Jahrgang 
27-52 (1867)
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wolle ſie gar nichts mehr ſagen; aber das müſſe ſie doch noch betonen, daß es dem größten Lügner und frechſten Herzensräuber nichts geſchadet hätte, wenn ihn der ſehr ehrenwerthe Becker auf der Stelle todt⸗ geſchoſſen. Und ganz, ganz ſchließlich müſſe ſie der Ordnung willen noch hinzufügen, obgleich ſich das von ſelbſt verſtände: Thekelchen habe den Ring ſofort abgeſtreift und in die Laucha geworfen, und wenn was der liebe Gott im Himmel gnädiglich verhüten möge! Thekelchen am gebrochenen Herzen ſtürbe, ſo wäre der einzige ächte Mörder Hans, der verruchte Böſewicht!

Was war die natürliche Folge? Dem Baron mußte ſchleunigſt zweimal zur Ader gelaſſen werden. Was Wunder, daß er einem Beſeſſenen glich? Er verfluchte ſich, den Sohn, die ganze Welt; ihn be⸗ fielen Krämpfe und es war entſetzlich, ihn rufen zu hören:Enterbungt Vaterfluch! Ich habe keinen Sohn mehr! In der erſten ruhigen Stunde erſchien auf dem Mittengute ein Notar aus Apolda. Herr von Blumenthal ſetzte ſeinen letzten Willen auf. Sein geſammtes Vermögen ſollte dem Apoldaer Wai⸗ ſenhauſe zu Gute kommen.

Am Lager des Verwundeten ſaß und wachte und nickte derweil die kugelrunde Elsnerin. Die hochge⸗ röthete Frau Elsner haßte alle warmen Getränke wie die Peſt, hingegen war jener kalte Trank, Brannt⸗ wein genannt, ihr Liebling; denn dieſer allein, be⸗ hauptete ſie mit unzähligen Belegen, erhalte den Magen in Ordnung und die Augen ſtets friſch. Aber dennoch nickte ſie gar zu gern ein, obgleich ihr Nie⸗ mand nachſagen konnte, daß ſie jemals uüber dem Nicken ihre Pflicht verſäumt hätte. Und das wäre auch wirklich zu ſchrecklich geweſen, da die Elsnerin für Lauchſtedt eine unſchätzbare Perſon war. Ward die in Anſpruch genommen! Jetzt mußte ſie zu einer Frau eilen, die der Stunde der Gefahr entgegen ging; jetzt wurde ſie zu einem Kranken gerufen, dem zwanzig Blutigel verordnet waren; und während ſie ſich eben dieſer Mühe unterzog, ſchickte ſchon irgend ein Hauptmann, der ſo ſchleunig wie möglich von den allerfrechſten Hühneraugen befreit ſein wollte; und während ſie dieſen Peinigern nun die furchtbarſte Niederlage bereitete, geſchah es häufig, daß derweil ſchon Jemand vor der Thür auf ſie wartete, um ſich ihrer für acht Tag⸗ und Nachtwachen zu verge⸗ wiſſern.

Es traf ſich erwünſcht, daß ſich die Elsnerin, während ſie an Hans' Bette ſaß, einmalverſchnau⸗ fen konnte. Die letzten Frauen warenbefriedigt, die Blutigel durften eine Weile ſchlummern, die

Novellen⸗ZJeitung.

Hühneraugen betrugen ſich außergewöhnlich manierlich.

Die Elsnerin ſprach dem kalten Tranke tapfer zu und ſchüttelte häufig den Kopf über Hans' wun⸗ derliche Reden. Ja gewiß, das waren recht wunder⸗ liche Reden!

Schlecht! rief er einmal,grundſchlecht gehan⸗ delt! Und dabei zerrte er an den Kiſſen und riß die Bekleidung von der Wand.Nein, ſie iſt kein Gänschen, ſie iſt ſo gut, ſo gut du haſt ſie be⸗ logen! Das iſt dir recht!

Und einmal in der Nacht ergriff er die Wär⸗ terin bei der Hand und ſchrie:Fort iſt ſie fort?

Was quälſt Du mich? 1

Nein, beſchwichtigte ihn die Elsnerin,ſie iſt immer noch da und wird nächſtens zu Ew. Gnaden kommen.

Zu mir? kommen. Weiß Sie denn nicht, daß ich die Peſt bin?! Alſo noch da! Dann iſt ſie krank, ſterbens⸗ krank! Frau, ich bin ihr Mörder!

Darauf lag er lange Zeit wieder ſo ſtill, als ob er verſchieden wäre. Aber dann plötzlich ſchnellte er empor und weinte laut auf und rang die Hände: Sieh mich nicht ſo an, Cornelia. Du winkſt? Nein, zu Dir darf Dein Mörder nicht! Ach, daß Du lebteſt, daß ich Dich anflehen könnte: vergieh! ver⸗ gieb! Mein Vater kommt nicht. Kann er kommen? Ja, um Mitternacht, als Geiſt. Du haſt ſein Herz durchbohrt dreimal Mörder, du! Frau, wer

pocht? Der Henker, ſagt Sie? Hu, da baunelsee

ſchon der Strick von der Decke und die Leiter klappert hoͤrt Sie, Frau, wie die Raben nach Futter krächzen?!

Alles verſuchte die Elsnerin, den Fieberkranken zu beruhigen. Erſt nach Wochen legte ſich der Pa⸗ roxysmus. Und darüber war die Wärterin in zwei⸗ facher Hinſicht herzlich froh: einmal des Junkers

Frau, zu mir wird und darf ſie nicht

willen, dann aber, weil ſie nun wagen konnte, die

Stube zu verlaſſen und ſtatt ihrer eine ihrer Töchter

(die ſämmtlich die Dreißig überſchritten hatten) hier ſchalten und walten zu laſſen. Denn die Noth war wieder gewaltig groß. Zwei, drei Wochen mußten ja für eine Frau wie die Elsnerin ebenſoviele Jahre ſein. Wie viel Hühneraugen waren derweil wieder rebelliſch geworden, und die Blutigel hatten ausge⸗ ſchlummert und keine Ruhe mehr im Glaſe, und einige Frauen bedurften des dringendſten Rathes. Von Hoch zu Niedrig watſchelte die kugelrunde Elsnerin; auch bei Chriſtel ſprach ſie ein. Was ſte hier zu ſuchen hatte? Vielleicht wollte ſie ſich einen Moment bei Beckersverſchnaufen und ihnen von dem kranken Junker erzählen, vielleicht Ae DerAccoucheuſe, Blutigelſetzerin und Hübner⸗

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