Vierte
Zu derſelben Zeit belebte auf den Ruinen der alten Geſellſchaft eine junge Generation von Denkern— Camille Jordan, Benjamin Conſtant, Madame de Staẽl, Royer⸗Col⸗ lard— den durch ſchreckliche Erfahrungen aufgeklärten Geiſt von 1789. Im Namen der religiöſen Freiheit hatte Jordan für die Kirchſpiele das Recht verlangt, die Glocken läuten laſſen zu dürfen. Ueberall ſtellte ſich der Gottesdienſt von ſelbſt wieder her. Was ſagte die Glocke in Rueil dem Be⸗ ſitzer von Malmaiſon? Er fühlte ſich von ihren Tönen er⸗ griffen, ſchloß daraus, daß dieſelben einen noch viel ſtärkeren Eindruck auf einfache, gläubige Menſchen machen müſſen und indem er eine Folgerung daraus zog, unterzeichnete er in Malmaiſon ſelbſt die Präliminarien des Concordats, um durch einen Pact mit Rom dieſe Gläubigkeit, welche ſich Reli⸗ gioſität nennt, zum Vortheil ſeiner Macht zu benutzen. Alles ſollte ſich unter ſeiner abſoluten Macht concentriren; die Freiheit fiel und die Herſtellung der abſoluten Macht ver⸗ eitelte jene erſtrebte Wiedergeburt der Wiſſenſchaften und Künſte, und Mehrere von denen, die ſich in dem Schatten von Malmaiſon bei dem General der Republik mit dieſer Hoff⸗ nung geſchmeichelt hatten, vergaben dem Kaiſer die Vereite⸗
lung derſelben nicht.
Malmaiſon blieb der Bewegung treu, die es hatte ent⸗ ſtehen ſehen; es trägt noch jetzt den Charakter davon und das frühere Möblement zeigt die Spuren deſſelben. Das Auffallendſte dort iſt eine Miſchung der verſchiedenſten Style, die ſich vereinigen, ja ſich ſogar in einem augenblicklichen Chaos gegen einander ſtoßen, um bald einen neuen Auf⸗ ſchwung zu nehmen. Kaum von der revolutionären Bewe⸗ gung wieder etwas beruhigt, kehrten Gelehrte und Künſtler mit einem gleichen Durſt zu allen Manifeſtationen der Kunſt zurück, aus welcher Epoche oder aus welchem Lande ſie auch herrühren mochten. Die Galerie in Malmaiſon vereinigte Gemälde von allen Meiſtern und aus allen Schulen: Raphael, Leonard dà Vinci, Per ugino hingen neben Rubens, Rembrandt und Teniers; Albert Dürer vertrug ſich brüder⸗ lich mit Greuze, Pouſſin mit Paul Potter, Murillo mit Titian. Man ſah hier marmorne Statuen, die nach Antiken copirt waren; gemalte Vaſen aus Pompeji und Herculanum; vort ägyptiſche Alterthümer von ſeltſamen und geheimniß⸗ vollen Formen. Indeſſen zeigte ſich der Anfang zu Bevor⸗ zugungen im verſchiedenen Sinne. In der Galerie herrſchten die italieniſche und die flamändiſche Schule vor; in dem Park und in dem Garten konnte man dieſelben Symptome bemerken. Ein kleines Denkmal, das dem hübſchen Tempel des Clitumnus gleicht, hob in einer ſehr glücklichen Art die italieniſche Phyſtognomie hervor, welche die Arcaden von Marly der Landſchaft verleihen; und der Plan des Parks, welcher von der Tradition Le Nôtre's abweicht, der darauf Anſpruch machte, die Natur zu verſchönern und zu ordnen, zeigt, daß man anfing, die Natur um ihrer ſelbſt willen zu lieben und daß man für ſie bereits dieſe aufrichtige und leb⸗ hafte Rückkehr fühlte, welche der gewöhnliche Erfolg großer politiſcher Erſchütterungen iſt. Fügen wir noch hinzu, daß der Beſitzer von Malmaiſon ein großer Bewunderer Oſſian's war; in dem Empfangsſaale hatten Gérard und Girodet zwei Gemälde gemalt, die von dem Geſchmack für die Ge⸗ ſänge des ſchottiſchen Barden, der blaſſen Morgenröthe des Romantismus, inſpirirt worden waren.
