Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

(das Cello) auf. Was die erſte Violine ſagt, bekräftigt er mit einem oder zwei Worten, und er hält darauf, daß die Ideen hüſch in Verbindung bleiben. Die Bratſche iſt eine etwas geſchwätzige Alte; viel Bedeutendes hat ſie nicht zu ſagen, aber ſie giebt doch gern ihr Wörtchen freundlich dazu. Uebrigens hält ſie es mehr mit dem weiſen ernſten Baſſe, als mit den Violinen, die gern allein das Wort führen wollen.

Was die erſchrockenen Kritiker an dieſem neuen Haydn'ſchen Gebilde muſikaliſcher Schöpfung tadeln mochten Haydn fuhr fort, ſolche zu componiren. Die Verbeſſerung ſeiner Lage, die ihm auch eine beſſere Wohnung vergönnte, gab ihm dazu die heiterſte Stimmung.

Wieder ein Zufall machte Haydn auch bald zum Operncomponiſten. Ein Quintett von ihm, als Serenade unter den Fenſtern des Directors vom Kärnthnerthor⸗Theater aufgeführt, veranlaßte dieſen, in Haydn zu dringen, ihm die Oper:Der krumme Teufel zu componiren. Sie wurde mit Beifall aufgenommen, wie auch ſpätere Opern; namentlich ſeine Marionettenſtücke waren ſehr beliebt. Allerdings über⸗ flügelte die ſpätere Mozart'ſche Oper auch dieſe.

Mit 25 Ducaten, die Haydn für jene erſte Oper empfing, hielt er ſeine Caſſe für gefüllt, und bald dachte er daran, ſich zu verheirathen. Auch ſein ſehnlicher Wunſch, eine feſte Anſtellung zu erhalten, erfüllte ſich; der Graf Morzin in Wien ernannte ihn 1759 zu ſeinem Capellmeiſter; 200 Gulden, freie Wohnung und Koſt ſchienen ihm nichts zu wünſchen übrig zu laſſen. Rüſtig componirte er und für ſeine Capelle jetzt die erſte Symphonie. 1

Symphonie für Jeden, der mit einigem Verſtänd⸗ niſſe Töne auf ſich wirken zu laſſen vermag, liegt in dieſem Worte ein Zauber, der das Höchſte umfaßt, was Inſtrumente überhaupt zu leiſten vermögen. Symphonia, Zuſammenklang, alſo im Gegenſatze zu concertirenden, d. h. im her⸗ vortretenden Vortrage abwechſelnden Inſtrumentalſtücken, Symphonie finden wir zwar bereits ältere Muſikwerke überſchrieben; allein es bezeichnet dann nur das, was wir unterEinleitung,Ouverture verſtehen. Auch gab es Suiten für Orcheſter von Bach; jedoch Haydn erhob den

4 riff der Symphonie zu einer ſelbſtſtändigen, muſikaliſchen ichtung, die gleich dem Vortrage eines poetiſchen Stückes in dem Zuhörer eine beſtimmte Empfindung erwecken ſolle. Wie ſehr kam ihm ſeine genaue Kenntniß aller Inſtrumente dabei zu Statten! Er gruppirte nun vier muſikaliſche Sätze ſo, daß ſie, wie Abſchnitte eines Gedichtes oder einer muſi⸗ kaliſchen Erzählung, die verſchiedenen aufeinander folgenden Gefühle ausdrücken ſollten. Man denke ſich, um ein einfaches Bild zu wählen, der Componiſt male die fortſchreitende Empfindung, welche ein ſchöner Morgen in ſeinem Herzen erweckt hat; im einleitenden Adagio den Frieden in der noch ſchlummernden Natur, dann im Allegro die Freude, als Alles umher im Sonnenlicht ſtrahlt. In einem zweiten Satze, Andante, das Gefühl andächtigen Dankes zu Gott, im dritten Menuetto⸗Satze den heiteren Scherz im Genuſſe alles des Schönen, und endlich im Finale Preſto den überquellenden Ausdruck reichſter Befriedigung an dem Erlebten. Die Muſik iſt eben nur berufen, Stimmungen, Gefühle, nicht aber Gedanken, Handlungen auszudrücken. Haydn ſelbſt ſagt, er habe einmal ein Zwiegeſpräch Gottes mit einem reuigen Sünder in einem Adagio ausdrücken wollen. Seine Militär⸗ Symphonie ſchildert in Tönen Klage und Jubel kriegeriſcher Zeit, auch nahm er eine Jagd zum Thema einer Symphonie. 325: Den kunſtſinnigen Fürſten Eſterhazy hatte Pahdn durch jene erſte Symphonie in hohem Grade gewonnen,

