Dierte Folge.
die folgende Stelle, welche durch die Reiſe des Sultans und Fuad Paſcha's nach Paris, London, Coblenz und Wien jetzt ein beſonderes Intereſſe darbietet.
„14. Auguſt 186*. Es iſt Freitag, der Sultan be⸗ giebt ſich in die Moſchee; wir erwarten ihn vor dem großen Eingang von Dolma Baytſché.
Der Sultan hat keine Familie; wenn die orientaliſche Politik die Anverwandten nicht unterdrückt hat, ſo ſchiebt ſie dieſelben doch auf die Seite.
Wenn der Padiſchah einen Bruder beſitzt, ſo lebt dieſer Bruder, welcher ſein Nachfolger iſt, in einer gänzlichen Ver⸗ laſſenheit. Der fremde Diplomat würde ſchlecht belehrt ſein, der ihm einen Beſuch machte; ſchlechter berathen der muſel⸗ männiſche Würdenträger, welcher ihm irgend eine Achtung bewieſe; man nimmt den Anſchein an, gar nichts von ſeiner Exiſtenz zu wiſſen; vergeſſen, d. h. glücklich bleibt er frei und ich würde ſein demüthiges Loos der glänzenden Exiſtenz des Beherrſchers der Gläubigen vorziehen, wenn das Gemälde nicht ſeine Schatten hätte.
Folgendes iſt die Schattenſeite. Die Söhne der Brüder des Sultans ſehen nie das Tageslicht. Sie kommen alle todtgeboren zur Welt, das iſt die Regel. Sobald ſich zwiſchen den Schwägerinnen des Sultans eine geſchickte und zärtliche Mutter befindet, ſo gelangt ſie dazu, ihr Kind zu retten; in dieſem Falle findet es ſich, daß am Tage, wo der Sultan ſtirbt, ſein Nachfolger und Bruder wie durch ein Wunder einen Sohn beſitzt, den Niemand als er kannte; aber die Thatſache iſt ſelten und gewöhnlich beſteigt der Padiſchah, welcher auf den Thron gelangt, denſelben ganz allein in der ganzen Majeſtät der Iſolirung, da er ſeiner Leibeserben beraubt iſt.
Seine Würde unterſagt ihm die Heirath. Der Sultan beſitzt Kadinen(Damen), er heirathet ſie nicht. Ein einziger Padiſchah, Abd⸗ul⸗Medſchid, hat ſich dieſer Gewohnheit
ntzogen. Nach dem Tode ihres Gebieters können die kinder⸗
loſen Kadinen einen Gatten nehmen. Diejenigen, welche
Söhne oder Töchter haben, leben eingeſchloſſen in dem
Palaſte, den der höchſte Wille des neuen Souveräns ihnen zur Wohnung anweiſt. Sehr ſtolze, vornehme Damen, be⸗ halten ſie ein Vermögen, Verſchnittene, mit einem Worte ihr
Takum, d. h. die ganze innere Einrichtung ihres Hauſes,
aber ſie gehen nicht weiter aus, als um officielle Beſuche zu machen. Ihre Größe, welche ſie zum Wittwenſtand verur⸗ theilt, hält ſie für ihr ganzes Leben als Sclavinnen, und mit welchem Namen man auch das Harem benennen mag, das ihre Majeſtät ſchützt, ſo bleibt es doch ein Gefängniß.
Man ſieht es, Alles trägt dazu bei, aus dem Sultan ein Weſen ganz für ſich zu machen, das von andern Men⸗ ſchen verſchieden und den gewöhnlichen Königen überlegen
iſt, ein Vorbild, das ganz allein am muſelmänniſchen Zenith
glänzt. Das Volk betrachtet das Geſtirn von Unten, ganz geblendet, die Stirn in den Staub gedrückt; und das zu thun, darauf bereiten ſich die braven Leute vor, welche mit is dem Garten gegenüber ſich in Gruppen aufgeſtellt aben.
Eine Schwadron Zuaven ſtellt ſich zur Rechten auf;
alle Araber auf ſtolzen Hengſten reitend, das Schwert ent⸗
blößt, Alle den ſcharlachrothen Mantel über die Schulter geſchlagen. Ihr vor ihnen haltender Scheik, der ſeinen weißen Burnus auf der Bruſt zuſammengebunden hat, ſtolz, wild, bleibt theilnamlos wie ſie; man könnte ſie bronzene Statuen nennen. ¹ Gegenüber halten die Sais Pferde, mit goldgeſticktem
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Sattel und mit Silber verziert, an der Hand, deren Gebiſſe und Steigbügel damascirt ſind. Die Hälſe ſind unterſetzt, die Köpfe klein, die Blicke tief, die Glieder fein und muskel⸗ haft. Das Alles prahlt, wiehert, glänzt an dieſem heitern Morgen an den Zugängen nach dieſem prachtvollen Thor.
