Vierte Solge.
„und wie ſteht’s mit dem Dankopfer?“ fragt Genaſt.„Ich meine den bewußten ſuperfeinen Naum⸗ burger, der gleich hier nebenan für Geld und gute Worte zu haben iſt. Wie denkt Ihr darüber? Gelt, ich fliege hin und mit einer kleinen Flaſchen atterie zurück!“
„Großartiger Gedanke!“ erwidert Haide.„Schnell an's Werk, Du genialer Kopf! Und wie wär’s, wenn Du auch an einige Lichter dächteſt? Der Mond grollt uns.“
„Nein, mein unſterblicher Bruder, der Wein wird uns erleuchten, und da bedürfen wir der kleinen Flämmchen nicht.“
„Aber es wäre doch beſſer,“ wenden die Frauen Porth ein;„ein finſteres Paradies iſt ja die Hölle!“
„Meine Damen, die milchkredenzende Häuslerin beſitzt ohne Zweifel auch ein Licht. Dieſes wird ihr entriſſen werden und für uns der Mond ſein.“
„Genug, genug,“ ermahnt Chriſtel,„wir kommen wirklich nicht von der Stelle! Abgemacht. Sie, Ge⸗ naſt, fliegen zur Weinquelle, mein guter Heinrich eilt zu meinem Kindchen und ſieht nach, ob es ſchläft. Dann fliegt Ihr hinterdrein, Ihr erreicht uns, wir feiern ein entzückendes Wiederſehen u. ſ.hw.“
„Das ſoll geſchehen,“ verſetzt Becker.„Und da hab' ich einen prächtigen Einfall. Meine beiden Piſtolen ſind ja ſtets geladen— ich werde ſie mit⸗ bringen.“ 4
„Närriſche Idee!“ lacht ſein Frauchen. 65
„Um Gotteswillen!“ kreiſchen die Porths,„Sie wollen Blut vergießen?!“
„Krähenblut, Fuchsblut— fürchten Sie nichts, meine Damen. Ich bin ein paſſionirter Schütze.“
„Aber— aber—“ t
Schon ſind Genaſt und Becker verſchwunden. Die Andern ſchlagen ſich ſeitwärts. Sie gehen lang⸗ ſam, vorſichtig nach jedem Steine, jedem Wäſſerchen ſpähend, und je höher ſie kommen, je trockener wird der Weg; die Luft hat hier freies Spiel. Bald ſehen ſie ſich von den Männern eingeholt. Genaſt keucht unter der Laſt der Flaſchen, Becker läßt ein „Achtung!“ hören und— der Schuß fällt und ein dreifaches Echo giebt ihn zurück.
Da läßt Hedwig Wilberg den berauſchenden Ge⸗ danken an Sapphirring und Stulpenhandſchuhe fahren. Wie ein getroffenes Reh fliegt ſie empor:
„Na, aber—!“
Hans findet das grauſam dumm und brummt: „Ein alberner Junge hat nach einer Krähe ge⸗ ſchoſſen.“ 4
„Na, aber!“ wiederholt ſie,„dieſer Blödſinn! Braun und blau möchte ich den Jungen ſchlagen!“
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Derweil iſt die Geſellſchaft weiter geſchritten.
„Bitte,“ ſagt jetzt Mama Porth,„ſchießen Sie auch die andere Piſtole ab. Ich werde nicht eher ruhig.“
„Ja, Heinrich, thu' es,“ fügt Chriſtel hinzu, „das iſt ein gefährliches Spiel.“
Er lacht.„Nur noch ein wenig Geduld. Der erſte beſte Fuchs, der uns begegnet, iſt ein Kind des Todes. Oder vielleicht ſtoßen wir auf freche Räuber, die’s auf unſere Flaſchenbatterie abgeſehen haben.“
Schon bei dem bloßen Gedanken daran zittern die Porths.
„Die Flaſchen?“ ruft Genaſt.„Mit meinem Körper vertheidige ich ſie! Vorwärts! Hinauf! Gleich werden wir im Paradieſe ſein und auf das Wohl aller Seligen trinken!“
„Richtig,“ ruft Haide,„da biegen wir ſchon um die letzte Ecke. Vivat das Paradies! Vivat der Naumburger!“
Es iſt doch kein zweiter Schuß gefallen? Den⸗ noch ſpringt Hedwig abermals auf. Ihre Bruſt fliegt, ihre Augen rollen, ſie haſcht nach Worten, ſie vermag nicht einmal den Mund zu öffnen.
„Wenn der alberne Junge heraufkommt,“ ruft Hans,„ſchlage ich ihn zehnmal todt! Auf Ehre!“
„Um Gotteswillen!“ flüſtert ſie jetzt,„ruhig, ruhig!— Ich höre Haide's Stimme!“
„Unſinn!“ Dummheit!“ Sein Verdruß erzeugt eine Fuhrmannsſprache.„Du biſt albern, furchtſam wie ein Haſe, ich werde Dich noch lehren—“
„Liebſter, beſter Hans, ſtill, ſtill! Wir müſſen fliehen— ich bin verloren— Du auch— Haide iſt ja nicht allein!“
„Mit den Creaturen hab' ich nichts zu ſchaffen! Biſt Du ruhig, oder—! Bei meinem Barte!“
Dieſe Drohung prallt von ihrem Ohre ab. Ihr Herz ſchlägt einen Wirbel, über ihre Wangen rollen Thränen, ſie ringt die Hände:„Verloren! Fliehen — zu ſpät! Sie ſind oben!“
Er preßt ſie an ſich und flüſtert:„Still! Viel⸗ leicht ſteigen die Canaillen höher, zum Schafberg hinauf.“
„Guter Mond,“ ruft Chriſtel,„grolle nicht mehr. Komm hervor aus deinem Verſteck und lächle her⸗ nieder.“
„Er wird nicht widerſtehen können,“ verſetzt Genaſt.
„Er war ja ſtets unſer Freund,“ meint Becker.
Und ſiehe da! Die Wolken theilen ſich und ge⸗ währen dem Mondenſtrahl den Durchblick. Er gleitet von Strauch zu Strauch und ſieht ſich nach dem Pa⸗ radieſe um und—


