Jahrgang 
27-52 (1867)
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620 Novellen⸗ Liebhaber des Mädchens. Der Name deſſelben fiel ihm, er wußte ſelbſt nicht wie und warum, plöͤtzlich bei einem Ver⸗ höre ein. Er erzählte, was die Magd ihm davon mitgetheilt.

Augenblicklich ward heimlich nach dieſem geforſcht. Der erſte verdächtige Umſtand, der ſich ergab, war der, daß Johann Feil, ein Tapezierergeſelle, am andern Tage in der Schlafſtelle, die er inne hatte, im Bett geblieben, angeblich, weil er krank. Am dritten Abend erſt war er ausgegangen; am vierten verabſchiedete er ſich von ſeinem Wirthe, weil, wie er vorſchützte, eine kleine Erbſchaft ihn nach Wrietzen rief.

Seitdem war er verſchollen.

Bei angeſtrengten Nachforſchungen aber war er ſchon am zehnten Tage nach der That in einem Dorfe bei Freien⸗ walde eingefangen. Man brachte ihn nach Berlin, inquirirte ihn und ſtellte ihn endlich Wendler gegenüber.

Als dieſer ihn durchdringend anſah und erklärte, der Geſtalt nach könnte er der ſein, deſſen Hals er von der Gemordeten umkrallt geſehen habe, erbleichte Feil, ſchluckte ängſtlich und fühlte ſich an die Gurgel.

Einen Moment darnach war ihm das Halstuch gelöſt und man ſah, daß ſich unter dieſem und dem Hemdkragen blaugelbe Flecke, Nagelriſſe und Maale fanden, die entſetzlich für ſeine Schuld ſprachen.

Noch an demſelben Tage geſtand er ſein Verbrechen ein.

Er hatte ſeine Liebſte ausgekundſchaftet, von ihr erfahren, daß die Wittwe viel Geld eingezogen und der Sohn verreiſt war. Dieſe Umſtände trieben ihn zu dem ſcheußlichen Verbrechen, durch das er ſich zum reichen Manne machen wollte. Um jenes ausführen zu können, lockte er das Mädchen zu dem Tanzvergnügen im Coloſſeum, ſpielte dann den Ungetreuen, tanzte und ſchäkerte mit einer Anderen und entwich dann heimlich, um ſein finſteres Werk zu beginnen.

In ſeiner blinden Gier nach dem Mammon hatte er die Verkehrtheit ſeiner Manipulation auf dem Tanzboden nicht erkannt: er hatte vergeſſen, daß das Mädchen, von ihm verlaſſen, früher nach Hauſe gehen könne, als ihm das erwünſcht ſein müſſe.

An der Thür aufgehalten, ſtieß nun Wendler zu ihr, der ſeinerſeits durch ſein Mitleid an der Situation des Mädchens, wie wir geſehen haben, in die fürchterlichſten Verwickelungen kam.

Wir hören ſie ihn mehrfach ſpäter ſeinen Bekannten und Freunden erzählen und haben ſie hier an die Oeffent⸗ lichkeit gebracht, nur um dadurch darzuthun, wie ſeltſam in der That die Verhältniſſe und Lagen ſein können, in die auch der unſchuldigſte Menſch zu gerathen vermag.

Das Gift der Vaudour.

Unter der obigen Ueberſchrift veröffentlicht der Figaro den folgenden Artikel, für deſſen Inhalt wir natürlich keine Verantwortlichkeit übernehmen können, den wir aber unſern freundlichen Leſern nicht vorenthalten wollen, da er ſich auf eine unglückliche Kaiſerin bezieht, deren trauriges Geſchick die allgemeinſte Theilnahme findet. Jedenfalls iſt der Artikel ſehr beachtenswerth. Er lautet:

Die Kaiſerin Charlotte iſt von Miramar nach Brüſſel gebracht worden. Die beiden Aerzte, welche ihr bisher zur Seite ſtanden und mit ihrer Cur betraut waren, ſind durch einen berühmten Irrenarzt erſetzt worden und vielleicht werden neue ſorgfältige Mittel über die geheimnißvolle Krankheit

erzeugt wird?

Zeitung.

triumphiren, welche das Leben der hohen Kranken bedroht, nachdem ſie ihre Vernunft zerſtört hat.

