Jahrgang 
27-52 (1867)
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660 Novellen

eines Herder und Wieland von Thekla's Lippen er⸗ tönten....

Unterdeß lief Kirms, der Land⸗Kammerrath, mit einer grauſigen Laune durch Weimar. Mit der Beckerin, ſeufzte er an allen Ecken und Enden, ſei das auch rein gar nichts mehr. Zwar lege ſie ſich Zwang auf, zwar dulde ſie nicht, daß die Krankenliſte ihren Namen nenne, allein ſie ſei nur noch der Schatten der Beckerin. Da habe man's wieder! Das wären die Folgen der Heirath, die Goethe niemals hätte dulden dürfen!

Arme Chriſtel! Sie kränkelte wieder, ſeit der Oheim die Reſidenz verlaſſen. Mit ihr litt das jüngſt⸗ geborne Kindchen. Dennoch war ſie beſtrebt, ihrer Pflicht nachzukommen, obgleich Goethe beſtändig er⸗ mahnte, ſie möchte ſich ſchonen, ſich Ruhe gönnen. Der väͤterliche Freund kam wohl noch hie und da zu, ihr, allein das Etwas, welches zwiſchen ihnen ſtand. drängte die alte Herzlichkeit in den Hintergrund Verſtummt war Chriſtel's Jubelruf:Mein, mein Goethe! Aus ihrem Köpfchen ſchwand nicht der Ge⸗ danke:er kann dir ſo gut nicht ſein, ſonſt hätte er dir nachgegeben und keine Strafe über Heinrich ver⸗ hängt; und der Dichter vermochte nicht zu vergeſſen, daß ſie damals des Herzogs Hülfe angerufen und deſſen Einmiſchung bewerkſtelligt hatte.

In einer ſternloſen Nacht ſchwebte des Kindleins Seele zum Reiche der Unſterblichkeit empor. Damit löſte ſich ein Stück vom Mutterherzen ab. Das all gemeinſte Mitleid gewährte Chriſtel wenig Troſt; weit mehr linderte die Gewißheit, noch Heinrich und Corona umfaſſen zu können, ihren Gram. Goethe wollte ihr Ferien ertheilen, er redete ihr zu, ſie möchte ſich auf einige Zeit bei Wieland in Osmannſtädt der Natur erfreuen oder Frau Schiller in Jena beſuchen; ſie aber ging auf keinen dieſer Vorſchläge ein, ſie ge⸗ ſtand ſich: nicht die Einſamkeit gewähre ihr Troſt, für ſie ſei's am beſten, ſich kopfüber in Thätigkeit zu ſtürzen.

Nun ſpielte ſie häufig und mit erklärlicher Vor⸗ liebe tragiſche Rollen. Ihre geringe freie Zeit war ihrer Familie und Denen gewidmet, die des Zuſpruchs und der Hülfe bedurften. Wie oft trat Euphroſyne an das Bett Sterbender! Wie oft reichte ſie Müden die Hand! Wie oft erquickte ſie Hungernde und Dürſtende! Der holde Genius war ſie, vor dem die Schatten weichen, deſſen Lächeln das Licht gebiert.

Als dann Herr Iffland aus Mannheim kam, er⸗ forderte deſſen ziemlich buntſcheckiges Repertoir, daß Chriſtel auch wieder zu muntern Rollen griff. Ging mit Iffland's Erſcheinen eine neue Sonne über Wei⸗ mar auf? Beſonders durch Böttiger's Poſaunenſtöße iſt der damals grenzenloſe Enthuſiasmus auf uns

»Jeitung.

gekommen. Man denke doch: über Iffland's Gaſt⸗ ſpiel ſchrieb Böttiger ein dickes, dickes Buch, und der Gefeierte erhieltaußer freiem Aufenthalt im Gaſthofe noch 100 Carolinen Douceur. Ja gewiß, der Geiſt, der um jene Zeit durch das kleine Weimar wandelte, war ein rieſengroßer; freilich, daneben ſtanden die Nergeleien und diemauvais rapports im höchſten Flor; doch frommt es, Sumpfblumen zu beachten, wenn die Roſe ſüßeſte Düfte ſpendet? Immer inniger drückten ſich Goethe und Schiller die Hände. Gar ſchöne Tage waren es, die Jener im Hauſe des Jenenſer Freundes verlebte, und für Goethe herrliche Stunden, als in ſeinem Hauſe Schiller Wohnung nahm. Lange weilte dieſer in Weimar. Er fühlte ſich wohler, ſogar zu Scherzen aufgelegt, er ſchlief wieder die Nächte, wie er ſeinem Körner nach Dresden ſchrieb. Unver⸗ geßliche Tage! Die Rakete, dieRenien, raſſelte durch die Welt und reinigte die Luft; Jean Paul, mit dem Blumenkranz um den Mund, kam; Goethe baute an Hermann und Dorothea, Schiller trug den Wallenſtein im Herzen und bearbeitete zu Iffland's Gaſtſpiel des FreundesEgmont. Die Meiſterſchaft

desgroßen Mannheimers riß Alle hin. Auch er gefiel ſich ſo in Weimar, das hierzuerſt in ſeinem Leben der Gedanke in ihm erwachte, daß es ihm mög⸗ lich ſein könne, Mannheim zu verlaſſen. Wie ward er auch gefeiert! Daß einer im Gaſthofeganz aus⸗ gelöſt ward, das war noch nicht dageweſen! Wie Böttiger vor lauter Enthuſiasmus einem Verzückten glich, wie die Dichter, die Großen und alle Andern dem Spiel mit begeiſterten Blicken folgten, wie zu jeder Vorſtellung die Wagen wieder von Halle und Gotha, von Apolda, Erfurt und Jena kamen und

dadurch die Weimarer Thorwächter wieder fuchswild wurden n müßte man füllen, wenn man Alles das haarklein erzählen wollte. Chriſtel ſpielte häufig mit dem Gaſt: in Schiller'sRäuber, in Egmont, inScheinverdienſt,Dienſtpflicht,Der Spieler,Die Hageſtolzen,Die Sonnenjungfrau, Stille Waſſer ſind tief u. ſ. w. Ihr Spiel erregte Iffland's Bewunderung und er überhäufte ſie mit einem Lobe, welches aus vollſter Seele kam.Auf Wiederſehen! war der tauſendſtimmige Ruf, als er von Weimar ſchied, und Kirms, deſſen auf uns ge⸗ kommenesVerzeichniß der Gaſtſpiele von einer pein⸗ lichen Sorgfalt zeugt, fügte dem Regiſter der Iffland' ſchen Rollen das Urtheil bei:Vortrefflich und ein⸗

Inzwiſchen trug ſich Karl Auguſt mit mancherlei Plänen. Sein Lieblingsgedanke war: ietzt den Schloß⸗ bau vollenden zu laſſen. Im Jahre 1774 nämlich

hatte der Blitz den alten Fürſtenſitz zerſtört, der dann