Jahrgang 
27-52 (1867)
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Novellen⸗Jeitung.

Zeuilleton.

Bur Erinnerung an Joſenh Handn.

Es ſind jetzt ungefähr ſiebzig Jahre, alſo ein Menſchenalter her, daß ſich Joſeph Haydn mit den erſten Ideen zu ſeinerSchöpfung trug, dieſer ewig junge Tondichter, deſſen Inſtrumentalwerke, nach beinahe hun⸗ dert Jahren ſeines erſten Auftretens, bei zwei großen romaniſchen Nachbarvölkern der deutſchen Nation erſt gegenwärtig Eingang und rechten Einfluß gewinnen. Nicht allen Leſern iſt es bekannt, wie ſchöpferiſch bahn⸗ breche dieſer Meiſter, deſſen Quartette heute in Italien erklingen, für die deutſche, ja für die Muſik der ganzen gebildeten Welt gewirkt hat, und es darf als eine Pflicht bewußter Anerkennung und Orientirung angeſehen werden, wenn wir auf das Wirken dieſes Genius in einer kleinen Skizze zurückweiſen, die ſich in den erläuternden Vorträgenfür Spieler und Hörer zur Beachtung empfiehlt.

Joſeph Haydn, in dem niederöſterreichiſchen Dorfe Rohrau den 31. März 1732 geboren, war unter 20 Geſchwiſtern der älteſte Sohn. Sein Vater, ein Stellmacher, ſpielte etwas Harfe, und liebte es, nach des Tages Arbeit ſich und die Seinen damit zu erfreuen. Seine Frau ſang dazu und der kleine Joſeph ſtrich dabei mit einem Hölzchen auf einem Bret, als ob er geige. Unter dieſen Eindrücken des Hauſes erwachte der muſikaliſche Geiſt des Kindes. Mit dem 6. Jahre nahm ihn daher ein verwandter Schulmeiſter zu ſich und lehrte ihn, außer dem ſonſt Nöthigſten, Violine, ja faſt alle Inſtrumente, ſogar Pauken, ſpielen; namentlich aber lehrte er ihn Geſang, ſo daß er etwa zwei Jahre ſpäter als Chorknabe in die Stephanskirche zu Wien treten konnte. Hier machte er in dem Practiſchen des Geſanges und der Muſik tüchtige Fortſchritte, doch blieb er ohne Unterricht in der Kunſt des Componirens, und als er das Reſultat ſeiner auf eigene Hand geübten Verſuche, eine 16ſtimmige Meſſe, ſeinem Capellmeiſter Reuter überreicht hatte, zog ihm dieſe Kühnheit nur herben Verweis zu.

Haydn blieb in dieſer Stellung bis zum 16. Jahre, denn als die Stimme umſchlug, wurde er entlaſſen. Es blieb ihm nichts übrig, als Stunden zu geben und in Chören mitzuwirken, wo ſich Gelegenheit bot. Hunger und Mangel jeder Art kehrten viel bei ihm ein, doch Muth und gute Laune verließen ihn nie. Im 6. Stockwerk, ohne Ofen, an einem wurmſtichigen Claviere ſitzend, und entweder den eigenen Phantaſicen folgend, und die Werke der Meiſter, namentlich Emanüel Bach's, des Berliners, ſtudirend, tauſchte er, wie er ſagte, mit keinem König. Ja, der beſcheidene Jüngling, er kannte ſeinen Reichthum nicht; in reiner Naivetät ahnte er nichts von der in ihm liegenden Größe und Originalität. So kam es, daß er die Muſikſtücke, welche er für ſeine Schüler, oder für Mnſikchöre zu den üblichen Abend⸗ muſiken geſchrieben und an dieſe verſchenkt hatte, unerwartet an den Muſikläden aushängen ſah. Gedruckt worden zu ſein, überraſchte ihn in ſeiner Anſpruchsloſigkeit, recht im Gegenſatze zu vielen jetzigen Componiſten.

