Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

Vierte

augenbeſiegerin mußte es ganz beſonders bei Beckers behagen. Konnte ſie doch hier wie nirgends ihr er⸗ ſtaunliches Gedächtniß zur Schau tragen. Von all' den wuuderlichen Reden des Junkers hatte ſie kein Wöͤrtchen verloren und über die geſpannte Aufmerk⸗ ſamkeit ihres Auditoriums mußte ſie wahrhaft ent⸗ zückt ſein. So oft ſie kam, war Hans ihr erſtes und letztes Wort, und weder Heinrich noch Chriſtel wurden müde, von dem Kranken zu hören.

Und wenn ſie wieder gegangen, rückte unſer Ehepaar jedesmal zu einer Sitzung zuſammen. Die Verhandlungen mußten ſehr ernſter Natur ſein, denn vor Beginn derſelben ward regelmäßig die Thür ver⸗ riegelt.

Und wieder und wieder kam die Elsnerin mit brühwarmen Mitheilungen.

Und ihrem Weggange folgten die geheimen Con⸗ ferenzen auf dem Fuße und ſie wurden wichtiger, immer wichtiger.

Und dann? Eines Abends ſchlichen ſich Beckers die Elsnerin hatte die Erlaubniß ertheilt in die Wohnung des Kranken. Sie konnten, da ſie im Nebengemache hinter der angelehnten Thür ſtanden, von Hans nicht geſehen werden. Er war weit ruhiger geworden, er lag auf dem Rücken und blickte durch die unverhüllte Scheibe zum Himmel empor, er ſprach weniger mit der Jungfer Elsnerin, der Abgeblühten, mehr mit ſich ſelbſt...

Er überhänfte ſich mit Selbſtanklagen...

Wie richtig hatten die Herrſchaften gefolgert: die zerſchmetterte Schulter würde der tüchtigſte Denkzettel ſein!

Die geheimen Conferenzen und Belauſchungen wurden fortgeſetzt. Trotz alles Voraufgegangenen, ſagten ſich Beckers, ſei es ihre heilige Pflicht, zu handeln, eine Verzagende unſagbar glücklich zu machen, über einen wahrhaft Bereuenden das herrlichſte Füll⸗ horn auszuſchütten.

Und als ſie zum letzten Male horchten, da ſprach Hans mit ſtrömenden Augen vor ſich hin:Wie wollte ich Thekla auf Händen tragen! Wie nur für ſie, für den Vater leben! Cornelia iſt todt todt... aber wenn ich das Auge zu Heinrich und ſeiner Frau erheben dürfte, wie wollte ich ſie um Verzeihung bitten, wie ſie anflehen, um Thekla's und eines Be⸗ kehrten willen zu vergeben... ja, Heinrich's Füße würde ich umklammern und ihm danken danken!

Nun ſollten die Sitzungen aus Becker's Woh⸗ nung in die Thekla's verlegt werden.

Allein, ſowie Thekla vernahm, Hans bereue ſo wahr, ſo innig, da konnte ein Herz wie das ihre keinen Moment ſchwanken. Sie erkannte Gottes

*

Folge. 647

Finger: Gott habe ſie prüfen und aus Hans das entfernen wollen, was über ihren gemeinſamen Weg Schatten geworfen hätte; nur durch Leiden werde das Herz geläutert. Was brauchten Beckers noch zu ſagen? Preiſen mußten ſie ſolche Seele, vor ihr das Haupt neigen.

Und weiter?

Ein lieblicher Abend war's. Auf den Bäumen vor den Häuſern ſprangen und ſangen vieltauſend Vögel, und die ſcheidende Sonne ſchmückte Alles mit goldenem Kleide.

Hans ſchlummerte. Der Sonnenſtrahl, der ſich wie ein blitzender Rahmen um ſein Bett legte, weckte ihn nicht auf. Auf ſeinem bleichen Antlitz lag ein glückliches Lächeln. Was mochte ihm träumen?.

(Fortſetzung folgt.)

Gedichte von Adolf Bekk.*)

Die Braut des Tadten.

Wohl zwiſchen Leichenſteinen Ein junges Mädchen ſaß, Die Augen roth von Weinen, Das Buſentüchlein naß.

Mein' Ehr' hab' ich verloren, Den Todten ſei's geklagt!

Ein Leben ungeboren

An meinem Leben nagt.

Ich wollt', ich läg' und ſchliefe An meines Liebſten Seit'

Und ſchliefe feſt und tiefe

In alle Ewigkeit.

Schon zogen mit Geflimmer Die Sternlein ihre Straß'; Im bleichen Geiſterſchimmer Das kranke Mädchen ſaß.

Da dröhnt vom Kirchenthurme Die bange Mitternacht, Vorüber flirrt's im Sturme: Die Todten ſind erwacht.

Wo biſt du, Weib der Schmerzen? Nun ſchließ' die Augen zu,

Ruh' aus an meinem Herzen, Erquicklich iſt die Ruh.

*)Ranken. Gedichte von Adolf Bekk. Peſt, Wien, Leipzig. A. Hartlebens Verlag. 1867.