Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

das die dazu benutzte Subſtanz iſt; die Doſis, die man davon nehmen muß, um einen bemerkbaren Erfolg zu erlangen, iſt verhältnißmäßig beträchtlich; es iſt ſchwierig anzuwenden, ohne daß man an ſeinem ſcharfen Geſchmack wahrnimmt, daß man eine ungewöhnliche Subſtanz verſchluckt. Das Gift der Vaudoux, deſſen Gebrauch unglücklicher Weiſe häufig iſt, tödtet oder ſchläfert ein, macht dumm, betäubt oder erzeugt einen raſenden Wahnſinn, je nachdem man das Bedürfniß hat, bei dem Opfer dieſe oder jene Wirkung zu erzeugen. Ich habe in Neu⸗Orleans und in Mexico Erkundigungen über die Vaudoux eingezogen und man hat mir das Folgende geantwortet:

... Die Vaudoux, welche urſprünglich Afrika ange⸗ hören, wie ich perſönlich glaube, ſind unter uns ſehr verbreitet; ſie bilden eine gefürchtete Secte. Welches iſt ihr wahres Ziel? Das vermöchte in den vereinigten Staaten Nordameri⸗ kas Niemand deutlich zu erklären; aber was ich mit hunderte tauſend Zeugen überraſchender und ſtrafbarer Thatſachen behaupten kann, iſt, daß die Vaudoux ein politiſches oder Privat⸗Intereſſe, die Habſucht, die Rache zu ihrem Bewe⸗ gungsgrunde haben. Oft ſind ſie die blinden Werkzeuge eines großen Verbrechens; ſie beſitzen wichtige Geheimniſſe über die Eigenſchaften einiger mehr oder weniger bekannten Pflanzen; ſie fertigen Parfums oder Gifte, deren Wirkungen ſehr ver⸗ ſchieden ſind: die einen tödten langſam, andere mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit; noch anderegreifen die Vernunft in ver⸗ ſchiedenen Graden an oder zerſtören ſie gänzlich. Sie kennen auch beſondere Gegengifte. Viele Creolen, Weiße und Farbige gehören zu dieſer Secte; Einige bekleiden ſogar in der Geſellſchaft ſehr hohe Stellungen...

Folge. 621

Eine der ſonderbarſten und der untrüglichſten Erſchei⸗ nungen der Vergiftungen vermittelſt des Giftes der Vaudoux i*ſt die fixe Idee der unglücklichen Narren, ſich fortwährend vor Gift zu fürchten, ihre Nahrung zurückzuweiſen, ihre Ver⸗ wandten, Freunde und Nachbarn zu fliehen, in denen ſie eben ſo viele Giftmiſcher zu erkennen glauben.

Man hatte mich in Bezug auf dieſen Gegenſtand in der Revue des Deux-Mondes auf die Veröffentlichung außerordentlich merkwürdiger Artikel verwieſen, die vor etwa ein Dutzend Jahren erſchienen waren. Ich habe ſie nicht auffinden können, aber man hat mir ein im Jahre 1857 bei dem Buchhändler Gaume erſchienenes Buch mitgetheilt, wel⸗ ches den Titel führt: Le Journal d'un Missionnaire au Mexique, und darin finde ich Capitel VI, Seite 353, eine Geſchichte, von der man ſicher nicht vermuthet hat, daß ich ſie eines Tages zur Stütze meiner Behauptung citiren würde. Ich bitte um die Erlaubniß, ſie wirklich mittheilen zu dürfen, ohne ein einziges Wort daran zu ändern.

Ein in Matamoros wohnender Europäer hatte eine junge Mexicanerin verführt und ihr verſprochen, ſie zu hei⸗ rathen. In dem Augenblicke, wo die Heirath ſtattfinden ſollte, zeigte er Bedenklichkeiten und ſchließlich zog er ſein Wort ganz zurück. Die Eltern des jungen Mädchens zeigten ſcheinbar keine Rachſucht; ſie ſetzten ihre freundſchaftlichen Beziehungen zu dem Verführer fort, der ſich bald überredete, ihm ſei Alles vergeben.

