652 Novellen⸗Zeitung.
hohen Alters ging unſer Meiſter mit raſtloſem Eifer an die Arbeit.„Als ich,“ erzählte er ſpäter,„bis zur Hälfte vorgerückt war, merkte ich, daß es gerathen wäre. Nie war ich ſo fromm, als während der Zeit, da ich an der„Schö⸗ pfung“ arbeitete. Wollte es mit dem Componiren nicht recht fort, ſo ging ich mit dem Roſenkranz im Zimmer auf und ab, betete einige Ave und dann kamen mir die Ideen wieder. Täglich fiel ich auf die Kniee und bat Gott, daß er mir Kraft zur glücklichen Vollendung verleihen möchte.“
Im Jahre 1798 hatte Haydn ſein Werk vollendet. Noch vor der Aufführung ward es allgemeines Tagesgeſpräch und Wien ließ ſich die Ehre nicht nehmen, die erſte Auf⸗ führung zu genießen. Mit 700 Ducaten wurde Haydn die Partitur abgekauft und im März 1799— für unſere, nicht erwarten könnenden Zuſtände gewiß ſpät genug— geſchah ſolche unter Haydn's Leitung im Palaſte des Fürſten Schwarzenberg. Die unerhörte Einnahme von 4088 Gulden überließ man ihm ebenfalls, denn unbeſchreiblich war die Begeiſterung, mit der dies Oratorium aufgenommen wurde. Haydn ſelbſt war von ſeinem Werk auf's Tiefſte ergriffen.
Zu London hatte man nur davon gehört, als man ihn wieder dahin einlud. Haydn entſchuldigte ſich mit vorgerück⸗ tem Alter. Aber keinen Hof, keine Stadt gab es faſt in Europa, die nicht Haydn's„Schöpfung“ mit ſtark beſetztem Orcheſter auszuführen ſich beeifert hätten.
Den Text zu den„Jahreszeiten“ machte ebenfalls Haydn's Freund, van Swieten, nach dem Engliſchen zurecht, und Haydn, der nie müßig ſein konnte, ging ſogleich daran, auch dieſes Oratorium in Muſik zu ſetzen. Aber die vielen Naturſtimmen, die der Text enthält, verdroſſen unſern Meiſter bis zu unwilligſter Aeußerung. Swieten ließ ſich zu keiner Aenderung bewegen und Haydn dagegen war bemüht, die Nachahmungen der Naturlaute zwar auszudrücken, aber mit Geſchick auch durch den Gang der Muſik ſo zu verbergen und zu verſchmelzen, daß wir eben noch heute die meiſterhafte Ueberwindung ſo vieler Schwierigkeiten bewundern. An dem entfeſſelten Winzerchore, zum Schluſſe des Herbſtes, ſagte er, habe er ſich völlig Entſchädigung für ſo langen Zwang verſchaffen wollen.
Die erſte Aufführung, 1801 zu Wien, theilte die Meinungen, ob die„Schöpfung“, ob die„Jahreszeiten“ das größere Werk wären. Haydn ſelbſt ſagte zum Kaiſer Franz: „In der»Schöpfung» reden Engel, aber in den ⸗Jahres⸗ zeiten ſpricht nur der Simon“— nämlich ein darin vorkom⸗ mender Landmann. Wiederum überall wurde das wunderbare Werk zur Aufführung gebracht, überall mit rauſchendem Beifall. Vergeſſen wir dabei nicht, Haydn war 69 Jahre alt, als er die entzückenden Liebesarien zwiſchen Hannchen und Lucas geſungen, um die Kraft doppelt zu bewundern, die ſie geſchaffen. Die Firma Breitkopf und Härtel in Leipzig zahlte 1000 Ducaten für den Beſitz der Partitur.
Doch die anſtrengende Arbeit hatte ſeine Geſundheit ſehr angegriffen. Nur noch kleinere Arbeiten entſtanden. Mit Ruͤhrung erfuhr er von den vielen wohlthätigen Zwecken, denen die Aufführung ſeiner Oratorien gedient, denn bei ihm ſelbſt waren Herz und Hand, ſchon zur Zeit eigener Dürftigkeit, gern dem Wohlthun gewidmet. Zu vielen anderen Ehrenbezeugungen, unter welchen die von Pariſer Tonkünſtlern gewidmete Denkmünze ihm hoch galt, verlieh ihm auch der Magiſtrat zu Wien das Bürgerrecht mit dem Zuſatze: Für ſeine edlen Bemühungen, den Druck der Armen zu mildern.
