Novellen⸗Zeitung.
Wie Lenzesluft ſo weich und lind— Die Lieb' zum Vaterlande iſt
Dem Strome gleich, der toſend fließt, Iſt mächtig wie der Sturmeswind!
Der Lohn, den deine Liebe beut, Iſt ſüßer Kuß, du holde Maid,
Iſt deines Herzens wärmſter Schlag—
Das Vaterland, nach blut'gem Tanz, Drückt auf das Haupt den Lorbeerkranz Dem, der der Knechtſchaft Kette brach.
Noch einen Kuß auf roſ'gen Mund, Zu knüpfen treuer Liebe Bund,
Noch einen Druck von weicher Hand— Ade! Es ruft die Mannespflicht; Wer's ehrlich meint, der fehlet nicht, Wo's Freiheit gilt und Vaterland!
Was iſt Heimath?
Glaube mir, auch in der Ferne Lacht der Himmel blau und rein, Und der Sonne Licht, die Sterne, Geben dort denſelben Schein; Und des Waldes heimlich Rauſchen Kannſt du dorten auch verſtehn, All' den holden Stimmen lauſchen, Die in Lüften dich umwehn—
Glaube mir, auch in der Ferne Schlägt manch' warmes Menſchenherz, Das in Lieb' und Freundſchaft gerne Mit dir theilet Leid und Scherz; Und das Lied, gewiß auch dorten Wird es dir zu Herzen gehn,
Und dein Lied,— an fremden Orten Wird's das fremde Herz verſtehn.
Ja die Ferne, laß dir's ſagen, Schaffet manchen neuen Glanz, Blumen aus der Kindheit Tagen Flicht mit friſchen ſie zum Kranz; Im Verein mit alten Banden Können neue wohl beſtehn:
Hat die Wiege hier geſtanden, Auch die Ferne dort iſt ſchön!
Was iſt Heimath, was iſt Ferne? Schön iſt allerorts die Welt, Wo die Welt das Licht der Sterne Und der Sonne Licht erhellt;
Wo die Herzen warm empfinden, Wo die Tugend rein erglänzt, Wo mit friſchen Laubgewinden Man der Muſe Stirn umkränzt.
Wo denm ſchönſten Prieſterthume Gläubig ſich das Herz geweiht, Wo der Liebe keuſche Blume Aufgeblüht in Ewigkeit—
Da iſt Heimath! Mag auch ferne Deiner Kindheit Wiege ſtehn: Wo dir ſtrahlen ihre Sterne,
Iſt die Heimath, iſt es ſchön!
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Anna Boleyn. Von Gräfin von Robiano. Jena, bei Coſtenoble. 1867.
Bei einem Ueberblick über diejenigen hiſtoriſchen Stoffe, welche auf das Gebiet des modernen Romans als Unterlage hinübergezogen ſind, werden Sie nicht ohne Verwunderung bemerken, daß die Regierungs⸗ periode und die Lebensſchickſale Heinrich's VIII. weniger ausgenutzt worden ſind, als es ihr draſtiſcher Inhalt erwarten ließe. Wahrhaft Tüchtiges iſt auf dieſem fruchtbaren Felde der Intrigue, des Blutes, der Tyrannei und des ſcharfrichterlich rohen Religions⸗ fanatismus noch gar nicht in neuer Zeit geleiſtet. Auch der vorſtehende Roman iſt weit entfernt, hohe Anforderungen an die Sittenſchilderung oder gar an die Kunſt zu befriedigen. Dennoch zeichnet ſich in erſterer Beziehung dieſe Erzählung vor manchen andern vortheilhaft aus. Die Darſtellung iſt einfach, ignorirt die Kenntniſſe der Geſchichte nicht und weicht nicht zu willkürlich davon ab; Ton und Colorit des Jahrhunderts ſind wenigſtens erträglich angedeutet, wenn auch nicht fein getroffen, und die Verfaſſerin⸗ zeigt ſich in den Bräuchen der Geſellſchaft tactvoll bewandert. Anna Boleyn wurde bekanntlich nach einer gewaltſamen, ungerechten Scheidung Heinrich's von ſeiner treuen Gattin Katharina von Arragonien zur Königin gemacht und dann der königlichen Nei⸗ gung zu Johanna Seymour durch das Schaffot auf⸗ geopfert. Sie ſaß wegen gefälſchter Ehebruchsan⸗ klage im Tower und die Verfaſſerin erzählt ihre letzte Stunde: 4½
Der Tag der Hinrichtung war angebrochen, Anna durfte nicht lange nach Erlöſung ſeufzen, denn ihr königlicher Gemahl dürſtete eben ſo ungeduldig
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