung. Nach dem Engliſchen von Friedrich Co ßmann.

Richard Brown hatte ſeit vierzig Jahren als Jungge⸗ ſelle gelebt und erklärt, ſeine Abſicht ſei, den Reſt ſeines Lebens ſo fortzuſetzen was ſeinen Anverwandten, den Hinkles, bei denen er wohnte, keine geringe Freude gewährte, denn man muß nämlich wiſſen, der Onkel Richard war eine halbe Million werth und die Hinkles waren ſeine einzigen lebenden Anverwandten; und wofern nicht, wie Miſtriß Hinkle ſagte, irgend eine ärgerliche Mildthätigkeit in's Spiel kam, wem ſollte er dann ſein Vermögen hinterlaſſen, als ſeinen Couſins oder deren Kindern?

So ſehr auch die armen Sterblichen auf ein hohes Alter zu rechnen pflegen, ſo erwarteten Herr und Frau Hinkle doch kaum ihren Couſin zu überleben, welcher volle zehn

Jahre jünger als ſie war, aber Adelaide und Roſe, Carl und William konnten aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeine Erben 4 und das Streben der Eltern war auf dieſen Zweck ge⸗ richtet.

Onkel Richard hatte das beſte Zimmer im Hauſe, den bequemſten Armſtuhl und genoß die höchſte Achtung. Alle ſeine Wünſche waren im Hauſe Geſetz und bei jeder Gelegen⸗ heit wurde ſein Rath eingeholt und er ſah ſich wirklich geliebt, denn trotz ſeiner ſeltſamen, altmodiſchen Manieren und ſeiner Gewohnheit, ſchweigend da zu ſitzen, als ſei er taub und ſtumm, war er doch ein liebenswürdiger Mann.

So ſchritten die Angelegenheiten ganz ruhig voran, bis es förmliche Gewohnheit und keineswegs Heuchelei war, welche den Couſin Richard zum wirklichen Herrn des Hauſes machte.

Er war ſehr gefällig in den meiſten Fällen in einer wundervollen Art. Er beſorgte willig ein Geſchäft für Jeder⸗ mann, begleitete die Mädchen an Vergnügungsorte, ging

mit deren Mutter Sonntags zur Kirche, machte Einkäufe auf dem Markte und trug die Briefe zur Poſt, notirte den Gas⸗

verbrauch und machte ſich in hundert andern Arten nützlich. lung ſein.

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VIn einem ſolchen Falle,

Er war ſtets bereit, in der Stille der Nacht das ganze Haus mit einer Feuerzange zu unterſuchen, wenn irgend Jemand glaubte,ein Geräuſch gehört zu haben.

Wenn ſich Jemand einen Zahn ausreißen laſſen wollte, ſo begleitete er ihn zum Zahnarzt und ſchien immer Zucker⸗ zeug in ſeiner Taſche zu haben. Nur eine Sache wollte Onkel Richard nicht thun und nichts konnte ihn beſtimmen, jungen Damen, die e Pe zum Beſuch kommen, die geringſte Höflichkeit zu erweiſen.

Er ſah nie zu Hauſe einen ſolchen Beſuch. Niemals verlebte er einen Abend in ihrer Geſellſchaft. Er ſchloß ſich unveränderlich in ſein Zimmer ein, wohin er ſich den Thee bringen ließ, ſobald er erfuhr, daß ein ſolcher Beſuch im

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Hauſe ſei, und wenn er reiſte, ſo pflegte er ſeine Augen dicht zu ſchließen, ſobald eine junge Dame in den Waggon eintrat, in dem er ſaß, und er öffnete ſeine Augen erſt dann wieder, wenn ſie den Waggon verlaſſen hatte. Im Allgemeinen wählte er einen ſolchen Waggon, von dem er hoffen konnte, es werde ſich keine Dame in denſelben verirren.

Es war das ziemlich einerlei, ſagte Miſtriß Hinkle, aber dieſe Eigenthümlichkeit war dem Herrn Hinkle nicht ganz ſo angenehm, wenn ihm die Aufgabe zufiel, Miß Smith oder Miß Jones zu Hauſe zu begleiten. Er ſagte, das ſei die Pflicht des Couſin Dick, obſchon er es nie gegen ihn aus⸗ ſprach. Es würde nicht angenehm geweſen ſein, ſo etwas von ihm zu verlangen, und wenn den Hageſtolz Brown irgend etwas tödtlich verwunden konnte, ſo würde es geweſen ſein, hätte man in ihn gedrungen, dem zarten Geſchlechte irgend eine Aufmerkſamkeit zu beweiſen.

Miß Amanda Dove war eingeladen worden, eine Woche bei den Hinkles zu verleben und da ſie aus der Entfernung kam, ſo ſollte ſie am Bahnhofe warten, bis Eins von Hinkle's Familie zu Wagen kam, um ſie von dort abzuholen.

Die Hinkles wohnten einige engliſche Meilen entfernt von der Stadt und befanden ſich erſt ſeit ein paar Monaten in dieſem Landhauſe, weshalb Gäſte von den Nachbarn nicht immer den rechten Weg erfahren konnten.

Es war beſchloſſen, daß Herr Hinkle Miß Dove von dem Bahnhofe abholen ſollte, aber ehe der Tag ihrer Ankunft erſchien, hatten wichtige Geſchäfte dieſen Gentleman nach Sheffield berufen. Miſtriß Hinkle litt eben heftig an der Influenza und die beiden Knaben waren in der Penſion. Niemand im Hauſe konnte fahren und weder Adelaide noch Roſe verſtanden die Zügel zu führen. Miß Dove ſollte um 9 Uhr ankommen und was ſollte ſie denken, wenn ſich von den Hinkles Niemand einfand, um ſie abzuholen?

In der That, ſagte Miſtriß Hinkle zu ihren Töchtern, es würde für das theure Mädchen eine empörende Behand⸗ Ich muß Couſin Richard bitten.

Wage das ja nicht, Mama, ſagte Roſe ganz erſchrocken. antwortete Miſtriß Hinkle.

Er wird es nicht thun, ſagte Adelaide.

Ganz natürlich nicht, fügte Roſe hinzu.

Miſtriß Hinkle ſchüttelte den Kopf.

Ich fürchte, er wird es nicht thun, ſagte ſie, und eine Miene annehmend, deren Ausdruck der Jeanne d'Arc Ehre gemacht haben würde, ſtieg ſie die Treppe hinauf in das Studirzimmer des Couſin Richard.

Biſt Du beſchäftigt, Richard? fragte ſie, als ſie ein⸗ Durchaus nicht, ſetze Dich, lautete ſeine Antwort. Du ſiehſt, wie unwohl ich bin, ſagte Miſtriß Hinkle; ich kann meinen Kopf kaum in der Höhe halten, viel weniger

trat.