Vierte Folge.
Umſtänden auch bei Andern. Doch glauben Sie eher nichts, als bis ich's Ihnen ſelbſt beſtätigt habe. Denn obgleich kaum irgend Jemand mich ſchlimmer ſchildern wird, als ich ſelbſt gethan habe, ſo könnte mich doch wohl ein Anderer minder wahr ſchildern, als ich, der ich mich ſelbſt am beſten kenne, zu thun im Stande bin.
Sie haben eine Mutter und, wie mir verſichert worden iſt, eine rechtſchaffene und kluge Mutter. Wenn Ihnen je in Ihrem Leben der Rath einer ſolchen Mutter theuer und werth war, ſo laſſen Sie ſich's in dieſem Falle doppelt angelegen ſein, auf ihre Stimme zu horcheu. Sie wird vermuthlich dieſe Darlegung mit einem offeneren, unbefangeneren Sinne, als Sie, liebe ſüße Schwärmerin, aufnehmen und der Rath des Mutter⸗Kopfes wird vermuthlich zuver⸗ läſſiger ſein, als der Rath des Tochter⸗Herzens⸗ Findet die Mutter, daß der Mann, der ſich mit dem Pinſel der Wahrheit hier ſelbſt geſchildert hat, ohne mit Wiſſen und Willen irgend einen Flecken, worauf etwas ankommen kann, auszulaſſen, dennoch wohl ein guter Mann für ihre Tochter ſein könne: nun— ſo überlaſſen Sie ſich dem vollen Zuge Ihres Herzens.
Doch nein! auch alsdann noch nicht eher, als bis Sie mich ſelbſt geſehen haben. Meinen Sie, nach wiederholter und abermals wiederholter Prüfung dieſer Beichte, daß ich, trotz Allem, was an mir auszuſetzen iſt, dennoch der Mann Ihres Herzens ſein könne, wenn anders mein Körperliches Ihnen nicht ganz und gar zuwider ſein ſollte, und Sie ſagen mir dieſes red⸗ lich, offenherzig und unbefangen: ſo will ich ganz in der Stille, unerkannt und unter fremdem Namen, um weder Sie, noch mich ſelbſt vor der Welt bloßzu⸗ ſtellen, zu Ihnen nach Stuttgart kommen. Auch ich ſelbſt muß Sie erſt ſehen, wie Sie leiben und leben, und ob Sie Diejenige wirklich ſind, die ich im Geiſte freilich ſchon längſt mit hoher Liebe umfaſſe. Geiſt, Herz, Charakter, Lebensart, Sitten, Stand, Ehre, Vermögen ſind zwar wichtige Ingredienzen zu einer glücklichen Ehe; allein ſie machen es doch nicht immer und ganz allein aus. Wir ſind insgeſammt ſinnliche Menſchen und auch die Sinnlichkeit will ihr Recht haben. Unſere Sinne müſſen ein wechſelſeitiges Be⸗
hagen aneinander finden, welches ſich nicht gerade Charakter läuterte ſich und es hat allen Anſchein, daß
nach Jugend und Schönheit, ſondern oft nach einem
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barſten Heirathsgeſchichte zu amüſtren,— zu unſerm eigenen, noch größeren Amüſement zu amüſiren im Stande ſind, oder nicht.
Eliſe, Eliſe! ich ſchließe mit einer theuern, feier⸗ lichen Beſchwörung. Bei dem ewigen Gotte, bei ihrem eigenen Wohl und Weh, und bei dem Wohl eines Mannes, der nicht redlicher um das Ihrige beſorgt ſein kann, als er iſt, beſchwöre ich Sie: Wählen Sie mich nicht zu Ihrem Gatten, wofern Sie nicht bei ſich fühlen, daß Sie ſich mit voller Liebe in meine Arme werfen können. Ich ſchwöre Ihnen, in Anſehung Ihrer eben daſſelbe zu be⸗ obachten.
Und ſo hoffe ich freudig, der Allbarmherzige werde unſeren Bund, wenn er zu Stande kommt, mit ſeinem Segen krönen.“
Man ſieht aus dieſen brieflichen Aeußerungen, die viel müßige und für den Geſchmack einer einfachen, geraden Denkungsart manches nicht Männ⸗ liche enthalten, wie dringend er den neuen Bund wünſchte und wie er da zu ſchieben bereit war, wo er ſich den Anſchein giebt, zu hemmen. Was Schiller ſchon als Kritiker dem Bürger in äſthetiſcher Be⸗ ziehung vorwirft, gilt auch von dem Menſchen, nicht blos vom Lyriker. Es fehlte dem großen Balladen⸗ ſänger und talentvollen Sprachbildner(welchen Schiller freilich kaum halb verſtanden hatte) an höherem, ge⸗ läutertem Schönheitsſinn, an Idealgefühl, an ſittlichem Tact, an edelem Maßhalten. Ohne dieſe perſönliche Grazie und ethiſche Würde war es Bürger unmöglich, ſeine junge Frau harmoniſch mit ſich und ſeinem ihr antipathiſchen Weſen in Eins zu bilden. Eliſe würde einen für ſie paſſenden, ächt männlichen Gatten glück⸗ lich gemacht haben; bei Bürger erwies ſie ſich als kokette, leichtſinnige Frau und unmögliche Stiefmutter. Sie lud ſogar aus jugendlichem Uebermuth den Ver⸗ dacht der Buhlerei auf ſich, was für ein Weib faſt
ebenſo ſchlimm und verdammungswürdig iſt, als die Unthat ſelbſt. Die Ehe mußte nach immer würdeloſeren Ex⸗
perimenten und neuen Verſuchen von Correctur und Duldung geſchieden werden. Hierbei aber ſchied ſich auch das unpaſſende Element von Eliſe, das dieſelbe aus allem weiblichen Gleichgewicht getrieben. Ihr
unerklärlichen Etwas richtet, das ſich weder malen, ihr ſpäteres Leben rein und lauter, ſogar aufopfernd
noch ſchreiben, ſondern allein im Innerſten fühlen läßt. Dieſes Etwas läßt ſich weder geben, noch nehmen. Nach dieſen Vorbereitungen wird es ſich in der erſten Stunde unſerer perſönlichen Zuſammenkunft ausweiſen, ob wir das Publicum mit der allerſonder⸗
V gegen die Mahnen des frühverſtorbenen Dichters und reuevoll war. Dies näher beleuchtet zu haben iſt ein Verdienſt dieſer Arbeit. Man glaubt mit Ueber⸗ zeugung, daß Eliſe hundertfach beſſer war, als ihr gefliſſentlich geſchmäheter Ruf.


