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wo einerſeits Marie Antoinette, andererſeits Joſephine ge⸗ lebt haben, unter die Reliquien dieſer beiden Damen, von denen die Erſte der letzte Glanz, der letzte Widerſtand, der letzte Reiz des alten Regimes und von denen die Zweite wegen ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Herzensgüte populär war; Beide rührend, obgleich in ſehr verſchiedener Art ge⸗ prüft, indem ſie von dem Throne herabſtiegen: die Erſtere, um das Schaffot zu betreten, die Andere, um ſich in eine traurige, ſtumme Einöde zu ſchließen, wo ſie ſich in ihr Schickſal ergab und ſtarb. So können die Fremden, welche durch die Ausſtellung nach Paris gelockt worden, ſich alle Arten von Eindrücken verſchaffen. Wenn ſie auf dem Champ- de-Mars das Feſt der allgemeinen Arbeit bewundern, können ſie in Petit⸗Trianon und in Malmaiſon die Melancholie der Sachen ſchmecken und in ſich die Rührung der menſchlichen Seele für menſchliche Geſchicke fühlen.
Petit⸗Trianon läßt uns den letzten Jahren der alten Monarchie beiwohnen; Malmaiſon erweckt zuerſt in uns das Bild der letzten Jahre der erſten Republik. Es war die glänzende Stunde dieſes beſcheidenen Landhauſes, als der Sieger bei Lodi und am Fuße der Pyrenäen nach der Rück⸗ kehr aus jenen ſo viel bewunderten Feldzügen dort in Geſell⸗ ſchaft ausgezeichneter Literaten und Künſtler, die ſich um den jungen General drängten, deſſen Schwert Frankreich im Auslande hatte triumphiren laſſen, ſeine thätigen Mußeſtun⸗ den verlebte. Jedermann geht nach Petit⸗Trianon; Mal⸗ maiſon wird weit weniger beſucht; wenn unſere freundlichen Leſer einwilligen, ſo wollen wir dort einen Beſuch abſtatten.
Das Schlafzimmer Joſephinens iſt ſehr glücklich und ſehr geſchickt reſtaurirt. In den übrigen Zimmern findet man Reſte des frühern Mobiliars; die Bibliothek, aber der Bücher beraubt, zwei große Alabaſtervaſen, ein Gueridon, ein Körb⸗ chen von Acajouholz, ſieben Porträts muſelmänniſcher Per⸗ ſönlichkeiten, Erinnerungen an die Expedition nach Aegypten, die Harfe, deren ſich Joſephine in Malmaiſon bediente. Die Zeit hat aber dort große Lücken geriſſen, die man durch Mö⸗ bel ausgefüllt hat, welche andern Reſidenzen Joſephinens und Napoleons entlehnt worden ſind. In dem Salon des Erdge⸗ ſchoſſes hat man das Möblement aus Joſephinens Salon in Saint Cloud aufgeſtellt; ebenſo in dem Boudoir der erſten Etage. In den andern Zimmern figuriren Schreibtiſche, Tiſche, ein Armſtuhl, deſſen ſich Napoleon in Fontainebleau und Compiegne bediente; man findet daſelbſt den berühmten Schreibtiſch, der ihm auf ſeinen Feldzügen folgte und den man im Muſeum der Souveräne geſehen hat. Das Zimmer des Generals der Republik hat einen Theil des Mobiliars aus dem Zimmer des Kaiſers in Sanct Helena erhalten: die Stutzuhr, welche Roſen und Liebesgötter trägt und die lang⸗ ſamen Stunden ſeiner Gefangenſchaft abmaß, und das Bett, worin er ſtarb.
Viele Kunſtwerke haben Malmaiſon verlaſſen, die man nicht wieder hat dorthin ſchaffen können. Ein Gemälde von Auguſt Garnerey, das nach ſeinem verfrühten Tode von ſeiner Schweſter vollendet worden iſt, zeigt uns, was die frühere Galerie dort war. Es iſt davon nur noch wenig übrig. Rußland eignete ſich 1815 gegen eine ſchwache Summe die Gemälde der großen Meiſter an, welche Joſe⸗ phine dort mit einer ſo beharrlichen Sorgfalt geſammelt hatte; nur einige Gemälde haben ihre frühere Stelle wieder ein⸗ nehmen können, aber es ſind keineswegs die beſten. Auch hier ſind die Lücken durch andere Werke aus derſelben Epoche ausgefüllt worden, von denen das ſchönſte ohne Widerrede
die Table des maréchaux iſt. Dieſe Tafel iſt von Porzel⸗
„Zeitung.
