Vierte
nach ſeiner Befreiung. Nur wenige Tage waren ihr zur Vorbereitung gegeben, aber die kurze Friſt ge⸗ nügte der gedemüthigten Seele.
Früh am Freitag Morgen beſchied ſie ihren Beichtvater zu ſich, und nachdem ſie mit demſelben ſich lange in eine religiöſe Unterhaltung vertieft, em⸗ pfing ſie das heilige Sacrament in Gegenwart und in Gemeinſchaft ihrer Damen.
Da brachen die erſten Sonnenſtrahlen durch das Fenſter und erwärmten das kalte Gemach. Anna blickte heiter zum blauen Himmel auf und ſagte mit verklärtem Antlitz:„Morgen um dieſe Zeit ſehe ich den Sonnenaufgang im Reiche Gottes! Nochmals beſchwore ich bei dem heiligen Leibe des Erlöſers, daß ich des Verbrechens unſchuldig bin, deſſen meine Feinde mich zeihen.“
Nach dem Frühmahle trat der Henker, von King⸗ ſton begleitet, bei ihr ein. Die Damen ſtießen einen Schrei des Entſetzens aus, aber Anna ſagte ruhig: „Meine Lieben, erſchwert dem Manne nicht ſein ohnehin trauriges Amt. Tretet näher, mein Freund, und befühlt meinen Hals, auf daß Ihr mich nicht lange leiden laſſet.“
Sie ſetzte ſich, und Mary Gaynsford nahm mit zitternder Hand das Tuch von ihrem Nacken weg. Ungeachtet ihrer Geiſtesruhe erbleichte Anna ſichtlich bei der Berührung der rauhen Hände.„Majeſtät,“ ſagte der Scharfrichter, vor ihr niederknieend,„ver⸗ gebt mir, wenn ich mein Amt vollziehe. Es wird nur eine Secunde dauern— dann ſeid Ihr frei!“
„Ah!“ ſagte Auna wieder heiter, ihren Hals mit beiden Händen umſpannend,„er iſt ſchlank und fein. Wann wird die Stunde ſchlagen, Sir Kingſton?“
„Um Mittag werdet Ihr erlöſt ſein, Hoheit, und Eure Freundinnen frei,“ lautete die Antwort.
Es ſchlug ſoeben elf Uhr; der König hatte ausdrücklich befohlen, ſie über ihre Todesſtunde bis zuletzt in Ungewißheit zu laſſen. Eine halbe Stunde ſpäter erſchienen einige Mitglieder des geheimen Raths und laſen ihr das Urtheil nochmals vor.
„Mylord,“ ſagte Anna zu einem derſelben, deſſen Freundſchaft ſie verſichert war,„ich bitte Euch, wollet dem König meinen letzten Auftrag mündlich über⸗ bringen. Saget ihm, es freue mich, daß er conſe⸗ quent an mir gehandelt habe. Von einem beſcheidenen Edelfräulein erhob er mich zur Marquiſe, von der Marquiſe zur Königin, und zuletzt ertheilt er meiner Unſchuld die Krone des Märtyrerthums.“
Der Bote wagte es nicht, ſeinem verblendeten Herrn dieſe Worte mitzutheilen; aber die Geſchichte
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des Briefes geſchrieben, den Anna aus dem Tower an ihren treuloſen Gatten richtete.
Einige Minuten vor zwölf Uhr wurde das ſchwere Thor weit geöffnet, welches in den den inneren Hof⸗ raum des Schloſſes führte. Es war daſſelbe Thor, durch welches Anna vor drei Jahren im Monat Mai als erröthende, glückliche Gemahlin Heinrich's im Triumphe eingezogen war. Jetzt erſchien ſie unter dem Portal, von ihren Damen begleitet, im ſchwarzen Sammetgewande, und an der Hand des Gouverneurs, der hier das Amt des erſten Kammerherrn verwaltete. „Wie ſchön ſie iſt!“ flüſterten die Zuſchauer.„Welche ſichere Haltung und Ruhe!“
Das Schaffot befand ſich auf dem grünen Raſen⸗ platz vor der kleinen Kirche St. Peter. Der Raum um daſſelbe war ſo beſchränkt, daß er nur wenige Zuſchauer faſſen konnte. Sir William Kingſton, der Gouverneur des Towers, half Anna die Treppe des Gerüſtes beſteigen, worauf er ſie verließ. Anna warf einen würdevollen, forſchenden Blick auf den an⸗ „weſenden Cromwell, ſowie auf einige andere Männer, welche ſämmtlich ihre Stellungen ihrer Güte ver⸗ dankten und ſprach mit lauter Stimme:„Ich komme hierher, um zu ſterben, mich in Demuth dem Willen des Königs zu unterwerfen, nicht um Jemanden an⸗ zuklagen. Will Einer unter Euch ſich meiner Sache annehmen und meine Unſchuld vor der Welt recht⸗ fertigen, ſo möge er dafür Gottes Segen ernten. Im Uebrigen nehme ich Abſchied von dieſer Welt, und bitte Gott, meinen Feinden zu vergeben.“
Sie nahm hierauf ſelbſt ihren Hut und den kleinen Kragen ab, womit ſie ihren Nacken bedeckt hatte und reichte Beides Mary Gaynsford, welche ihre langen Haare mit zitternden Händen unter einer kleinen Haube von ſchwarzem Sammet feſtband. „Armer Kopf!“ ſagte Anna während dieſer peinlichen Scene,„bald wirſt du dort in den Sand rollen; doch wenn du im Leben einer Krone unwerth wareſt, wie viel mehr noch im Tode!“ Aller Anweſenden be⸗ mächtigte ſich eine heftige Bewegung bei dieſen Worten. Die Damen ſchluchzten laut, Suffolk und Richmond wandten ſich ab.„Ich kann es nicht länger aus⸗ halten,“ ſagte Suffolk;„wollte Gott, ich hätte nie mit dieſer Sache zu thun gehabt. Ich glaube nun doch, daß ſie unſchuldig iſt.“—„Pſt!“ ſagte Richmond erſchrocken,„wahrt Eure Worte, Mylord, wenn Euch der Kopf lieb iſt. Ob die Kanone gerichtet iſt, welche dem König das Signal ertheilen ſoll?“—„Ich glaube, ja. Kingſton verſicherte mich, daß Alles in Ordnung ſei.“
hat ſie aufbewahrt und ſie wurden von einer fremden Hand, man glaubt von Cranmer, auf die Rückſeite
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Indeſſen hatte ſich Anna zu ihren Freundinnen gewandt, um Abſchied von ihnen zu nehmen. Sie 4