Erſt in dieſem ſeinen Alter beſchäftigte er ſich damit,
ein Verzeichniß ſeiner Werke, vom 18. Jahre an bis zum 73. componirt, aufzuſtellen. Es iſt unglaublich, wie viel er in dieſer Zeit geſchaffen. Das Verzeichniß zählt 119 Symphonieen, 83 Quartette, 24 Trio's, 19 Opern, 5 Oratorien, 15 Meſſen, 163 Compoſitionen für das Bariton, ein Lieblingsinſtrument Eſterhazy's, 44 Clavierſonaten und unter einer großen Anzahl von Geſängen auch 150 ſchot⸗ tiſche Lieder, die er in London zur Unterſtützung eines unverſchuldet herabgekommenen Muſikalienhändlers erſcheinen ließ.
Wie war es möglich, fragen wir, ſelbſt bei ſo langem Leben, eine ſo große Anzahl von verſchiedenartigen und doch durchweg originellen Werken zu ſchaffen? Glaube Niemand, daß dem Genie Alles nur ſo zuſtröme. Haydn ſelbſt widerlegt es; er war der Mann ſtrengſter Tagesordnung und ſtetigen Fleißes. Völlig gekleidet, begann er des Morgens auf dem Pianoforte ſich in die Ideen hineinzuſpielen, und wenn er dann dieſelben in Noten niederſchrieb, war ihm ſein Schaffen allerdings ſo klar und bewußt, daß ſeine Arbeiten ſelten eine Aenderung enthalten.„Ich ſ rieb,“ ſagte Haydn, „was mir gutdünkte, und berichtigte n ſpäter nach den Geſetzen der Harmonie. Andere Kunſtgriffe habe ich nie gebraucht. Immer componirte ich mit Bedächtigkeit und Fleiß.“ Dafür wußte er dann aber auch, daß es gut ſei und ſein Ohr galt ihm mehr, als alles herkömmliche Kunſtgeſetz. Keiner hat ſo Maß zu halten gewußt, als Haydn, bei dem Nichts zu lang oder zu kurz, Alles, das Einfache wie das Kunſtreiche, an ſeinem Orte und in rechter Weiſe da iſt. Dafür bleibt aber auch ſeine Muſik, wie er ſelbſt ſagte, im Herzen ſitzen.
Nach ſolcher Thätigkeit ſei es ihm vergönnt, auszuruhen. Doch auch durch zunehmende Schwäche ließ er es ſich nicht nehmen, täglich auf dem Clavier ſich zu ergehen, und ſei es nur, daß er ſein:„Gott erhalte Franz den Kaiſer“ ſpielte.
Als die franzöſiſche Armee 1797 gegen Wien vorrückte, hatke—
er dies Lied, das zur Nationalhymne geworden, componirt, und liebte es vor allen. Mit ſinnigen Variationen hat er es in eines ſeiner Ouartette(darum Kaiſerquartett genannt) verwoben, ein Zeugniß zugleich, wie tief ſein Gefühl für ſeinen Kaiſer und ſein Oeſterreich erwärmt war.„Mir iſt herzlich wohl,“ ſagte er,„wenn ich dies Lied ſpiele, und noch eine Weile nachher.“
Bei dieſer ſeiner Vaterlandsliebe machten die politiſchen Ereigniſſe des Jahres 1809 erſchütternden Eindruck auf ihn und ſeine Geſundheit. Schon der 1806 erfolgte Tod ſeines, als Componiſt, zumal für die Kirche, ebenfalls bedeutenden Bruders Michael hatte ſeine körperliche Kraft ſehr gebrochen; als ihm zu Chren 1808 eine glänzende Aufführung der „Schöpfung“ veranſtaltet worden war, mußte er bereits in einer Sänfte in den Saal, und von Rührung überwältigt bald nach Hauſe gebracht werden. Als nun 1809, es war am 10. Mai, die Franzoſen wieder vor Wien rückten, erſchreckten ihn früh beim Ankleiden Kanonenſchüſſe ſo ſehr, daß er zitternd zuſammenbrach. Am 31. Mai deſſelben Jahres verſtarb er in ſchmerzloſer Betäubung, 77 Jahre alt. Sein Kaiſerlied hatte er vorher noch mit einem Ausdrucke geſpielt, wie nie.
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A Constantinople. Par l'auteur des horizons prochains. Dieſer Schrift, welche ganz kürzlich im Verlag von Michel Lévy frores in Paris erſchienen iſt, entnehmen wir


