küßte alle herzlich mit den Worten:„Ich kann Euch nicht durch äußere Reichthümer für Eure Treue gegen mich bis zum Tode lohnen. Behaltet mich lieb und vergeßt nicht, für meine Seele zu beten. Dienet dem König getreulich, ohne Bitterkeit des Herzens, ſowie Derjenigen, welche er Euch nach mir zur Königin geben wird. Wahret die Keuſchheit und Ehrenhaftig⸗ keit und Eure frommen Geſinnungen als Eure beſten Schätze.“
Kingſton näherte ſich nun dem Gerüſte und mahnte, daß die Stunde gekommen ſei, worauf Anna ihre Hände faltete, ſich von den drei Mädchen ab⸗ wandte und auf den Block zuſchritt, vor welchem ſie niederknieete.
Eliſabeth Guilford verband ihr mit einem feinen Tuche die Augen, trat dann einige Schritte von ihr weg und ſank hier mit verhülltem Antlitz auf ihre Kniee nieder. Anna aber rief mit lauter Stimme: „Dominus in manus tuas Da blitzte das ſcharfe Schwert in der hellen Sonne, und mit einem Streiche, ſwie der Scharfrichter es verſprochen, rollte das ſchöne blutige Haupt in den Sand. Ihre treuen Mädchen, obgleich von Schmerz und Kummer wie ge⸗ lähmt, ermannten ſich indeſſen, als der Scharfrichter Miene machte, die Leiche aufzuheben. Sie drängten ſich um dieſelbe, reinigten die langen Haare und das ſchöne Geſicht von dem Blute, hüllten den Körper in reine Leinwand, und betteten ihn in eine hölzerne Truhe, welche zu dieſem Zwecke neben dem Blocke ſtand.
Das traurige Werk war noch nicht beendet, als dröhnend von den Mauern des Towers eine der ſtärkſten Kanonen ertönte und eine Feuerkugel in einem weiten Kreiſe über die Themſe flog, wo ſie ziſchend in die Fluth verſank. Die Frauen fuhren zwar bei dem Schuß erſchrocken zuſammen, aber keine fragte, was er zu bedeuten habe.
Der König befand ſich nicht in London, ſondern war vor Tagesanbruch auf die Jagd geritten. In Richmond blieb er, unter dem heuchleriſchen Vorwande des geängſtigten, betrübten Herzens über ſein häus⸗ liches Leid, einige Stunden und verfügte ſich gegen elf Uhr nach einer kleinen Anhöhe im Walde, hart am Rande des Fluſſes, von wo aus die dunklen Umriſſe des Towers undeutlich ſich abzeichnen. Un⸗
66
verrückt hielt er ſeine ſcharfen Augen auf den un⸗
heimlichen Punct geheftet, und wiederholt fragte er einen ſeiner Vertrauten, ob es noch nicht Mittag ſei. Da endlich ertönte das Signal und ein leichter Rauch ſtieg zum Himmel auf.„Es iſt vorbei, Majeſtät, Ihr ſeid frei!“ flüſterte ſein Höfling.„Ein neues, ſchönes Glück erwartet Euch.“
Novellen⸗ZJeitung.
Mit leidenſchaftlicher Haſt ſprang der König vom Boden auf und zu Pferde.„Ruft die Hunde herbei!“ befahl er.„Auf, meine Herren, vorwärts!“ Er ſprengte dem Zuge voran. Niemand fragte, wohin es gehe. Jeder errieth es im Stillen, Jeder wußte, daß ſie Wolfshall, der Mohnung Jane's, zueilten.
Das Schloß wurde gegen Abend erreicht. Der König ſchien hier erwartet worden zu ſein, denn die Familie Seymour empfing den Ankommenden mit freudeſtrahlenden Mienen und Jane küßte demüthig die mit Blut befleckte Hand ihres Verehrers. Aber der König entriß ſie ihr und ſchloß ſie Angeſichts Aller mit den Wortan in ſeine Arme:„Meine theure, vielgeliebte königliche Braut, gegen Mitternacht kommen die drei Zeugen von Anna's Hinrichtung, Sufeolk, Richmond und Cromwell, in Wolfshall an.“
Gegen 9 Uhr am folgenden Morgen betrat der König, Jane an der Hand, die kleine Capelle des Gutes und ließ ſich mit ihr trauen. Dann reiſte er in Begleitung der Braut nach Wincheſter und am
29. deſſelben Monats zog Jane Seymour öffentlich
als dritte Gemahlin Heinrich's in London ein.——
Wer noch ſo verblendet geweſen war, an die Schuld der unglücklichen Anna zu glauben und Hein⸗ rich zu beklagen, dem fiel bei dieſer Nachricht der Schleier von den Augen, und nur allzu klar zeigte ſich der wahre Beweggrund zu der traurigen Kata⸗ ſtrophe. ¹
Ein Schrei des Entſetzens ertönte in allen chriſtlichen Landen, am heftigſten äußerte ſich König Franz von Frankreich über den fürchterlichen Mord. „Le Monstre!“ rief er mit geballter Fauſt aus.„O, könnte ich ſein falſches Herz mit dieſer Hand durch⸗ bohren!“
So endete dieſe unglückliche Frau, welche allerdings mit vielem Uebermuthe den König und ganz England beherrſcht und durch kein Erbarmen mit ihren Gegnern ihre kaltheizigen Launen und oft blutigen Intriguen zu zügeln verſtanden hatte. Aber Anna erwarb ſich große Verdienſte um die Aufklärung und um den re⸗ ligiöſen Fortſchrittsgeiſt Englands. Sie ſtrahlte nicht nur durch Schönheit, ſondern durch glänzende Bega⸗ bung, und die Verwendung ihrer ſeltenen Kenntniſſe übte bei ihr eine reformatoriſche Kraft aus. Sie legte den Grund zu den nachfolgenden religiöſen Läu⸗ terungen ihrer Nation, welche ſelbſt die fanatiſche Regierung der ſo ſanft erſchienenen, aber nach Hein⸗ rich's Tode ſo verblendet mordenden Marie Tudor trotz aller Verfolgungsgreuel, denen ja ſelbſt Cranmer erlag, nicht wieder zu vernichten vermochte.
Wer von den Laien dieſe bedeutungsvolle Zeit⸗ epoche einigermaßen beachtet, aber doch dieſelbe ſich
„
—