und 1760

Jolge. 6 berief ihn derſelbe an die Spitze ſeiner Capelle von 30 Muſikern. Der Wohnſitz war im Sommer zu Eiſenſtadt in Ungarn. Da gab es nun im Dienſte des Fürſten viel zu thun, um Opern⸗, Kirchen⸗ und Kammermuſik einzuſtudiren. Aber gerade in dieſen Verhältniſſen fühlte ſich Haydn glücklich und zu immer neuem Schaffen angeregt. Der Beifall, die Gunſt des Fürſten, die Tüchtigkeit der Muſiker und die Abgeſchiedenheit von allen, ſeine muſikaliſche Richtung beirrenden Einflüſſen befriedigten ihn ſo, daß alle Anträge, ihn für andere Stellungen zu gewinnen, oder zu Reiſen zu verlocken, erfolglos blieben. Auch erwies ſich der Fürſt für ſolche Anhänglichkeit aufmerkſam und dankbar.

Wie ungetrübt ſein an ſich immer einfach natürliches, freudig quellendes Gemüth war, erſehen wir aus den berühmt gewordenen muſikaliſchen Scherzen, zu denen er hier ſich angeregt fühlte. Ich meine die Kinderſymphonie und die Abſchiedsſymphonie. Erſtere richtete er bekanntlich zur Mitbenutzung der den Kindern vom Jahrmarkt mitgebrachten Inſtrumente, voll der köſtlichen Laune ein, welche ſie noch heute wiedererweckt; die andere hatte nach ſeiner eigenen Mittheilung folgende Veranlaſſung: Länger als gewöhnlich wollte eines Sommers der Fürſt Eſterhazy ſeinen Aufenthalt auf Schloß Eſterhazy ausdehnen; die Mitglieder der Capelle, welche ihre Familien in Eiſenſtadt hatten, geriethen über dieſen Beſchluß in Beſtürzung. Eine Bittſchrift wäre vergeblich geweſen, ſie wandten ſich daher an Haydn's viel vermögenden Einfluß, und dieſer erfand eine Symphonie, in welcher ein Muſiker nach dem andern, ſobald ſeine Stimme ausgeſpielt, ſein Licht auslöſchte und, ſein Inſtrument im Arme, davon ging, ſo daß Haydn zuletzt allein daſtand. Die Aufführung ſo origineller Symphonie überraſchte den Fürſten. Wenn Alle fortgehen, müſſen wir es wohl auch! ſagte er; und zu Haydn:Die Herren können morgen Alle abreiſen.

In wie entlegenem Wirkungskreiſe auch Haydn hier ſeinen Genius entfaltete, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß ſein Ruhm immer weiter ſich ausbreitete. Componiſten, Fürſten, wie Wilhelm II. von Preußen, Akademieen, wie die zu Modena, widmeten ihm Zeichen bewundernder Anerken⸗ nung. So bekam er auch aus Cadix in Spanien den Auftrag, zu denſieben letzten Worten des Erlöſers eine angemeſſene Muſik zu machen. Dieſeletzten Worte wurden nach dortigem Kirchenbrauch in der Paſſionszeit dem Volke erklärt, und während in den Zwiſchenzeiten die Menge auf den Knieen lag, ſollte die Muſik ohne Text die Gemüther andächtig erheben.Wenn Gott mit Menſchen reden wollte, ſagte damals ein Franzoſe,ſo würde er ſich Haydn's Muſik bedienen. Später iſt den ſieben Adagios ein Text untergelegt woörden, und ſo hören wir dieſe wunderbare Muſik oft an Charfreitagen in unſeren Kirchen. Seine übrigen Kirchenmuſiken fanden in manchen katholiſchen Kirchen keinen Eingang.Wenn ich an meinen Herrgott denke, ſagte Haydn,ſo kann ich nicht anders, als von Herzen fröhlich ſein, und ſo widerlegte er die Tadler, die ſeine Kirchenmufik nicht ernſt und ſtreng genug fanden.

(Schluß folgt.)

Das Muſeum in Malmaiſon.

Bekanntlich ſind auf Befehl der Kaiſerin Eugenie zwei Muſeen, die an eine vergangene Zeit erinnern, improviſirt worden; das eine in Petit⸗Trianon, das andere in Malmai⸗ ſon. Eine ſo genaue und ſo vollſtändige Reſtauration, wie ſie herzuſtellen nur möglich war, führt uns in die Zimmer,