Aber warum hatten die Muſikalienhändler Wiens ein ſolches Intereſſe, Haydn'ſche Sonaten zu druckn, wo ſie nur ſolche erlangen konnten? Es war der neue Geiſt, der ſich darin kund gab. Die Sonate, als ſelbſtſtändiges Klangſtück

für das Clavier, war zwar bereits um 1700 vom Leipziger Thomas⸗Cantor Kuhnau begonnen worden, allein es waren einfache trockene Sätze; was man ſpäter eine Suite nannte, waren aneinander gereihte Tanzrhythmen. Erſt Emanuel Bach, einer der Söhne des großen Leipziger Cantors Sebaſtian Bach, hatte dieſer trockenen Form der Sonate eine Fortent⸗ wickelung gegeben. Ueberhaupt iſt es wichtig, zu beachten, daß alle Inſtrumentalmuſik bis zu jener Zeit nur im Dienſte des Geſanges, zur Begleitung deſſelben in Kirche, Theater und Haus betrachtet wurde. Haydn fing ſchon in der Sonate an, der Inſtrumentalmuſik Selbſtſtändigkeit zu geben. Und hier kam es dem Genius Haydn's zu Statten, daß durch keinen beſtimmten Unterricht in der Compoſition ihm die Feſſeln angelegt waren, in welcher die Geſetze für Muſik damals durch Autoritäten gebannt lagen. Zur Freude aller Clavierſpieler gab Haydn nun ſeinen Sonaten drei innerlich zuſammenhängende Sätze, er ſchuf kleine Tongemälde für beſtimmte Empfindungen daraus, in freier Form lediglich dem Geſetze der Schönheit folgend; und wenn ſie ſpäter dieſen Reiz nicht mehr ausübten, ſo gilt es eben, nicht zu vergeſſen, daß die Muſik auf der Bahn, die Haydn's Genius eröffnet, ſchon durch Mozart und Beethoven Fortſchritte machte.

Allmälig beſſerte ſich auch ſeine äußere Lage. Seine Armuth hatte ihn von jedem Umgange mit der Welt zurückgehalten; da ward der berühmte Operndichter Metaſtaſio Bewohner des Hauſes, deſſen Dachſtübchen eben unſer Haydn bezogen hatte. Dieſer verſchaffte ihm gutbezahlende Schüler und wirkte vielfach bildend zugleich auf ihn. Capellmeiſter Porpora aus Neapel benutzte Haydn's Geſchick, den Geſang zu begleiten, für ſeine Unterrichtsſtunden, und nahm ihn auch, wenn auch halb als Bedienten, nach Bad Meinersdorf mit, wo Gluck aus Paris und andere Tonkünſtler ſeinem Spiele allen Beifall zollten.

Dieſe Ermunterung wirkte mächtig auf Haydn. Er ſuchte zunächſt mit Hülfe eines Lehrbuchs, das er ſich jetzt kaufen konnte, ſeine theoriſchen Kenntniſſe zu erweitern und ward wieder fleißig im Componiren. Da wurde er aufgefordert, für einen kleinen Cirkel im Hauſe des Barons Fürnberg etwas Paſſendes zu ſchreiben, und Haydn ſchrieb für denſelben das erſte Quartett für Streichinſtrumente. Mit dieſem genialen Wurfe ſchuf Haydn zugleich den Anfang unſerer ganzen modernen Inſtrumentalmuſik. Haydn erſchuf das Quartett aus der reinen, hellen Quelle ſeiner lieblichen, originellen Natur. Es war ein kühner Verſuch, den vor ihm noch Keiner gewagt hatte, jede Stimme für ſich allein auftreten zu laſſen, und die Reinheit und Schönheit der melodiſchen und harmoniſchen Verbindung dieſer vier Stimmen iſt es, was die Quartettmuſik zu ſo hohem Genuſſe erhebt. Die vier Stimmen werden zu Perſönlichkeiten, welche Wort um⸗ Wort austauſchen über eine Grundidee. Die erſte Violine hat man in glücklichem Vergleiche geſagt iſt ein liebenswürdiger, junger Mann, der zu reden weiß, und daher ſeine Ideen am lebhafteſten auseinanderſetzt. Die zweite Violze iſt ſein Freund, der zurückſteht, wenn er nur

Erſteren zuͤr Geltung bringen kann. Als recht gelehrter, weisheitsvoller, aber etwas wortkarger Mann tritt der Baß