Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

1

- Vierte Solge,

Gedichte von Karl Allerdorf.

Wiegenlied.

Schlafe, mein Schweſterlein, Schlafe in Ruh'!

Engelein drücken die Aeuglein dir zu.

Himmliſche Engelein Wachen dabei. Himmliſche Engelein, Hütet es treu!

Der Dichter.

An dem Webſtuhl des Gedankens ſitzt ſtill webend da der Dichter

Und ihm leuchten bei dem Weben ſeines Geiſtes helle Lichter.

Und er webt den ſchönſten Teppich, und er webt das ſchönſte Zeug;

Ja er webet in den Teppich ein phantaſtiſch Bilder⸗

reich.

Als der allerbeſte Goldſchmied iſt der Dichter wohl zu preiſen;

Alſo feine Arbeit hat kein and'rer Goldſchmied auf⸗

zuweiſen.

Die Gedanken ſind Demanten, die die Muſe ſpendet hold;

Und er kleid't ſie in Gewänder, feſſelt ſie in blitzend Gold.

Die Sonne ein Maler.

Die Sonne iſt der beſte Maler,

Die Sonne mit der hehren Pracht. Beſieh ihr Werk! und du mußt ſtaunen Ob dieſer großen Zaubermacht.

Noch immer ſchaut mit ſchwarzen Augen Die Nacht gebieteriſch uns an,

Und Fluren, Felder, Wälder hält ſie, Und Menſchen, Thiere in dem Bann.

Doch da erſcheint der große Maler

Mit freudeſtrahlendem Geſicht;

Die dunkle Nacht muß ſchnell entweichen Vor dem erwachten Sonnenlicht.

Wir ſehn's mit Staunen, es entſtehet Vor unſerm Aug' ein Wunderreich. Dem Maler dienen tauſend Farben Und alle handhabt er zugleich.

631

Die Sonnenſtrahlen ſind ihm Pinſel, Die ihm bemalen Wald und Flur.

Und kaum berührt er nur die Landſchaft, Erwacht voll Leben die Natur.

Vertheilt iſt kunſtvoll Licht und Schatten, Das kleinſte Blümchen iſt bedeckt,

Ja nichts iſt außer Acht gelaſſen: Bewund're dieſe Zauberpracht!

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Moſaik, von Ebeling. Leipzig, bei Guſtav Purfürſt. 1867. In dieſen zwar nicht für das große, aber doch

für die weiteren Kreiſe des literariſch gebildeten Pu

blicums beſtimmten vermiſchten Schriften treffen Sie auf gar fleißige und leſenswerthe Arbeiten. Dieſelben tragen auf eine nicht trockene Weiſe zur Bereicherung der ſpeciellen Orientirung bei und garantiren ein um⸗ ſichtiges Quellenſtudium. Das Letztere läßt ſich be⸗ ſonders von der Darſtellung der Trientiner Kirchen⸗ verſammlung ſagen, während drei andere Beleuchtun⸗ gen noch durch den Reiz der Neuheit geſtützt werden. Sie haben zum Thema: Die italieniſche Lyrik ſeit Anfang unſeres Jahrhunderts; Zur Geſchichte der Wiener Journaliſtik im Jahre 1848 und endlich: Eliſe Bürger, die Gattin des bekannten Dichters Auguſt Bürger. Die Charakteriſtik dieſer Frau und ihrer Eheſtands⸗ und Eheſcheidungsgeſchichte tritt eigentlich in Geſtalt einer Ehrenrettung dieſer liebenswürdigen überaus ſchönen, aber ebenſo zu viel verketzerten und zu einſeitig verdammten als leichtſinnigen Frau auf. Wenn ich auch durch dieſen dankenswerthen Beitrag Ebelings die nothwendigen Acten zur end⸗ gültigen Beurtheilung dieſer gewiß von der literatur⸗ geſchichtlichen Moralkritik ungerecht Gemißhandelten noch nicht für geſchloſſen erklaren moͤchte, ſo iſt doch hier viel milderndes Licht gegeben worden und es erfreut, einzuſehen, daß Bürgers dritte Gattin wenig⸗ ſtens nicht allein durch eigene Schuld, noch gar durch böſen Willen den Dichter ſeiner Auflöſung näher ge⸗ führt hat. Bekanntlich lernte Bürger dieſes ſoge⸗ nannteSchwabenmädel durch ein ſchmeichelhaftes und ſehr naives Gedicht kennen, welches Eliſe ano⸗ nym an den Poeten in einer ſchwäbiſchen Zeitſchrift abdrucken ließ. Nicht nur Bürgers ſehr entzündliches Gemüth, welches ſich ſchon gegen ſeine frühere Schwä⸗ gerin und ſpätere Gattin Molly in ſeiner ganzen