nach Weimar zurückgekehrt. Denn da dem Publicum der Reſidenz außergewöhnliche Genüſſe, die große Vorbereitungen verlangten, bevorſtanden, ſo hatte die Intendanz den Lauchſtedter Muſentempel früher, wie üblich, ſchließen laſſen; und ſchon morgen ſollten drei Wagen die„Leutchen“ von dannen tragen.
Als nun Thekla und Beckers gegangen waren, forderte Hans von der Elsnerin, die ihren Platz wieder eingenommen, Licht, Papier und Feder. Was lag näher, als ſogleich dem Vater zu ſchreiben? Und brauchen wir dieſen Brief mitzutheilen? Mit aufrich⸗ tigſter, heißeſter Reue, die aus tiefſtem Herzen kam, begann er und ſchloß mit innigſten Segenswünſchen für Thekla, Heinrich und⸗ Chriſtel. Was hatte Hans denen zu danken! Wie mußte er die Verwundung durch Heinrich, wie Chriſtel preiſen, die ungeachtet alles Voraufgegangenen die ſo ſchändlich Betrogene zu ihm geführt, und mit welchen Worten mußte er von dieſer reden, die ſich nicht von ihm, dem Frevler, abgewandt, die dem Bereuenden gleich dem Engel des Friedens, des Lichtes erſchienen war!
Der Baron empfing dieſes Schreiben, aus deſſen jedem Worte lauterſte Wahrheit ſprach, und da— da mit einem Male war er kerngeſund. Heraus mit dem Reiſewagen! Jetzt natürlich bedurfte es keines Veto's von Seiten des Arztes. Wie ein Jüngling hüpfte Blumenthal in den Wagen, aber plötzlich gebot er dem Kutſcher, der ſchon ſein Hü! und Hot! hatte erſchallen laſſen, noch einmal zu halten. Und ſchleu⸗ nigſt hüpfte er wieder heraus und in das Zimmer, um in Eile dem bewußten Notar in Apolda zu ſchrei⸗ ben, daß das bewußte Teſtament null und nichtig ſei.
Und dann in Lauchſtedt? O, das war ein Jubel! Papa Baron war ſchier zum Kinde geworden, und Thekla ſank in ſeinen rechten und Hans in ſeinen linken Arm, und dieſe Gruppe ward von der Tante umkreist. Ach, wie die trotz alles Glückes ſich ärgerte! Daß auch gerade ſie die Verfaſſerin des„bittergalligen“ Briefes ſein mußte! Aber wer hätte anch denken können, daß das traurigſte Trauerſpiel ſolch' einen Ausgang nehmen würde! Allein Papa Baron trug der Tante nichts nach, im Gegentheil, er verſicherte ſie, daß das Ueberlaufen ihrer Galle die ganz natür⸗ liche Folge geweſen; und darüber war unſere Tante herzlich frob. Wie bedauerte Blumenthal, die„lieben Beckers“ nicht mehr anzutreffen. Jammerſchade, daß die„geliebten Verwandten“ Lauchſtedt bereits verlaſſen. Schon im Reiſewagen hatte er ſich ein dutzendmal vor den Kopf geſchlagen und tauſend unverſtändliche Worte gebrummt— doch unſerm Ohre ſo verſtändlich, als wären ſie aus der Poſaune auf uns eingedrungen. Alles, Alles das hatte er dem— Gefſindel, den
Novellen⸗Zeitung.
Teufelskindern, den Komödianten zu danken! Gerechter Gott! welch' ein Glück, daß nicht Heinrich wie ein gemeiner Mörder auf dem Schaffot geſtorben! Ge⸗ ſprieſen ſei ſeine Piſtole, ſein leicht aufwallendes Blut— blaues Blut! wie der Baron, das Haupt in den Nacken werfend, betonte— geprieſen bis in alle Ewigkeit! Was wäre wohl aus Haus geworden, hätte nicht der„ganz vortreffliche“ Heinrich ihm die Schulter zerſchmettert? Ein Wegelagerer, ein Vaga⸗ bund, ein Zuchthäusler! O, und welch' ein Engel mußte Heinrich's Frau ſein! Sie führt Thekla zu Dem, der einſt ihr und ihrem Manne Cornelia— Ach, Cornelia! aß ſie lebte! Daß er, der Baron, ihre und Heinrich's und Chriſtel's Hände—— Ruhe ſie in Frieden. Jetzt vor allen Dingen gelte es, die „Lieben“ in Weimar um Verzeihung zu bitten.
Und nun ſaß unſer Papa über einem Briefe. „Inniggeliebter Neffe und inſonders hochgeſchätzte, liebwertheſte und ſehr berühmte Frau Nichte!“ ſo lautete die Ueberſchrift. Dann folgten ein Strom von Dankſagungen, innigſte Bitten um Verzeihung und die aus tiefſtem Herzen kommende Frage: ob gleich ihm nicht auch ſeine theuren Verwandten durch die Vergangenheit einen dicken, dicken Strich machen
wollten? Ferner: Schreiber dieſes würde ſich glücklich'
ſchätzen, wenn ſein lieber Heinrich den bürgerlichen Namen Becker wieder in den adligen Namen von Blumenthal verwandeln würde, und ſobald Hans gänzlich geneſen ſei, werde ſich der glücklichſte aller
Väter erlauben, nach Weimar und in die Arme der
trefflichſten, edelſten Menſchen zu eilen.
Ohne Frage: ſofort machten Beckers, die keinen Augenblick daran denken mochten, den bürgerlichen Namen über werfen, den gewünſchten dicken, dicken Strich ehmen oder nichtannehmen?— Dieſer Frage bedurften Menſchen wie Heinrich und Chriſtel keiner Conferenz bei verſchloſſener Thür, ſie ſprachen kaum darüber, ſie reichten und drückten ſich die Hände und gingen hinaus zur Ruheſtätte Cornelia’'s. Und über dem Grabe küßten ſie ſich.
Dann ſchrieben ſie dem„lieben Oheim“. Nur was die beabſichtigte Reiſe nach Weimar beträfe, äußerte Heinrich, ſo wäre es ihm wie ſeiner Frau erwünſcht, wenn dieſelbe noch einige Zeit hinausge⸗ ſchoben würde. Ein Klapperſtorch ſtehe vor der Thür, Corona habe ſich ſchon immer ein Schweſterchen ge⸗ wünſcht und——
Alſo hatten die Lauchſtedter die Köpfe nicht ver— gebens zuſammengeſteckt. Und richtig, es war ein kleines Fräulein, welches der Klapperſtorch im Schnabel trug. Ein ſchmächtiges Kindchen, zu zart für die
Stürme, welche mit den Bewohnern dieſer abeſten“
*