lan und mißt beinahe zehn Fuß im Umfange. Die Porzel⸗ lanmanufactur in Sevres mußte vier Verſuche machen, um ein vollkommen gebranntes Exemplar dieſes großen Gemäldes zu erlangen, auf dem der Maler Iſabey viermal die Ge⸗ mälde Napoleons im kaiſerlichen Coſtüm und der zwölf Marſchälle oder großen Würdenträger, welche an dem Feld⸗ zuge von Auſterlitz Theil nahmen, wieder herſtellen mußte. Fünf Jahr fortdauernder Arbeiten waren für die Vollendung dieſes hiſtoriſchen Monuments erforderlich; aber es iſt auch zu gleicher Zeit das Meiſterwerk der Mannufactur in Sevres und das Iſabey's. Napoleon hatte dieſes prachtvolle Geſchenk für die Stadt Paris beſtimmt. Als Ludwig XVIII. nach Frankreich zurückgekehrt war, ließ er die Table des maré- chaux verkaufen; ein Privatmann kaufte ſie und hinterließ ſie ſeinen Erben. Vor der Ausſtellung in Malmaiſon hatte das Publicum, das in unſern Muſeen ſo viele weniger wich⸗ tige Werke antrifft, ſie nie geſehen; nach dieſer Ausſtellung wird daſſelbe ſie nicht weiter ſehen, es ſei denn, daß der Staat dieſes koſtbare Werk ankauft.
Aber Alles, was aus dem Kaiſerreich ſtammt, welches Intereſſe es auch von dem Geſichtspuncte der Geſchichte oder der Kunſt haben möchte, verſchlechtert die Phyſiognomie von Malmaiſon. Es iſt nicht das Kaiſerreich, es iſt die ihm vor⸗ hergegangene Epoche und der Augenblick des Falles derſelben, deren Erinnerung Malmaiſon erweckt. Im Jahre 1802 verließ es der erſte Conſul, der es erworben hatte, als er nur General war und der es mit ſeinem wachſenden Glück ver⸗ größert hatte, als er kaum zum Conſul auf Lebenszeit ernannt worden war, um ſeinen Wohnſitz nach Saint Cloud zu ver⸗ legen. Vergebens empfängt Malmaiſon unter dem Kaiſer⸗ reich fürſtliche Verſchönerungen; es iſt kein Leben mehr da; man findet dort einen Garten für die Acclimatiſtrung exo⸗ tiſcher Pflanzen und Thiere, eine Gemäldegalerie; es iſt aber nicht mehr Familienwohnung und eben ſo wenig der Mittel⸗ punct einer Verſammlung von Gelehrten und Künſtlern. Joſephine allein beſchäftigt ſich damit, ſie allein beſucht es von Zeit zu Zeit. Sie ſucht dort die Erinnerung glücklicher Jahre und als ſie auf dem Throne ſitzt, trägt ſie zuweilen ihre melancholiſchen Ahnungen dahin; ſpäter zieht ſie ſich dorthin in die Einſamkeit zurück, als der Kaiſer ſie ſeinerſeits verlaſſen hat, um aus einer andern Ehe einen Erben zu ge⸗ winnen, der— nie geerbt hat.
Man kann ſagen, daß dieſer reizende Punct der Um⸗ gegend von Paris den Untergang des achtzehnten Jahrhun⸗ derts geſehen hat. Am Vorabend der Revolution war Mal⸗ maiſon das Stelldichein einer geiſtreichen Geſellſchaft, welche von Marmontel und Delille oft beſucht wurde. Sieyes fand ſich dort ein, um von Politik zu ſprechen, während ein paax Schritte von da André Chénier unter dem friſchen Schatten des reizenden Hügels von Luciennes herumirrte. Nach der Schreckenszeit, als Malmaiſon den künftigen Gebieter Frankreichs und Europas zum Beſitzer hatte, waren Bernar⸗ din de Saint Pierre, Ducis, Marie⸗Joſeph Chénier, Arnault, Lebrun, Legouvé, Lemercier, Talma, Mehul, Chérubini, Gérard, Girodet ſeine beſtändigen Gäſte. Die Feldzüge in Italien und Aegypten zeigten, daß Europa die franzöſiſche Revolution nicht beſiegen würde; man blickte mit Vertrauen der Zukunft entgegen, denn man ſah unter der Aegide des Sieges eine Art von Frühling aufdämmern, worin die Tra⸗ dition des ſich ſeinem Ende nähernden achtzehnten Jahrhun⸗ derts ſich mit der Aufſuchung der neuen Wege vermählte, welche das neunzehnte Jahrhundert, deſſen Morgenröthe er⸗ ſchien, ſich bahnen würde.
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ſtehe das Auf die


