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Vierte
Welt Fangball ſpielen. Und was die Mutter ſchwach, leidend, traurig war! Faſt kein Schlummer durfte ſich ihrer erbarmen, das litt des Schlafes grauſiger Bruder nicht, der draußen ſtand und ſchon die Senſe ſchärfte; aber Chriſtel's guter Engel gab dem böſen Feinde die beſten Worte, und da zog er von dannen, allein mit einer Miene, um deretwillen der Engel das Haupt verhüllte und emporflog und zum Throne des Höchſten mit der Bitte trat, daß er und Chriſtel, wenn ihre Stunde geſchlagen, ein und daſſelbe Wolken⸗ kämmerchen angewieſen bekämen.
Gar ſo langſam rötheten ſich Chriſtel's Wangen wieder, aber es war ein ſchlimmes Roth, welches,
als würde es vom Winde gejagt, darauf hin und her
huſchte. Mit wie bedächtigem Schritt fehrten die Kräfte zu unſerer lieben Freundin zurück. Erſt nach Wochen fühlte ſie ſich ſtark genug, mit dem Kindchen an den Altar zu treten. Zu dieſer Feier war Papa Baron erſchienen. Er hielt die Kleine über die Taufe. Er ſchaute ſo glücklich drein, als ſei der Sprößling, der in ſeinen Armen ruhte, ſein eigen Fleiſch und Blut. Mit welcher Herzlichkeit waren ihm Beckers auch entgegengetreten! Nicht eine Sylbe hatten ſie über„Damals“ geredet, nicht der leiſeſte Vorwurf hatte in ihrem Auge gewohnt; und als der Oheim wegen Hans' danken gewollt, da hatten ſie raſch Corona genommen und dieſe auf des Großoheims Schooß geſetzt; und ob Corona die Eltern verſtand? Genug, das Kind hatte dem bewegten Manne den Mund mit Küſſen verſchloſſen.
Nach der heiligen Handlung gingen die Drei zum Grabe Cornelia's. Nicht ein Wort ſprach hier der Baron, er weinte wie ein Kin r dachte an da⸗ mals und jetzt. Inmitten dieſeragelenden Welt“ war er nun ſo glücklich, gar ſo glütklich, und nun Hand in Hand mit jener„Menſchenelaſſe, die Satans⸗ künſte treibe, ſich mit Verführungen befaſſe und ſehr richtig mit Scharfrichtern und Vagabunden in einen Topf zu werfen ſei“! Ob er jetzt wagen dürfe, den höchſten Herrſchaften aufzuwarten, obgleich er ſich ohne Abſchied von Weimar entfernt? Er wagte es und ſiehe da! von Allen ward er mit gewinnendſter Höflich⸗ keit empfangen, und beſonders war es„dieſe Komö⸗ diantenfreundin“, die ihm mit entzückender Liebens⸗ würdigkeit entgegenkam und ihm eine einſtündige Audienz ertheilte. O, Anna Amalia, du Schelmin! Sie bat um das Vergnügen, am Abend bei ihm vor⸗ fahren und ihn in's Theater führen zu dürfen— und der Baron fand das Stück ſehr moraliſch, er erklärte, daß es von größter Wichtigkeit ſein würde, wenn jede kleine Stadt ihr Theater haben könnte, denn ein ſolches befördere Bildung, Sitte und Anſtand in ganz
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erſtaunlichem Grade. Er beſuchte auch Goethe und Herrn von Stein, Deſſen Gemahlin, ſeit Goethe mit der„kleinen Vulpius ganz vergnüglich auskam“, immer „bitterer“ geworden; er bot auch Herder und Wieland einen guten Tag. Was hatten die Beiden? Machten die wunderliche Geſichter! Seit ſich Goethe und Schiller die Hand gereicht, waren Herder und Wieland „dickſte Freunde geworden, die allen Aerger gemeinſam hinunterwürgten. Ob ſie ſchon witterten, daß der nächſte Muſenalmanach ein Product,„Xenien“ ge⸗ nannt, bringen werde— ein Bündel Ruthen und Knuten, zuſammengebunden von Schiller und Goethe? Ob Wieland ſchon ahnte, daß man ihn ‚„zierliche Jungfrau von Weimar“ nennen, die Ausdrücke„fade und leer“ auf ihn anwenden und ihm zum Geburts⸗ tag wünſchen würde: ſein Lebensfaden möge ſich aus⸗ ſpinnen wie die Periode in ſeiner Proſa?
Nach achttägigem Aufenthalte, der ihm gleich Minuten verſtrichen, verließ Herr von Blumenthal die Reſidenz. Beim Scheiden mußten ihm Heinrich und Chriſtel die Hand darauf geben, daß ſie, wenn nicht früher, ſo doch dann den Beſuch erwidern würden, wenn Couſin Hans die Hochzeit feiere. Wenn irgend möglich, werde er vor dieſem Familienfeſte noch ein— mal nach Weimar kommen; jetzt habe er nicht eher Ruhe, als bis er bei ſeinen lieben Kindern ſei. Er reiſte nach Halle. Hans, Thekla und deren Sitten⸗ wächterin, die Tante, waren bereits dort. Es war verabredet, daß man bis zur Hochzeit in Halle Quartier nehmen wollte. Nach einem Jahre ſollten die Liebenden den Ring wechſeln und Hans bis dahin fleißig ſtudiren — die Form mußte ein Mann wie der Baron natür⸗ lich beobachten, doch wich er jetzt in ſofern von ihr ab, als er der Meinung war: es dünke ihm beſſer, wenn der Sohn in Begleitung der jungen Frau Berlin, Wien und Paris kennen lerne. Ob er dieſe Beſtimmung aus dem Grunde traf, damit Thekla der vielen Herr⸗ lichkeiten ſich bald erfreuen ſollte? oder ob ihn bangte, die Schönen beſonders in Paris möchten, wenn Hans allein durch die Champs-Elyſées wandele, zu zuvor⸗ kommend und liebenswürdig ſein? Wer weiß das! Allein der Sohn war mit Allem völlig einverſtanden und wie erfreut er nun war, den Vater in unmittel⸗ Schöne, ſonnbeglänzte Tage In den Morgen⸗
barer Nähe zu wiſſen. zogen an unſern Freunden vorüber. ſtunden warf ſich Haus auf das Studium; die Nach⸗ mittage und Abende waren dem Verkehr mit Damen gewidmet! Man pflegte dann nach einer in⸗ haltsvollen, Herz und Geiſt erquickenden Lectüre zu greifen, und noch heute grünt und blüht der Lindenbaum, unter dem einſt Goethe's, Dichtungen Schöpfungen
den
28 Schiller's,
Leſſing's und manche