Eines Tages lud man ihn zum Mittagseſſen ein; am Ende der Mahlzeit wurde er von einem heftigen Schwindel befallen, der von großem Kopfſchmerz begleitet war; er rief, er ſei vergiftet, ergriff die Flucht und ſtürzte ſich Brownsville

Einer meiner Freunde, welcher Neu⸗Orleans bewohnt, erzählte mir, er habe oft in den entfernten Straßen der Vor⸗ ſtadt Tremé blecherne, mit Oel angefüllte Büchſen angetroffen, in denen ſich ein viereckiger Stein befand, deſſen Größe ſich nach dem Umfange der Büchſe richtete. Bei einbrechender Nacht wurden ſie auf die Schwelle der Hausthüre geſetzt. Es dauerte ſehr lange, ehe er Jemanden traf, der ihm dieſes eigenthümliche Phänomen erklären konnte oder wollte. Erſt nach mehreren Jahren erfuhr er, es ſei ein populäres Vor⸗ beugemittel gegen die Bosheit der Vaudoux.

Ein Franzoſe, der ſeit 1850 ſich in Mexico niederge⸗ laſſen hat, antwortet mir auf meine Frage über die Möglich⸗

Vaudoux:

keit einer Vergiftung durch ein Mitglied der Secte 4

. Das, was Sie mich fragen, fiel uns Allen ein,

ass wir den unerklärbaren und plötzlichen Wahnſinn dieſer

armen Prinzeſſin erfahren haben. Es iſt vollkommen wahr, daß Thatſachen dieſer Art in dieſen großen, unvollſtändig er⸗ forſchten und ſehr wenig regierten Landſtrichen nicht ſelten ſind. Bei jedem Schritte trifft man auf ſeltſame Dinge und ich meinerſeits kann Ihnen erzählen, was der Mutter einer Frau begegnet iſt, welche noch in dieſem Augenblicke in meinen Dienſten ſteht.

4 Eines Abends durch ein Billet, dem ſie Glauben ſchenkte, in ein Haus gelockt, verließ ſie ihre beiden Kinder und ihre Negerin, ohne ihnen zu ſagen, wohin ſie ſich begebe.

Haus zu Haus, um ſie zu ſuchen und fand ſie zuletzt in dem

Erdgeſchoß einer verlaſſenen Wohnung auf dem Fußboden liegen. Sie hatte von dem Gifte der Vaudoux getrunken und

erlangte nie ihre Vernunft wieder; ſie glaubte immer Leute zu ſehen, welche ſie vergiften wollten und wollte mit Niemandem ſprechen...

Die Negerin, welche über ihre Abweſenheit beſorgt war, ging von V

gegenüber in den Rio Grande. An dieſer Stelle gehen fort⸗ während Perſonen, Spaziergänger und hauptſächlich Faßbin⸗ der, vorüber; man zog ihn aus dem Waſſer und ſein Leben war gerettet, aber ſeine Vernunft war verloren.

Von einem Franzoſen aufgenommen, füllte er deſſen Haus mit Schreckensgeſchrei; jede Perſon, welche er ſah, war für ihn ein Giftmiſcher. Er wollte keine Art von Nahrung zu ſich nehmen. Er entfloh, ſtürzte ſich von Neuem in den Rio Grande und wurde auch dieſes Mal lebend herausgezogen. Dann erklärte eine farbige Frau, welche lange Zeit in Louiſiana gelebt hatte, dieſer Wahnſinn biete alle charakteriſtiſchen Merkmale deſſen dar, welcher durch den Ge⸗ nuß flüſſiger Getränke, Arzneimittel oder Wohlgerüche er⸗ zeugt werde, die nur der Secte der Vaudoux bekannt ſeien. Sie verſicherte, wenn man dieſen Unglücklichen dazu be⸗ ſtimmen könnte, die beabſichtigte, aber abgebrochene Hei⸗ rath zu vollziehen, ſo werde ſein Wahnſinn aufhören. Die Folge bewies die Richtigkeit dieſer Behauptung. Nach einem Beſuch, welchen dieſer junge Mann in einem ſeiner lichten Augenblicke bei den Eltern des Mädchens machte, das er verlaſſen hatte, kehrte ſeine Vernunft bei ihm zurück und die Hochzeit wurde einige Tage nachher gefeiert.

Dieſe ſonderbare Thatſache hat ſich unter meinen Augen ereignet.

Das erzählt ein Prieſter in einem Buche, das vor zehn Jahren gedruckt worden iſt. Ohne dieſes unumſtößliche Zeugniß würde ich noch lange Bedenken getragen haben, die ſeit dem letzten Monat Juli zu meiner Kenntniß gelangten näheren Angaben, die ich geſammelt und geduldig zu vervoll⸗ ſtändigen geſucht habe, der Veröffentlichung zu überlaſſen, die ich aber jetzt mit der Ueberzeugung gebe, über dieſen dunkel gebliebenen Winkel der mexicaniſchen Frage einiges Licht verbreitet zu haben. Wenn die aus Rache oder aus