Es iſt ohne Zweifel nicht unpaſſend, in dieſem Augen⸗ blick die Meinung der Mexicaner über dieſes ſchreckliche Ereigniß wiſſen zu laſſen, welches das Geſchick des mexica⸗ niſchen Kaiſerreichs beſchleunigte, indem es Maximilian ſeiner beſten Beratherin beraubte. Mir liegen Briefe von ver⸗ ſchiedenen Perſonen und Daten vor, welche von Perſonen herrühren, die mir durch ihre Wahrhaftigkeit, ihre Stellung, ihre lange Erfahrung in Mexico das vollſtändigſte Vertrauen einflößen. Ich laſſe hier die wichtigſten Stellen dieſer Corre⸗ ſpondenz folgen:

... Bezweifeln Sie es keinen Augenblick, dieſer Wahnſinn iſt die Folge eines Verbrechens; es war bekannt, ehe es begangen wurde und ich ſende Ihnen beiliegend zwei Artikel aus amerikaniſchen Zeitungen, deren Datum für Sie eine Enthüllung ſein wird. Sie ſprechen von Wahnſinns⸗ anfällen, von denen die Kaiſerin am Bord des Packetbootes

befallen worden ſein ſoll, wo ſich nichts Aehnliches ereignet

hat. Ueberdies konnte man, ſelbſt wenn das Uebel zum Ausbruch gekommen wäre, auf unſerm Continente(Süd⸗ amerika) davon keine Kunde haben, weil die Kaiſerin ſich damals zur See befand... Ein andrer Brief: 4 . JIhre Majeſtät wurde durch ein Billet, das ſie in ihrem Toilettenkäſtchen fand, davon in Kenntniß geſetzt, daß ihr Leben durch eine sbefreundete Hand» bedroht ſei. Sie ſchiffte ſich ein, ohne äußerlich das geringſte Zeichen von Mißtrauen zu geben. Man hat uns aber berichtet, daß ſie es während der Ueberfahrt vermied, mit.. außer den Mahlzeiten am Bord genoß ſie nichts und eines Tages verweigerte ſie ſogar, eine Taſſe Chocolate anzunehmen, welche von... bereitet worden war. Sie mißtraute demnach ihrer Umgebung, ſei es aus Inſtinct, oder in Folge rhal⸗ tenen Warnung, welche ſpäter zu ſehr vernachläſſigen r Laſſen Sie uns jetzt die gegebenen Erklärun N, f

die Zeit des Verbrechens und deſſen ſofortige Folgen ſehen;

ich werde fortfahren, die Auszüge aus Briefen, welche auf dieſe Angelegenheit Bezug haben, in der möglichſt größten logiſchen Ordnung folgen zu laſſen.

Die Vergiftung hat auf der Reiſe nach Rom ſtattge⸗ funden, das iſt gewiß. Vorher war keine Spur davon zu

. allein zu ſein;

bemerken; wenn ein Verſuch damit gemacht worden iſt, ſo iſt

er nicht gelungen. Man hat ihr die Doſis Gift entweder am. Abend vorher oder am Morgen des Tages, wo ſie die Audienz

im Vatican hatte, beigebracht. Eine etwas ſtärkere Deſis 7

der Tod wäre unvermeidlich geweſen; in der Erzählung Ihrer öffentlichen Blätter finde ich alle Symptome des Giftes der Vaudoux.*)

Nun ſind wir endlich bei dem Gifte der Vaudoux! Es i*ſt das erſte Mal, daß dieſes Wort ganz laut ausgeſprochen und wegen der Kaiſerin Charlotte gedruckt wird. Es hat die ganze Wichtigkeit, den ganzen Werth einer Enthüllung. Man hat von dem Toloache geſprochen, aber ich glaube nicht, daß

. 1 *) Als man in Europa aus Privatbriefen und durch die K

Preſſe nähere Angaben über die Krankheit der Kaiſerin erhielt, gaben alle Erzählungen einſtimmig folgende Symptome an: eine heftige Kriſis nach einem plötzlichen Anfalle, eine große Ueberrei⸗ zung, Verweigerung der Nahrungsmittel, ein gebieteriſches Bedürf⸗ niß der Einſamkeit, die Herrſchaft der fixen Idee einer Vergiftung. Ihre Majeſtät ſah in allen Perſonen ihrer Umgebung, in Allen, die ſich ihr näherten, Leute, welche ſie vergiften wollten. Iſt das nicht ganz genau die Wirkung, welche durch das Gift der Vaudoux