Jahrgang 
27-52 (1867)
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Und dann erſchien der große Tag. Der Himmel ſo blau, die Sonne ſo golden, die Vögel ſo ausge⸗ laſſen luſtig. Von Weimar kamen Karl Auguſt und die Herzogin Mutter, Herder und die Herderin, Stein, Wieland und die Wielandin; ja, unſer Hofrath war ſtets dabei, wenn's etwas Gutes zu eſſen und zu trinken gab. Von Lauchſtedt nahten Goethe und Beckers, und in einem Wagen, der wenig ſpäter ab⸗ fuhr, ſaßen Genaſt, Haide und Corona Schröter. Ei, welche Vermeſſenheit von ihnen, da ſie gar nicht ge⸗ laden waren! Goethe ſaß allein in ſeiner Kutſche, Heinrich und Chriſtel in der ihren. Es wurmte Chriſtel, daß der Herr und Meiſter ſie und Heinrich nicht zur gemeinſamen Fahrt aufgefordert, und der Mann, der die achttägige Stubenhaft längſt vergeſſen, ärgerte ſich über die Frau, die jeneſchmachvolle Zeit nicht aus dem Köpfchen bringen konnte. Wäre doch Chriſtel von dieſem Ausfluge abgeſtanden! Das mußte ſich Jeder ſagen, allein Niemand hatte in dieſer Hinſicht, da alle Bitten vergebens geweſen wären, das Wort ergriffen. Sie fühlte ſich nun einmal nicht krank, und die Schwäche in der Bruſt wollte ſie be⸗ zwingen.

Vor der Rampe, die mit Blumengewinden über⸗ laden war, ſtand der Baron. Tadellos der blaue Frack mit ächt goldenen Knöpfen, die handbreite weiße Halsbinde, das Jabot mit der Brillantnadel, der Dreiſpitz unterm Arm; und die, das glücklichſte Geſicht beſchattende Perrücke mit ihren tauſend pommadiſirten und kunſtvoll gedrehten Löckchen ragte wie ein Blätter⸗ dach darüber hinaus. Und mit welcher Grazie ſich Papa Baron verneigte, wie zierlich er die Hand er⸗ griff, die ihm zum Kuſſe gereicht ward, mit welcher Grandezza er der Herzogin⸗Mutter den Arm bot, um ſie nach dem Ehrenplatz zu führen! Auch gegen Genaſt, Haide und Mademoiſelle Schröter, die Ungeladenen, war er die Liebenswürdigkeit ſelbſt; ihm ahnte, daß es auf eine Ueberraſchung abgeſehen ſei.

In der Capelle ertheilte Herder dem Brautpaare den Segen.

Dann zur Tafel. Wieland konnte ſich an all' den ſilbernen Tellern, Meſſern und Gabeln, an all' den kryſtallenen Gläſern und beſonders an dem Regi⸗ ment Flaſchen, die auf dem Büffet ſtanden, nicht ſatt ſehen und ſein Magen knurrte immer heftiger. Aber nun ſollte er ihn befriedigen, denn nun folgte ein Gericht, ein Wein dem andern. Und dazu ward ge⸗ geigt und geblaſen und die Toaſte nahmen wirklich kein Ende und vor den Fenſtern ſtanden die Dörfler und ſchrieen Vivat!

Und dennoch, dennoch: trotz der ſcheinbaren Har⸗ monie waren doch nicht Aller Köpfe von Nergeleien

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Novellen⸗ZJeitung.

frei. Hielten nicht Herder und Wieland dieKenien für weit unverdaulicher, als Speckklöße und Vieſelbacher Kumbs? Schmollte nicht Chriſtel mit Goethe und Goethe mit Chriſtel? Hatten nicht der Herr Gehei⸗ merath mit den Herrſchaften und dieſe mit Jenem noch immer ein Hühnchen zu pflücken?

Gar komiſch war's, dieſe Nergler zu betrachten. That denn der Eine, als ob der Andere nicht zugegen

ſei? O, nein, ſie blickten ſich an, wenn auch nur von

der Seite, ſie ſprachen miteinander, wenn auch nur nebenſächliche Dinge, ihre Gläſer klangen ſogar zu⸗ ſammen; und doch lag's auf ihnen wie Bleigewichte. Ueberdies hatte Goethe noch ſchlechte Laune. Warum? das erlaſſe man uns. Am liebſten hätte er dieſes Feſt gemieden, und nur Herder's und Wieland's willen, die ſein Fernbleiben für Feigheit hätten nehmen können, hatte er ſich zur Herfahrt entſchloſſen.

Eben ward eine delicate Wildſchweinskeule mit geröſteten Kaſtanien und Burgunderſauce ſervirt.

Ganz heimlich lüftete Wieland die Weſte und warf ſeiner Gattin einen Blick zu, der zu ſagen ſchien:Es muß noch gehen.

Warum ſchenkte Chriſtel dieſem Gerichte keine Beachtung? Und von jeher war ſie doch eine Freundin von geröſteten Kaſtanien geweſen. Was hatte ſie? Sie ſtützte den Kopf, ſie ſchloß ein wenig das Auge, ſie hatte keine Antwort auf ihres Nachbars Frage was war's? Befiel ſie wieder die Schwäche? oder huſchte ein ſie blendender Sonnenſtrahl über die Tafel? oder war ihr Sinn daheim beim Rindchen?

Nichts davon. Durch ihr Köpfchen zog der lieb⸗ lichſte Sonnenſchein. Ja, dieſes Köpfchen! Ging's auch wohl ſtellenweiſe ein wenig kraus und bunt darin zu, ſo hatte das doch keine Noth, denn hinter dieſer Stirn und in dieſem Herzen, das, um dauernd ſchmollen zu können, viel zu lieb und gut trotz alles Verhätſchelns war, zog ſich doch Alles wieder zurecht!

Und jetzt ſtand unſere ſüße Freundin auf, leiſe, ganz leiſe. Man hatte nicht Acht auf ſie. Das Glas hebend, ſo trat ſie hinter den Stuhl des Herrn und Meiſters. Auf ſeine Schulter legte ſie die Finger⸗ ſpitze, und wie er nun das Haupt in's Geſicht ſchaute und an ihrer Wimper eine fun⸗ kelnde Zähre bemerkte, da 1

Hinweg mit der ſchlechten Laune! Aufſprang er. Auge in Auge, Hand in Hand, Glas an Glas und was ſie ſprachen? Nichts. Die Beiden verſtanden ſich ohne Worte.

Und weiter ſchwebte Chriſtel. Sie gab den Herren Wieland und Herder einen Wink und deuteter dabei auf Goethe. daß Sillery und Burgunder der Verdauung höchſt

aandte und ihr

Und der Hofrath? Man ſagt ja,