Bald werden im Hintergrunde des Gartens Abthei⸗ lungen ſichtbar; es ſind die Paſchas, von denen Einer nach dem Andern ankommt; ſie ſpornen ihre Pferde und nehmen ihre Stelle ein. Es ſind enorme Exemplare der Osmanli⸗ Race, deren Tunica große Mühe hat, ihren Umfang zuſammen zu halten und deren Bruſt mit einem Stern von Diamanten bedeckt iſt. Der Mehrzahl nach haben ſie eine anfgeſchwol⸗ lene Figur, große ſchwarze Schnauzbärte, dichte ſchwarze Augenbrauen und eine ziemlich plumpe Miene. Man kann ſich darüber nicht wundern; in dem Grade, wie der türkiſche Beamte höher ſteigt, vermehrt ſich ſein Gewicht; ſeine Cor⸗ pulenz wächſt mit ſeinen Würden. Die Bewegung ſchickt ſich für den Adel einer hohen Perſönlichkeit nicht. Je höher ſein politiſcher Werth iſt, um deſto weniger muß er handeln. Gehen heißt ſich erniedrigen. Sich ſelbſt bewegen läßt glauben, man habe weder Diener noch Untergebene, um ſo gemeine Functionen zu verrichten. Kaum macht ein Paſcha Miene, ſich zu erheben, kaum verſucht er, ſeine erhobene Perſon von einem Divan auf einen andern zu verſetzen, ſo eilen ſeine Sclaven und ſeine Geſchöpfe ſchnell herbei, um ihn unter den Armen zu unterſtützen; will er ſich in ſeinen Garten begeben, ſo ſtürzen ſeine Untergebenen herbei und führen ihn; wünſcht er zu Waſſer eine Spazierfahrt zu machen, ſo trägt man ihn faſt in ſeinen Caie; auf ſein Pferd hebt man ihn hinauf. Und wenn ein Beamter während der zwölf Tagesſtunden, welche die Sonne auf der Erde abmißt, zwei oder drei Ausfertigungen unterzeichnet hat, dann iſt es ein gut angewandter Tag; er läßt ſich dann auf ſeine Teppiche niederfallen, man reicht ihm den Narguileh und nun lebt er nur der Erholung nach ſeinem überſtandenen Tageswerk.
Fuad Paſcha gleicht dieſen Collegen nicht. ſchmächtig, die edle und feine Phyſiognomie, das brennende Auge unter dem Kryſtall ſeiner Brille, unterſcheidet er ſich tief von den Leuten, die ihn unigeben.
Aber die Würdenträger haben ſich in einem Halbeirkel aufgeſtellt. Unter einer brennenden Sonne halb gebraten, erwarten ſie ruhig in ordonnanzmäßiger Haltung den Augen⸗ blick, wo es ihrem Gebieter gefallen wird, zu erſcheinen.
So vergehen fünfzehn Minuten, die ſich bis auf vierzig
Groß,
Jerweitern. Plötzlich läßt ſich die Muſik hören. Die Paſchas
ſetzen ſich in Bewegung, ſie verlaſſen den Halteplatz und be⸗ geben ſich nach der Moſchee in Marſch, zuerſt die Jungen, dann die Alten, nach ihnen Fuad Paſcha, dem drei pracht⸗ volle Hengſte folgen, die am Koppelſeil geführt werden. Und V hier iſt der Sultan, Abd⸗ul⸗Aziz, der auf einem Eiſen⸗ ſchimmel reitet. Er erſcheint in der Mitte einer Todtenſtille; eer iſt allein; vor ihm und hinter ihm bleibt der Raum leer. Seine Taille übertrifft die aller Andern, ein Mantel um⸗ giebt ihn, man ſieht nur ſein Haupt, ein bewunderrswerthes Geſicht, glänzend⸗ſchwarze Augen, die auf Keinen, wer es auch ſei, auf nichts, was es auch ſein möge, einen Blick werfen. Sein ſehr ſtarker, ſchwarzer Bart fällt gerade herab. Keine Verzierung, ausgenommen eine Zitternadel ven Dia⸗
manten: ein orientaliſcher blutrother Rubin oder Karfunkel, der ſich über dem Fez erhebt. Es iſt der Beherrſcher der Gläubigen. Die Stirnen ſenken ſich, wenn die Blicke ſeiner
Unterthanen ſich auf einen Augenblick bis zu ihm zu erheben


