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Vierte Folge.
über fünfzehn Sommer Ruine geblieben; darauf hatte man mit dem Neubau zwar begonnen, allein die Kriegsjahre hatten Einſpruch gethan. Nun aber wünſchte der Herzog dringend, daß auf's Neue Hand angelegt werde. Er ſehnte ſich aus dem„Fürſtenhauſe“, wo er bis jetzt reſidirt, hinaus, auch hielt er es für ſeine Pflicht, den Bau vollenden zu laſſen. Wo jedoch einen„tüchtigen und geiſtreichen“Architekten hernehmen? Da ſollte nun der Allerwelts⸗Goethe Rath ſchaffen. Die Freunde conferirten viel darüber und Anna Amalia war in dieſem Bunde die Dritte— allein die gewohnte, wahrhaft bezaubernde Leichtlebigkeit des Verkehrs war ſeit dem bewußten Abende in Lauchſtedt von ihnen gewichen. Es lag auf der Hand, daß die Freundſchaft einen bittern Beigeſchmack erhalten. Die Einmiſchung ſeitens der Mutter und des Sohnes — daran würgte Goethe noch immer wie an einem zu großen Biſſen; und in demſelben Grade machte den Herrſchaften noch immer der Umſtand zu ſchaffen, daß ſie vor dem Untergebenen die Segel hattenſtreichen müſſen.
Allein ungeachtet Alles deſſen ſchaffte der Aller— welts⸗Goethe auch diesmal Rath. Um einen„tüchtigen und geiſtreichen“ Bauverſtändigen zu gewinnen, wollte er ſich nach der Schweiz begeben, und ohne Verzug ſtimmte der Herzog dem Vorſchlage bei.
Nur bat der Dichter um die Erlaubniß, ſo lange mit der Abreiſe noch zögern zu dürfen, bis ſein Freund Heinrich Meyer, der Alterthumsforſcher, der in Italien weilte, ihm ſeine Rückkehr gemeldet hätte. In einem frühern Briefe hatte Meyer ausgeſprochen, er beab⸗ ſichtige in ſeinem Geburtsorte Stäfa am Zürcherſee einige Zeit zu raſten; und Goethe mußte wünſchen, dort mit ihm zuſammenzutreffen, um bei der Wahl eines Architekten den Fingerzeig eines ſo bewährten Kenners zu erbitten.
Doch die Brieftaube aus Rom ließ auf ſich warten. Daher konnte der Theaterfeldherr auch diesmal ſeine Truppen gen Lauchſtedt führen. Bevor man den Wagen beſtieg, erſchien Kirms auf hohen Befehl bei Chriſtel, um die Frage zu ſtellen: ob die Madame ihres leidenden Zuſtandes willen auch vorziehe, in
Weimar zurückzubleiben? Wie ſchmerzlich berührte ſie
dieſe wohlgemeinte Frage! Sie, einmal ſchwarz blickend, nährte immer eifriger den Gedanken: Goethe iſt dir nicht mehr gut! Aber daheim bleiben? Nein, jetzt erſt recht wollte ſie ſich den Wandervögeln anſchließen! Sie ſei leidend? Das häufige Spiel mit dem„großen Mannheimer“ habe ſie ſehr angegriffen? Unnöthige Reden! Sie fühlte ſich wohl hie und da matt, recht matt, allein körperliche Schmerzen ſeien ihr fremd. Die friſche und milde Luft in Lauchſtedt übte einen kräftigenden Einfluß auf ihr Gemüth aus; die
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Wunde, welche des Kindleins Tod geſchlagen, narbte ein wenig. Auch trug der öftere Verkehr mit den „Hallenſern“ das Seine dazu bei. Beſonders an Sonn⸗ tagen kam Papa Baron mit den Kindern und der Tante nach dem Badeörtchen. Wie dieſe vor Chriſtel's bleichem Antlitz erſchraken! Nur deren ſtete Verſiche— rung, daß ſie ohne Schmerzen ſei, konnte Jene in etwas beruhigen. Und wie es um dieſe Zeit mit ihrem Spiele ſtand? Daß ſie ſeltner denn ſonſt und nur in ihr geläufigen Rollen auftreten konnte, das war außer aller Frage und darin mußte ſie ſich fügen; — o wie gern hätte ſie jetzt die Rolle der Blama in„Julius von Tarent“ von Leiſewitz gelernt, welche Dichtung Goethe uun eben ſo gern auf die Breter gebracht hätte! Dieſer Lieblingswunſch Beider mußte auf ſpätere Tage verſchoben werden.
Immer glücklicher ſtrahlten nun des Pärchens Augen, denn näher und näher kam der Hochzeitstag. War der Baron aus dem Häuschen! Er hatte nir⸗ gends mehr Ruhe. Bald befand er ſich in Lauchſtedt, bald in Halle, bald rollte der Reiſewagen, deſſen Lenker ſich des gnädigen Herrn„Confuſerei“ gar nicht reimen konnte, nach dem Gute. Und da ging Alles drunter und drüber. Da rumorten Maurer und Zimmermann, Maler und Stuccateur; da wurden Wände durchbrochen und ſpiegelblanke Parkets gelegt; da ward aus dem Keller eine Küche, Gott weiß! was gemacht. Und wie's erſt im Parke zuging! Mit all' den abgeſtorbenen Bäumen, um die ſich ſeit Ewigkeit kein Menſch gekümmert, ward wie mit Pinſen umge⸗ ſprungen, und das kniehohe Gras auf Wegen und Stegen mit peinlichſter Sorgfalt ausgemerzt; und die Lauben erhielten ueue Stützen und der Teich in⸗ mitten des Parkes ein nagelneues Geländer und die Statuen neue Arme und Naſen und die Grotten wurden ſo gewiſſenhaft renovirt, als ob der Höchſte aller Hohen hier den Thee einehmen werde.
Allerdings hatte Papa Baron koloſſale Abſichten. Man höre nur! Er war geſonnen, nicht nur die Herren Goethe, Herder, Wieland, Knebel, Stein und Böttiger nebſt Frauen, ſondern ſogar die höchſten Herrſchaften zur Hochzeit ſeines Sohnes einzuladen. Ein Anderer hätte ob dieſes Wagniſſes gezaudert, ſich mindeſtens hundertmal hin und her beſonnen, allein unſer glückſelige Baron hielt eine verneinende Ant⸗ wort für ſchier unmöglich.
Und auch nur von den Wenuigſten ward ſie ihm. Die regierende Herzogin ließ danken, Frau von Stein lehnte Goethe's, Böttiger überhäufter Arbeiten willen ab, und Knebel ſaß mit ſeinem Rudelchen viel zu behaglich in Ilmenau, als daß ihn die Luſt zu einem Ausfluge hätte anwandeln können.