Das Alles oder faſt das Alles erſtarrt ſchnell. Unter dem Schlage eines plötzlichen Stillſtandes wird aus dieſer Vermiſchung der Style, aus der zeitweiligen Miſchung, Vorläufer irgend einer neuen Bewegung, Verwirrung.
dem Die— Creolen, Europäer und Amerikaner—(1862) etwa
Folge. 637 Malerei, Bildhauerei, Architektur gelangen nicht dahin, ihre Arten in dem abgemeſſenen, eckigen, kalten und ſchweren Style des Kaiſerreichs zu trennen. In den Speiſeſaal von Malmaiſon hat man einen Tafelaufſatz geſtellt, welcher Napoleon von dem König Karl IV. von Spanien gegeben worden war; in jedem Zimmer entwickeln ſich Balcons, Treppen und andre Formen der Baukunſt. Erſt nach dem Kaiſerthum treten die Wiſſenſchaften und Künſte mit Glanz in dieſe neue Aera ein, welche das Kaiſerthum geſchloſſen hat. Als Napoleon nach der Inſel Elba abreiſte, ſagte er: „Es hat mir Unglück gebracht, Joſephinen verlaſſen zu haben.“ Als er aus dem erſten Exil zurückkehrte, begab er ſich nach Malmaiſon, wo Joſephine kurz vorher geſtorben war, als ob er an dieſen Orten, welche Zeugen ſeiner erſten Schritte auf ſeiner bewundernswerthen Laufbahn geweſen waren, einen Vertrag mit dem Glück erneuern wolle. Aber zu der Zeit, deren Erinnerung ihn im Augenblick ſeines letzten Kampfes dahin zog, trat Frankreich, obgleich durch blutige Hekatomben decimirt, aus dem revolutionären Schmelz⸗ tiegel voller Mark, Jugend und Männlichkeit hervor, und jetzt fand er es durch das Regime erſchöpft, dem er es unter⸗ worfen hatte, nachdem dieſer Schauplatz ſeines erſten Auf⸗ tretens von ihm verlaſſen worden war, auf den er jetzt, nach⸗ dem das Unglück gekommen war, von Neuem den Fuß ſetzte, um aus dieſer Berührung neue Kräfte zu ſchöpfen, wie An⸗ täus aus dem Berühren der Erde, aus der er hervorgegangen war. Nach der Schlacht von Waterloo kam er nochmals nach Malmaiſon und von da trat er ſein zweites und letztes Exil an. Daſſelbe Dach ſah ihn in einem Zwiſchenraume von dreizehn Jahren nach dem Tuilerien⸗Palaſt und nach den Felſen von Sanct Helena abreiſen. Dieſe dreizehn Jahre hatten, indem ſie ſeine Größe bis auf den höchſten Gipfel erhoben, ſeinen Untergang vorbereitet. C.
Zur neueſten Geſchichte von Mexico.
Unter allen Ländern der bewohnten Erde hat wohl kein zweites eine ſo bunte und noch dazu eine ſo wenig ſittlich erhebende Geſchichte, als Mexico, das durch die letzte tief⸗ erſchütternde Kataſtrophe mehr als je unſere Aufmerkſamkeit herausgefordert hat. Es möge daher hier eine Darſtellung von Mexico's jüngſter Vergangenheit ihre Stelle finden.
Mexico hat von ſeiner Unabhängigkeitserklärung bis zum zweiten Kaiſerthum, alſo von 1821 bis heute, die Regierung 45 Mal gewechſelt. Es hat weder die Dictatur noch die Republik ertragen, ſein normaler Zuſtand war, wie Dr. Andree ſagt, die Anarchie. Mancher möchte wohl meinen, eine ſtraffe Regierung könnte dieſem Uebel ein Ende machen; allein das Uebel liegt tiefer, es liegt in der Miſchung des Volks. Die verſchiedenen Racen ſtehen ſich ſtets feindlich gegenüber, ihre Anſchauungen und Intereſſen ſind einander diametral entgegengeſetzt, und mit blutigem Haß verfolgt die eine obſiegende die unterliegende Partei. Nur eine Einwanderung, aber im größten Maßſtabe, die allmälig die eingeborne Bevölkerung aufſaugt, kann beſſere Zuſtände herbeiführen. Sie wird ohne Zweifel vom Norden her erfolgen. Nach der Zählung der kaiſerlichen Regierung vom Jahre 1862 wurde die Bevölkerung Mexico's auf etwa 7,900,000 Seelen berechnet, während 1857 ſie die Ziffer von 8,200,000 erreichte. Es geht alſo erſchreckend abwärts, was übrigens nicht auffallen darf, wenn man die verſchiedenen Racen einander gegenüber vergleicht. Weiße gab es in Mexico


